Wandern mit Nietzsche im Freilichtmuseum Stübing
Kritik: Nietzsche – Ich bin Dynamit, Theater Quadrat
Text: Sigrun Karre - 24.06.2026
Friedrich Nietzsche ist kein einfacher Fall. Kaum ein Philosoph wurde so oft missverstanden, vereinnahmt und für Zwecke eingespannt, gegen die er sich wohl entschieden verwahrt hätte. Dass ausgerechnet jener Denker, der Nationalismus, Antisemitismus und blinden Gehorsam verachtete, später in die Nähe des Nationalsozialismus gerückt wurde, zählt zu den großen Ironien der Geistesgeschichte. Theater Quadrat widmet sich in „Ich bin Dynamit“ genau dieser Tragödie und macht daraus einen klugen Theaterabend zwischen Freiluftsetting und Stadl-Atmosphäre.
Dass sich das Ensemble seit Jahren mit Vorliebe verstorbenen Schriftsteller:innen und Denker:innen nähert, gehört inzwischen zur künstlerischen DNA. Diesmal fällt die Wahl auf Nietzsche. Den Titel leiht sich der Abend von Sue Prideaux’ viel gelobter Biografie „Ich bin Dynamit. Das Leben des Friedrich Nietzsche“, die auch als eine der Grundlagen dient.
Der Abend beginnt draußen. Werner Halbedl tritt als Wanderführer auf und sammelt sein Publikum ein. Eine stimmige Idee: Nietzsche war ein leidenschaftlicher Geher, viele seiner Gedanken entstanden unterwegs. Die Natur bleibt hier nicht bloße Kulisse, sondern wird zur sinnlichen Ebene des Spiels. Oberhalb auf der Wiese sieht man Vera Hagemann in schwarzer, strenger Fin-de-Siècle-Robe Blumen pflücken. Einen Moment lang scheint es, als werde sie gleich ins Spiel treten. Doch zunächst bleibt sie eher Erscheinung als Figur. Über Walkie-Talkies und Halbedls Stimme geraten Bruchstücke von Nietzsche-Sätzen in die Landschaft. Nicht alles ist zu verstehen, manches bleibt Geräusch, anderes Gedanke. Das wirkt spielerisch und zugleich merkwürdig zeitlos.
Später wird der Theaterabend in einem alten Stadl des Freilichtmuseums sesshaft. Der warme, staubige Geruch von altem Holz, ein Luftzug durch die Lattenwände, das leichte Klopfen des Regens auf dem Dach erzeugen eine Atmosphäre, die sich nicht künstlich herstellen lässt. Der Raum wird weniger zum historischen Schauplatz als zu einer sinnlichen Zwischenzone, die sich der Gegenwart entzieht, ohne Vergangenheit nachzustellen.
Dort stemmt Halbedl den Abend vorerst im Alleingang und zähmt ein wahres Textmonster. Nietzsche hinterließ eine kaum überschaubare Menge an Briefen, Aphorismen und philosophischen Texten: Material, das sich jedem linearen Erzählen widersetzt. Halbedl gelingt dennoch das Kunststück, daraus einen Spannungsbogen zu entwickeln. Er spielt Nietzsche nicht. Er tastet sich an ihn heran.
So begegnet man zunächst dem Propheten des „Zarathustra“, der verkündet: „Der Mensch ist ein Seil, geknüpft zwischen Tier und Übermensch – ein Seil über einem Abgrunde.“ Dann jenem Denker, der mit dem Satz „Gott ist tot! Gott bleibt tot! Und wir haben ihn getötet!“ weniger provozieren als eine geistige Leerstelle beschreiben wollte. Nietzsche erscheint hier als Diagnostiker einer Welt, deren alte Gewissheiten brüchig geworden sind. Dieses Denken bleibt nie stehen. Es richtet sich nicht im einmal Gedachten ein, sondern treibt weiter – gegen die Gewissheiten seiner Zeit und vor allem auch gegen die eigenen.

