Geschichten aus dem Leben
Story to Grow bei 'Graz Erzählt 2026`
Text: Sigrun Karre - 03.06.2026
Zum Auftakt der 39. und letzten Ausgabe des International Storytelling Festivals in Graz erzählten ganz unterschiedliche Persönlichkeiten von Träumen – und davon, was aus ihnen werden kann.
Graz erzählt eröffnete am 21. Mai um 18.30 mit Story to Grow – Wenn Träume Wirklichkeit werden im Skyroom des Styria Media Centers in Graz. Es war ein inspirierender und warmherziger Abend, charmant moderiert von Julia Oswald, der sich um reale Lebensgeschichten von fünf sehr unterschiedlichen Persönlichkeiten drehte. In der ersten Geschichte realisierter Träume erzählte Mental- und Achtsamkeitstrainerin und Neo-Autorin Nina Kondler davon, wie sie auf dem Weg zum ersten Buch gleich einen Verlag gegründet hat. Bei studio wonderwords ist nun ihr Kinderbuch „Du bist ein Wunder. Eine Reise in die innere Welt“ erschienen und im verlagseigenen Online-Shop zu erwerben. Auch auf Englisch liegt das Buch vor, was (auch) mit ihrer Vorliebe für die Band Coldplay zu tun hat, die – weil Träume ja niemals aufhören, nur größer werden – den Soundtrack für die Verfilmung des Buches spielen sollen. Denn „Träume sind das Flüstern unserer Seele, eine Liebenserklärung an das, was sein kann“ ist Nina Kondler überzeugt und hat keine Angst davor, „richtig groß“ zu träumen. Sie inspiriert dazu, Grenzen im Kopf zu sprengen und Träume nicht kleiner zu machen, nur damit sie realistischer wirken.

Nina Kondler, Fotocredit: lueflight
Dass die Lebensgeschichte von Anita Frauwallner noch nicht verfilmt wurde, wundert tatsächlich. Ihre humorvoll vorgetragene Geschichte hört sich an wie das Script einer Hollywood-Heldin. Die Erfinderin von Omnibiotic war einst eher den Geisteswissenschaften zugewandt und als junge Germanistik-Assistentin auf dem Weg zu einer universitären Karriere, da traf sie ihre große Liebe, einen Medizinstudenten, der an einer chronischen Erkrankung litt, für die die Schulmedizin kein Rezept hatte. Aus dieser persönlichen Erfahrung entstand ihr Interesse an Ernährung und zahlreichen Weiterbildungen. Als ihr Mann mit 40 Jahren an Darmkrebs verstarb, der zweite große Verlust nach dem frühen Tod des Vaters, zerbrach sie daran nicht, sondern fragte sich: „Was habe ich übersehen?“ Von da an verschrieb sie ihr Leben dem Traum, mit vollkommen natürlichen Substanzen Menschen gesundheitlich helfen zu können. So entwickelte sie vor 30 Jahren das erste Multi-Spezies-Probiotikum, dass sie zuerst in einer eigenen Apotheke verkaufte, bis das wissenschaftliche Interesse an ihrer Arbeit international immer größer wurde, und erste große Studien folgten. Etliche Prozesse mit „Big Pharma“ ließen nicht lange auf sich warten. Heute ist sie eine der erfolgreichsten Unternehmerinnen des Landes mit mehr als 500 Mitarbeiter:innen in über 40 Ländern weltweit. Auch als Kunstmäzenin ist sie bekannt – und kann mit derselben ansteckenden Begeisterung über ein Kunstwerk sprechen wie über „ihre Darmbakterien“. Damit ist die Geschichte aber noch nicht zu Ende: Mit 69 Jahren ist sie ihrem erklärten großen Traum, mit Bakterien dem Krebs den Kampf anzusagen, gerade ein konkretes Stück näher gekommen …

Anita Frauwallner, Fotocredit: lueflight
Paul Guschelbauer hat seine Geschichte wiederum einer langweiligen Uni-Vorlesung und einer Red Bull-Werbespot zu verdanken, zumindest als Initialmoment für eine nahezu fantastische Abenteuergeschichte. Um bei den Red Bull X-Alps teilzunehmen, lernte er Gleitschirmfliegen – und schaffte es nach vier Jahren Training bei der internationalen Extrem-Challenge, die als härtestes Rennen der Welt gilt, völlig überraschend gleich auf Platz drei.
Offen spricht er auch über Rückschläge in seiner Karriere als Red Bull Athlet, und was er über das Leben und sich selbst dabei gelernt hat. Zum Beispiel, dass man „Raum für den Flow“ lassen muss und Träume sich verändern – oft noch bevor man sich dessen bewusst wird. Später machte er den Pilotenschein, erfüllte sich in Alaska den Traum vom „Campen“ mit dem eigenen Flugzeug und flog bis nach Patagonien. „Unser Leben ist eine direkte Abbildung davon, was wir über uns selbst und andere denken“ ist Paul Guschelbauer überzeugt, und auch ein Großteil des Publikums stimmt dieser Aussage überraschenderweise zu.

Paul Guschelbauer, Fotocredit: lueflight
Viele solcher Traum-Momente haben die beiden offenbar genützt: Ali ist im Flüchtlingsheim aufgewachsen, hat die Schule abgebrochen, hatte eine Karriere in der Wirtschaft, dann ein Burnout, das ihn zum Quereinstieg in den Lehrerberuf führte. Dabei entstand die lose Idee, eine gemeinnützige Plattform mit Video-Interviews über Berufe für die Schüler:innen zu erstellen. Eine Party und einen Anruf vom ORF später wurde aus dem gemeinnützigen Projekt ungeplant ein Geschäftsmodell und eine Karriere im Eiltempo.

Anna Mahlodji, Fotocredit: lueflight
Dabei – und damit verbunden auch bei der Begegnung von Anna und Ali – hatte so oft der Zufall ein glückliches Händchen im Spiel, dass man glaubt, einem Märchen des 21. Jahrhunderts zu lauschen. Und mit Märchen hat schließlich auch für den Gründer des Festivals, Folke Tegetthoff alles begonnen, als er, als Märchenerzähler bereits international bekannt, sein erstes Festival vor 39 Jahren mit jüdischen Geschichten startete und später thematisch und örtlich immer mehr erweiterte. Auch er ist mit 72 ein Träumer geblieben – ein realistischer, pragmatischer wie er betont – und zieht nun mit seiner Frau nach Kerala in Indien. Denn dort, so ist der Vielreisende zur Überzeugung gelangt, gibt es ihn noch: den Moment – den einzigen "Ort", an dem man nicht nur existiert, sondern tatsächlich lebt.
