Rote Fahnen am Griesplatz

steirischer herbst '26: Red Flags

Text: KUMA-Redaktion - 23.06.2026

Rubrik: Kunst

Julian Warner, Fotocredit: Bruno Tenschert

Der steirische herbst 2026 startet am 24. September unter dem Titel „Red Flags“ – und nimmt den Begriff wörtlich wie metaphorisch.

Was in der Dating-Kultur als Warnsignal für problematische Beziehungen kursiert, wird beim Festival zur politischen Diagnose: für eine Gegenwart, in der Solidarität, Gleichberechtigung oder auch nur gemäßigt linke Positionen rasch selbst zur „Red Flag“ erklärt werden. Die 59. Ausgabe, kuratiert von Ekaterina Degot, David Riff, Line Spellenberg und Pieternel Vermoortel, sucht nicht den Rückzug an vermeintlich neutrale Orte.

Alina Kleytman, Baby Democracy (2026), Standbild, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Ein Leerstand als Gesamtkunstwerk

Der zentrale Ausstellungsort befindet sich heuer am Griesplatz 34 – in einem Haus aus dem 17. Jahrhundert, das zuletzt eine Filiale der Schnitzellokal-Kette „Zu den 3 Goldenen Kugeln“ beherbergte. Ein Leerstand also, weit entfernt vom weißen Museumsraum, mitten in einem diversen, lebendigen, aber auch von prekären Realitäten geprägten Viertel. Man sei, betont Degot, „nicht zufällig in Gries, wir sind hier in Solidarität“. Der Ort selbst werde dabei Teil des Programms: „Wie bei einer Art Gesamtkunstwerk.“ Die Ausstellung verwandelt die Räume des Hauses in immersive Welten, in denen die Kulturkämpfe und realen Kriege der Gegenwart bis ins Private vordringen. Zu begegnen ist feministischen Sektenmitgliedern, postkolonialen Detektiven, Schützengraben-Camgirls, Kunstwelt-Vampiren und anderen eigentümlichen Hausbewohner:innen. Die Ausstellung bleibt über den Festivalzeitraum hinaus bis 15. November geöffnet, im Erdgeschoss zieht das herbstcafé ein.

Xenia Koghliaki, Foto: Pinelopi Gerasimou für Onassis Stegi

Wrestling, Wut und toxische Tänze

Eröffnet wird der herbst am 24. September am Karmeliterplatz mit Julian Warners „No Surrender: Kampf um die Moderne“, einer musikalischen Performance mit Wrestlingmatch. Danach geht es in der Helmut List Halle mit Alex Baczyński-Jenkins’ „Angelic Conversations“ weiter, einer Tanzperformance zwischen Clubkultur, politischer Wut, christlicher Bildsprache und queeren Elementen. Am zweiten Eröffnungsabend wird die zentrale Ausstellung am Griesplatz mit Xenia Koghilakis „Slamming Unplugged“ eröffnet; zuvor hält die Philosophin Oxana Timofeeva im Orpheum Extra eine Keynote. Im Orpheum folgt Franz von Strolchens Uraufführung „Austria Demenzia“. Auch das Performanceprogramm bleibt nahe an den Konfliktzonen der Gegenwart. Lina Majdalanie und Rabih Mroué verbinden in „Four Walls and a Roof“ Bertolt Brechts Anhörung vor dem Komitee für unamerikanische Umtriebe mit heutigen ideologischen Grabenkämpfen. Lukas Michelitsch widmet sich in „Kampfgruppe Avantgarde“ der vergessenen Geschichte des Widerstands gegen das Naziregime im Grenzgebiet des heutigen Slowenien. Die Rabtaldirndln wiederum bearbeiten in „Dreschen: Ein Brauchtum“ das Spannungsfeld von Patriarchat, Gewalttradition und Femizid – angekündigt sind Gstanzln, Witze und toxische Tänze. Azade Shahmiri richtet in „Undernote“ den Blick auf den Iran und seine Gegenwart.

Josefin Arnell, Edge of Empire (2026), Standbild, mit freundlicher Genehmigung der Künstlerin

Kabarett, Diskurs und Festivals im Festival

Fixer Bestandteil bleibt auch das herbstkabarett, unter anderem mit Carmen Chraim, Krõõt Juurak, Hendrik Quast, Hanik Soleimani und Naya de Souza. Die herbst Deathmatches kehren als streitlustige Diskursform zurück. Am Diskursprogramm wird heuer auch Ruth Beckermann teilnehmen. Zum steirischen herbst gehören außerdem wieder das ORF musikprotokoll, das unter dem Titel „Supernova“ vom 3. bis 11. Oktober nach Ursprüngen zwischen Mikro- und Makrokosmos fragt, sowie das Literaturfestival Out of Joint. Das vollständige Programm wird am 10. August veröffentlicht, dann startet auch der Online-Ticketverkauf.