Fotocredit: Theater Quadrat/FB
Der Mensch hinter dem Denken

Fotocredit: Theater Quadrat/FB
Kein Nietzsche-Schrein
Der Abend liefert viel Stoff, ist durchaus fordernd, aber nie schwerfällig. Gerade die Reduktion macht ihn stark: Über weite Strecken ist es ein konzentriertes Solo von Werner Halbedl, bevor Vera Hagemann übernimmt. Dass hier zwei Ernst-Binder-Stipendiat:innen auf der Bühne stehen, merkt man: Vera Hagemann wurde heuer ausgezeichnet, Werner Halbedl bereits vor einigen Jahren. Beide verbinden in ihrem Spiel Präzision mit Verletzlichkeit und einer nicht gespielten, sondern authentischen inneren Kraft, die ihren Figuren eine Tiefe und Energie verleihen, die einen Theaterabend alleine tragen können.
Schritt für Schritt nähert sich Halbedl dem Zusammenbruch von 1889. Die Grenzen zwischen philosophischer Vision, Größenwahn und Tragik beginnen zu verschwimmen. Wenn Nietzsche seine Briefe plötzlich mit „Dionysos“ oder „Der Gekreuzigte“ unterschreibt, ist das erschütternd und mitunter von absurder Komik.

Fotocredit: Theater Quadrat/FB
Der Wille zur Macht über Nietzsche
Dann betritt Vera Hagemann die Bühne. Sie übernimmt die Rolle von Friedrich Nietzsches Schwester Elisabeth Förster-Nietzsche und damit die Kontrolle über die Geschichte. Hagemann hat den Schlussteil selbst geschrieben und bringt einen neuen Ton in den Abend: ironischer, schärfer, mitunter fast flapsig gegen den Ernst des Materials gesetzt. Der lakonische Ton zeigt sich in Sätzen wie: „Alle guten Dinge haben etwas Lässiges und liegen wie Kühe auf der Wiese.“
Ihr Part setzt dort an, wo der Philosoph verstummt. Ihre Elisabeth ist ehrgeizig, gekränkt, machtbewusst und ideologisch verblendet, aber nicht eindimensional. Als Frau ihrer Zeit blieb ihr eine ähnliche Laufbahn, wie die des Bruders, verwehrt. Nach seinem Tod eignet sie sich sein Werk an und verwandelt es in Einfluss, Selbstermächtigung und ideologisches Kapital.
Klug gesetzt: Ausgerechnet sie zitiert noch einmal einen Satz aus der „Morgenröthe“: „Die Schlange, welche sich nicht häuten kann, geht zugrunde. Ebenso die Geister, welche man verhindert, ihre Meinungen zu wechseln; sie hören auf, Geist zu sein.“ Dann „häutet“ sie sein Werk, bis es ihr passt. Aus Zarathustra wird der „Kriegs-Zarathustra“, aus geistiger Beweglichkeit ideologische Verformung. Mussolini erscheint als „größter und bester Jünger Zarathustras“, Hitler gratuliert, Elisabeth triumphiert: „Jetzt wirst du endlich von den ganz Großen gesehen und gelesen und verehrt!! Und ICH werde dafür gesorgt haben werden!“
Hier gewinnt der Abend seine eigentliche politische Schärfe: Es geht um Deutungshoheit und darum, wie schnell komplexes Denken zu Material für einfache Parolen wird.
Am Ende bleibt ein Satz hängen: „Je höher wir uns erheben, umso kleiner erscheinen wir denen, welche nicht fliegen können.“ Nietzsche schrieb ihn in der „Morgenröthe“. Im Kontext dieses Abends klingt er, anders ausgelegt, wie ein bitterer Kommentar auf sein eigenes Nachleben: auf einen Denker, der seiner Zeit voraus war und dessen Werk später von Menschen vereinnahmt wurde, die jene geistige Flughöhe nie erreichten.
