Das ganze Universum in einem Staubkörnchen

Kritik: staub … a little mindblow*, Kollektiv spitzwegerich (Natascha Gangl)

Text: Robert Goessl - 29.05.2026

Rubrik: Theater
„staub … a little mindblow*“ vom Kollektiv spitzwegerich als Gastspiel beim Dramatiker|innen-Festival

Fotocredit: Apollonia Theresa Bitzan

Getrost kann man diese Produktion als das Premium-Gastspiel beim heurigen Dramatiker|innen-Festival bezeichnen. Ursprünglich im Kabelwerk des Theaters im Werk in Meidling gezeigt (Premiere 6. Dezember 2024), wurde diese Inszenierung 2025 für den Nestroy-Preis in der Kategorie „Beste Off-Produktion“ nominiert.

Der verspielte, fast schon lyrische Text für dieses Stück stammt von der Bachmann-Preisträgerin , die sich gemeinsam mit anderen Mitgliedern des Kollektivs spitzwegerich in die Welt des Staubes begibt. Das Ganze ist im Stil des Kollektivs ausgerichtet: Es trifft also überbordende Fantasie auf liebevoll arrangierten Low-Tech – in diesem u.a. Tonband und Overhead-Projektoren. Man dringt tief in die Wissenschaft ein und fördert dabei auch allerlei Skurriles zutage – es treffen also Fakten auf alltäglichen Nonsens und dabei werden allerlei Gerätschaften anders verwendet, als es ihrem ursprünglichen Zweck entspricht.
„staub … a little mindblow*“ vom Kollektiv spitzwegerich als Gastspiel beim Dramatiker|innen-Festival

Fotocredit: Apollonia Theresa Bitzan

Zu Anfang ein Ausbruch in lichte Höhen

So klein ein Staubkorn auch sein mag, am Anfang geht es ganz groß los. Der mitten auf der Bühne befindliche Monster-Lurch darf sich als Vulkan Tambora beweisen, der am 10. April 1815 auf der indonesischen Insel Sumbawa ausgebrochen ist und Staub bis in die Stratosphäre über die ganze Welt verteilt hat, wodurch es auf der gesamten Erde etwas kälter wurde. Entsprechend fliegen gelbe Staubkügelchen aus ihm heraus, bevor die Akteur:innen aus ihm herauskriechen können – so spannt man schnell einen Bogen zu Geo-Engineering in Zeiten des Klimawandels – wobei Mondstaub in der Atmosphäre die wahrscheinlich effizienteste Möglichkeit wäre, die Erde abzukühlen.
„staub … a little mindblow*“ vom Kollektiv spitzwegerich als Gastspiel beim Dramatiker|innen-Festival

Fotocredit: Apollonia Theresa Bitzan

„Staub hängt einfach gerne ab“

Doch der Hauptteil des Staubes befindet sich in der Wohnung, und man begibt sich in eine textliche Zeitschleife mit dem immer wieder auftauchenden Mantra: „Es ist Samstag. Samstags putze ich. Ich tunke das Wettex, blau, in den Kübel, grau, mit dem Allzweckreiniger, gelb. Und ich habe das Gefühl, es ist staubiger als letzte Woche.“ Wohin sich der Text auch immer entwickelt, „kehrt“ er stets zum samstäglichen Putzritual mit Gedenken an die Entropie zurück. Dass dieses Ritual vornehmlich weiblich ist, wird auch durch die Gedanken an die Mutter klar, denn diese hatte keine Dorfkontakte, keine Treffen mit anderen Frauen, stattdessen viel Kontakt zu Staub bei dessen Beseitigung. Die Reinigungskraft ist eben nach wie vor weiblich. Dass Putzen auch anders erfolgen kann, zeigt ein cooles Kübel-Wettex-Sampling, ein Ausdruckstanz am Wischmopp und ein Kübel-Ballett über den Köpfen.
„staub … a little mindblow*“ vom Kollektiv spitzwegerich als Gastspiel beim Dramatiker|innen-Festival

Fotocredit: Apollonia Theresa Bitzan

Die Sonne ist der größte Staubsauger in unserer Nähe

Man gelangt auf dem Weg durch so manche sprachlich originelle Staubwolken zum Sternenstaub, aus dem wir alle bestehen, zur Austauschbarkeit der Materie – und das alles vor einem unauffälligen Staub-Männlein im Bühnenhintergrund und vor dem pulsierenden Monster-Lurch, der immer wieder in die Überlegungen und in die Performance einbezogen wird. So zollt man ihm Respekt mit der Überlegung, dass sich der Lurch hinter dem Sofa auf eine Planetengeburt vorbereiten könnte. Doch letztendlich wird der Tag in ferner Zukunft kommen, an dem alle Materie in Strahlung verwandelt sein wird – es gibt also keinen Staub mehr –, ab dann ist alles bis zur Ewigkeit sauber. Doch vorher bleibt noch Zeit, mit dem Staub eine persönlichere Beziehung einzugehen. Schließlich verliert ein Mensch täglich zwischen ein und eineinhalb Gramm Hautschuppen, deren sich allgegenwärtige Milben annehmen (deren Treiben zur Sicherheit auch auf den Bühnenhintergrund projiziert wird), und deren Exkremente sich dann zu schönen Staubbällen formen. Drei solcher Bälle werden ins Publikum gereicht – diese scheinen aber etwas Besonderes an sich zu haben, da sie sich räuspern und murmeln, als würden sie allerlei Unmutsäußerungen von sich geben wollen.
„staub … a little mindblow*“ vom Kollektiv spitzwegerich als Gastspiel beim Dramatiker|innen-Festival

Fotocredit: Apollonia Theresa Bitzan

Wir sind alle durch Staub verbunden …

Nach fulminanten siebzig Minuten Performance hat man das Gefühl, dass einem Staub ein wenig sympathischer geworden ist, auch wenn das Aussteigen aus der Zeitschleife sich ein wenig schwierig gestaltet, aber man muss eben den Staub annehmen – schließlich können ja auch Hautschuppen eines geliebten Menschen ihn mitverursacht haben. Oder er stammt ursprünglich einfach aus Kiel und kam über Brasilien mit dem Flugzeug nach Graz. Nachdem sie also sehr viel herumkommen, hätten Staubkörner, wenn sie reden könnten, einander also sehr viel zu erzählen. Und nach dem Genuss dieser Aufführung könnte man als Mensch dabei gewiss ein klein wenig mehr mitreden. Denn der nächste Samstag kommt bestimmt …
„staub … a little mindblow*“ vom Kollektiv spitzwegerich als Gastspiel beim Dramatiker|innen-Festival

Fotocredit: Apollonia Theresa Bitzan

„staub … a little mindblow*“ vom Kollektiv spitzwegerich als Gastspiel beim Dramatiker|innen-Festival

Idee, Konzept: Kollektiv spitzwegerich Text: Natascha Gangl Von: Shabnam Chamani, Simon Dietersdorfer, Fabricio Ferrari, Simon Hajos, Felix Huber, Birgit Kellner, Aslı Kışlal, Ulli Koch, Cristina Garrido Rodríguez, Martina Rösler, Christian Schlechter, Caterina Vögel Darsteller:innen: Shabnam Chamani (Performance), Simon Dietersdorfer (Live-Musik und Performance), Fabricio Ferrari (Performance), Birgit Kellner (Live-Projektion und Performance)
„staub … a little mindblow*“ vom Kollektiv spitzwegerich als Gastspiel beim Dramatiker|innen-Festival

Fotocredit: Apollonia Theresa Bitzan