Inseln der Ruhe und Entspannung, deren Betten eine Unruhe in sich tragen

Kunst: Islands of Loners – Inseln der Einsamen, Forum Stadtpark

Text: Robert Goessl - 23.05.2026

Rubrik: Kunst
Ausstellung „Islands of Loners – Inseln der Einsamen“ im Forum Stadtpark

„common ground II“und „you fought hard and you saved and earned“ mit Kaffemaschine von Xenia Lesniewski (Fotocredit kuma)

Auch wenn es auf den ersten Blick wirkt, als hätte das Forum in der Ära des Spätkapitalismus aus der Konkursmasse des Möbelhauses Leiner günstig ein paar Betten erstanden, so steckt im Ausstellungsraum doch etwas mehr dahinter – im Raum zwischen erzwungener und freiwillig gewählter Einsamkeit, der bei dieser Ausstellung sehr weit wirkt. In dieser Weite sind die einzelnen Objekte wie Inseln verteilt, in einem Meer der Leere, mit kleinen Orten der wirklichen oder erzwungenen Ruhe, der vordergründigen Entspannung mit möglichem bösen Ende und der zurückbleibenden Unruhe.

Und diese Unruhe spürt man so richtig gleich bei Xenia Lesniewskis Installationen „common ground II“ und „you fought hard and you saved and earned“. Es atmet ein Bett und daneben qualmt ein Laptop, und mit etwas Abstand steht da auch noch eine Kaffeemaschine, die unaufhörlich vor sich hin rinnt. Es wirkt, als wäre da ein Mensch beim immerwährenden Homeoffice in sich zerfallen und vom Erdboden verschwunden, während die Wohnung um ihn sein hektisches Leben als Leerlaufhandlung weiterführt, als hätte ein unsteter, arbeitswütiger Geist von ihr Besitz genommen.
Ausstellung „Islands of Loners – Inseln der Einsamen“ im Forum Stadtpark

„common ground II“von Xenia Lesniewski (Fotocredit kuma)

Traurigkeit und Einsamkeit in der Bettwäsche festgeschrieben

Ebenfalls um Abwesenheit geht es in Elodie Grethens Objekt „feeling blue“, doch steht hier das Bett für sich allein. In der Einsamkeit der Pandemie stellte sie ihr Bett ins Freie und ließ ihre Konturen vom Sonnenlicht mit blauer Farbe in eine lichtempfindliche Bettwäsche einschreiben – eine Sichtbarmachung eines abgeschiedenen Daseins für die Ewigkeit, ein grafisch festgehaltenes, fixiertes Nichtstun, nur beobachtet von einer mechanischen Katze, die sich gelegentlich ein klein wenig bewegt – aber wirklich nur ein ganz klein wenig.
Ausstellung „Islands of Loners – Inseln der Einsamen“ im Forum Stadtpark

„feeling blue“ von Elodie Grethen (mit Katze) (Fotocredit kuma)

Ein gemeinsam getrenntes Bett nach getaner Arbeit

Zu einer literarischen Bastelstunde über gemeinsames Alleinsein lädt Johanna Pichlbauer. Den Hintergrund dazu bildet Italo Calvinos Erzählung „Arbeiterehe“ von 1958, in der es darum geht, dass sich ein Ehepaar zwar ein Bett teilt, aber aufgrund von unterschiedlichen Arbeitszeiten fast nie gemeinsam dort Zeit verbringt. Insofern ist es stimmig, dass man sich dann selbst beim Lesen des dort aufliegenden Textes mit einem Bastelbogen zurückziehen kann, um dabei eine Miniaturversion des Bettes zu erschaffen – ohne Arbeit geht es eben doch nicht, auch wenn durch sie nur ein Abbild als Miniatur entsteht.
Ausstellung „Islands of Loners – Inseln der Einsamen“ im Forum Stadtpark

„Arbeiterehe“ von Johanna Pichlbauer/Italo Calvino (Fotocredit kuma)

„Eigentlich müsste ich das doch können.“

Auch literarisch, wenn auch großflächiger, geht es in „Kannst nur sagen ich weine 12:47“ von Fred Heinemann zu. Der Künstler ist selbst von ME/CFS betroffen und daher sind kleinste Dinge mit ungehöriger Anstrengung für ihn verbunden, die er in Worte fasst. So hängt über einem Bett, in das man sich vor Ort auch hineinlegen darf, eine Sammlung seiner Sätze und seiner Texte, groß auf Textil gedruckt, in die man dann liegend vor Ort eintauchen oder sie einfach kleinflächiger für zu Hause mitnehmen kann. Es ist der Versuch, über das Schreiben einen Ausweg zu finden, zumindest etwas von sich zu geben, um andere darauf aufmerksam machen zu können, dass man zwar gezwungen ist, sich nahezu ganz von der Welt zurückzuziehen, aber dass man noch da ist – und damit sich das selbst auch jeden Tag neu zu beweisen. „Wie kann das Unsichtbare dieser Krankheit, wie kann diese drastische Erschöpfung meines Körpers in der Sprache Form finden?“
Ausstellung „Islands of Loners – Inseln der Einsamen“ im Forum Stadtpark

„Kannst nur sagen ich weine 12:47“ von Fred Heinemann (Fotocredit kuma)

Neben diesem Projekt sind in dieser Ausstellung auch Zeichnungen von Menschen auf einem Bildschirm zu sehen, die an ME/CFS erkrankt sind, auf denen sie ihr Bett, ihre Leiden und ihre Einsamkeit mit Bleistift auf Papier bringen, um ihre Krankheit nach außen sichtbar zu machen.
Ausstellung „Islands of Loners – Inseln der Einsamen“ im Forum Stadtpark

