Ganzkörperliches Mantra auf Goldtextur
Kritik: ZOE, Lisa Horvath, UniT & Spielraum
Text: Lydia Bißmann - 06.06.2026
Rubrik: Theater
ZOE von Lisa Horvath ist ein Science-Fiction-Poem, das beim Dramatiker|nnenfestival 2026, das unter dem Motto „Verflechten“ stand, seine Uraufführung feierte. Die Performance ist Teil der Future Narratives Projects, die sich über die darstellenden Künste mit der Beziehung Mensch und Umwelt beschäftigen.
Hirn aus und Herz an, lautet die Devise bei der Performance ZOE, die sich anhand eines weniger linearen Textes (Lisa Horvath) und elektronischer Musik samt Theremin auf und in einem goldenen Fallschirm abspielt. Der Text, der mehr wie ein Mantra oder Gebet daherkommt, handelt von einer nichtmenschlichen Macht namens ZOE, die Wörter kurzerhand selbst zu züchten beginnt. Wohin das führen soll, wird nicht explizit erklärt, das ist aber auch nicht wichtig, in dem Stück geht es nicht um die primäre Bedeutung von Worten, es geht um ihre Schwingung. Ausdrücke wie Anthropozän oder Algorithmus verlieren in der metamorphen Performance von Maja Karolina Franke und Kristin Gerwien ihre Fadesse und werden einfach nur sperriges Beiwerk. (Das sind sie im Alltag ja auch, wie oft benutzen wir Begriffe, ohne deren ganz genaue Bedeutung wirklich zu kennen.) Gewandet in herrliche Kostüme, bewegen sich die beiden Darstellerinnen auf goldener Fallschirmseide, die sich durch bestimmte Bewegungen immer wieder in andere Formen aufbauscht. Das erinnert ein wenig an gruppendynamische Spiele im Ferienlager, und es geht auch um ein einvernehmliches Miteinander, um das Nichteinteilen in nützlich und nicht nützlich vom eigenen Standpunkt aus.

Maja Karolina Franke (Performance und Choreographie). Fotocredit: Edi Haberl)
Abstrakt-sinnliche Kapitalismuskritik in Glitzer
Meteoritenartige Skulpturen, die von der Decke hängen, bergen kleine Überraschungen und sorgen für ein futuristisches Szenario. Glitzerpailletten auf der Perücke und der raffinierte Samtanzug, der nach dem Herausschälen aus dem Rest des Alien-Kostüms bleibt (Kristin Gerwien, werden mit klugen und schlichten Interventionen wie einem Minischeinwerfer an der Hand kombiniert. „Alles, was ist, lebt und wirkt auf dich“ ist einer der Sätze, die bleiben, die den holistischen Ansatz ganz ohne Esoterik-Beigeschmack schlicht auf den Punkt bringen. Die Darstellerinnen teilen sich in einen progressiv-aktionistischen Part (Kristin Gerwien) und einen verzweifelt-kämpfenden (Maja Karolina Franke, mit sehr viel Körpereinsatz) auf. Es könnte aber auch eine Konzertperformance sein, (Sara Trawöger als Live-Musikerin wird wie eine mythologisch-göttliche Gestalt inszeniert), die nicht nur optisch an das Berlin der 1920er-Jahre erinnert, und tatsächlich befinden wir uns ja wieder in unheilschwangeren 20er-Jahren. Auch das Ambiente des Dom im Berg darf bei dieser Inszenierung seinen Teil dazu beitragen und gibt der Performance einen geerdeten, archaischen Anstrich, der einen schönen Kontrast zur Modernität der Darbietung herstellt.
Man darf sich bei ZOE wie bei einem Mantra einfach auf das Geschehen einlassen und alle komplizierten Wörter vergessen, weil man den Sinn ohnehin fühlt und weil es nicht um Nach-, sondern Vordenken geht. Science-Fiction eben, wo es darum geht, neue Welten zu schaffen und nicht die alten nachzuerzählen. Das ist schön, sanft, sinnlich und nicht zuletzt sehr urban.

Fotocredit: Edi Haberl
ZOE
Concept, Artistic Direction, Scenography, Text: Lisa Horvath
Direction and Production: Lisa Horvath & Victoria Fux
Music and Sound Design: Sara Trawöger
Vocals, Performance and Costumes: Kristin Gerwien
Choreography and Performance: Maja Karolina Franke
Voice-over German: Christina Lederhaas
Voice-over English: Tara Khozein
Dramaturgy: David Wimmer-Wallbrecher
Sound and Light: Tom Grassegger
Artistic Support: Sophia Scherer
Direction Voice-over: Martin Brachvogel
Choreographic Consulting: Marta Navaridas
Audio Recordings: Philipp Streicher (de), Kalle Kummer (en)
Translation into English: Kate McNaughton
Nächste Termine:
10.6. Shakespeare is dead festival, Leuven
18. + 19.9. Musiktheatertage Wien (Theater am Kabelwerk)

Fotocredit: Edi Haberl

Sara Trawöger. (Fotocredit: Edi Haberl)

Fotocredit: Edi Haberl

Science Fiction Landschaft mit schlichten aber raffinierten Mitteln bei ZOE. (Fotocredit: Edi Haberl)

Fotocredit: Edi Haberl