Fotocredit kuma

Buddhistischer Ansatz einer Schlafhöhle mit unbekannter Wirkung

Wenn man sich zu der Installation „Reign of Silence“ von Lukas Marxt begibt, kommt man zu einem selbst gebauten, unerzwungenen Rückzugsort: Sein Video von einem kreisenden Boot, das unaufhörlich Wellen erzeugt, ist eingebettet in eine Tuchend-, Polster- und Deckenhöhle, gebaut von den fünfjährigen Kindern Josefa und Paul. Die Situation lädt zum Hineinschlüpfen und hypnotischen Zusehen ein. Die ständig gleich kreisende Bewegung des Bootes in einem See zeigt dabei den Eingriff des Menschen in die Natur als Selbstzweck, wobei die neu erzeugten Wellen mit vergangenen Wellen Resonanzen ergeben, die unvorhersehbar sind. Sie können einander auslöschen, aber auch verstärken. Link zum Video
Ausstellung „Islands of Loners – Inseln der Einsamen“ im Forum Stadtpark

„Reign of Silence“ von Lukas Marxt verborgen in einer Deckenhöhle von Josefa und Paul (Fotocredit kuma)

Wenn man selbst in der Schlaflosigkeit vom Himmel fällt

In Martina Menegon Installation „falling asleep“ wird das „falling“ wörtlich genommen. An Schlaflosigkeit leidend, zählt sie keine Schafe, sondern sich selbst, vom Himmel fallend – live aus dem Netz als Video über dem realen Bett sichtbar gemacht, in dem ein nackter Avatar von ihr in unterschiedliche Haltungen auf ein virtuelles Bett fällt. Das Video kann auch aus dem Netz abgerufen werden, ist aber live auf dem Touchscreen über dem Bett mittels Berührungen beeinflussbar. Ob dabei beim Zählen mehr Ruhe oder mehr Unruhe entsteht, vor allem, da von außen in das System eingedrungen werden kann, bleibt offen. Auf jeden Fall wirkt die Stimmung am Bett eher aufgekratzt als ruhig. Link zu den fallenden Avataren zum Mitzählen
Ausstellung „Islands of Loners – Inseln der Einsamen“ im Forum Stadtpark

„falling asleep“ mit Display von Martina Menegon (Fotocredit kuma)

Eine gemütliche Wohnung, der der Schmerz innewohnt

Nicht nur ein Bett, sondern einen Teil einer Wohnung stellt Garry Barker in „Lonely Hearts Club“ und „I Wondered Lonely in a Choir“ in das Forum Stadtpark, wobei hier der Raum als alternder Körper zu verstehen ist. Die Second-Hand-Möbel in dieser abgewohnten Ecke sind mit Keramikfiguren vollgestellt, die den menschlichen Körper schmerzverzerrt, schreiend und geplagt darstellen. So sieht man einen Chor voller stummer Schreie vor sich, der im Kontrast zum gemütlichen Ambiente samt Tischfußballtisch steht, um eine verborgene Wahrheit zu vermitteln, die unter der Oberfläche schlummert. Es ist erlaubt, mit den einzelnen Figuren zu spielen, sie zu verstellen und damit neue Konstellationen zu erschaffen und damit den Schmerz woanders hin zu verlagern.
Ausstellung „Islands of Loners – Inseln der Einsamen“ im Forum Stadtpark

„Lonely Hearts Club“ und „I Wondered Lonely in a Choir“ (auch von nahe) von Garry Barker (Fotocredit kuma)

Es stimmt hier etwas zwischen den Betten nicht

Egal ob freiwilliger oder erzwungener Rückzug, es scheint da etwas zu lauern, nicht nur zwischen den Inseln, sondern auch auf den Inseln selbst. Oder ist die Leere zwischen ihnen nur ein Abbild einer Gesellschaft, die mehr und mehr das soziale Miteinander verliert? Der Schlaf der unbekümmerten Einsamkeit und Sicherheit scheint hier Ungeheuer aus unterdrückten oder nach außen unsichtbaren Schmerzen und unerfüllten Wünschen, egoistischen Träumen und der manischen Wirklichkeit zu erschaffen. In dem Rückzug, den diese Ausstellung darstellt, steckt etwas Unheimliches, das den Raum erfüllt und ihn damit selbst daher auch zu einem Darsteller macht.
Ausstellung „Islands of Loners – Inseln der Einsamen“ im Forum Stadtpark

Ein Blick nach links (Fotocredit kuma)

Ausstellung „Islands of Loners – Inseln der Einsamen“ im Forum Stadtpark

Kuratiert und organisiert von Johanna Pichlbauer, Annika Stich, Markus Waitschacher und Robin Klengel Künster:innen: Garry Barker, Elodie Grethen, Fred Heinemann, Xenia Lesniewski, Martina Menegon, Lukas Marxt und mehr Geöffnet von 13.05.2026 - 18.06.2026 Di - Sa 14:00 - 18:00 Spezielle Veranstaltungen: 02.06.2026: Lonely planet 1: Care-Seiten: Chronische Erkrankungen, Sorge und Widerstand - Diskurs 09.06.2026: Curator’s tour und Island Hopping
Ausstellung „Islands of Loners – Inseln der Einsamen“ im Forum Stadtpark

Ein Blick nach rechts (Fotocredit kuma)