Die Poesie des Kollektivs bei La Strada

Kritik: Möbius, Collectif XY & Rachid Ouramdane

Text: Lydia Bißmann - 02.08.2026

Rubrik: Tanz
Las Strada Eröffnung 2026

La Strada: Möbius von Collektif XY. (Fotocredit: La Strada/ Nikola Milatovic)

Mit der sinnlich-poetischen Produktion Möbius von Collectif XY und dem Choreografen Rachid Ouramdane eröffnet La Strada in der Oper Graz das Festival 2026. Die Inszenierung verbindet Akrobatik mit tänzerischen und erzählerischen Elementen und stellt die Gesetze der Schwerkraft dabei ordentlich auf die Probe.

Akrobatik lebt nicht nur von der Schönheit menschlicher Formationen – ein großer Teil des Faszinosums geht von der Gefahr aus, in der die Akrobat:innen während ihres Auftritts schweben. Mehrere Meter über der Luft könnten sie jederzeit abstürzen und auch noch andere mit sich nach unten reißen. Manchmal wird diese Spannung durch Musik oder Dramaturgie noch verstärkt. Nicht so bei der Produktion Möbius, für die sich das Collectif XY die Bewegungen (Murmurationen) eines Vogelschwarms zum Vorbild genommen hat.
Kritik: Möbius, Collectif XY & Rachid Ouramdame

Fotocredit: La Strada/ Nikola Milatovic

Leichtigkeit als Höchstleistung

Dynamisch, präzise und anmutig bewegen sich die 19 Artist:innen eine knappe Stunde lang in einer Choreografie (Rachid Ouramdame), die mehr mit einer zeitgenössischen Tanzperformance als mit einer klassischen porté acrobatique gemein hat. Scheinbar mühelos und nonchalant, als ob sie ein Glas Wasser trinken würden, wirbelt die französische Akrobatik-Combo ihre Mitglieder durch die Luft, lässt Menschentürme entstehen und wieder in sich zusammenfallen, nur um sie anschließend neu aufzubauen. Manchmal muss man aktiv mitzählen, wie viele Ebenen eine Colonne nun hat, ob zwei, drei oder vier Personen übereinander stehen. Zu sphärisch wirkt das Gezeigte, zu weit entfernt von den üblichen Sehgewohnheiten, von den eigenen Erfahrungen mit Gravitation. Der Nervenkitzel spielt eine Nebenrolle, zu faszinierend ist die Anmut der Hände, Arme und Schultern, die die artistischen Figuren unterstützen, immer genau da sind, wo sie der Fuß braucht, stützen, sichern, auffangen. Als ob es sich um das zärtliche Gewicht einer kleinen Katze und nicht um mehrere Zentner Mensch handeln würde. Die Hauptrolle spielen diese Gliedmaßen und Muskeln, hier braucht es keine Hauptdarsteller:innen oder Stars. Unterstrichen wird dieses Gefühl durch eine Szene am Ende der Performance, in der ein Sprung auf eine zweifache Colonne nicht ganz gelingt. Der Akrobat lässt sich in das Meer der schützenden Hände fallen, sammelt sich einige Sekunden, um die Figur ein zweites Mal – diesmal formvollendet – zu wiederholen. Kurz schimmert in dieser intimen Szene, die tief berührt, die Anstrengung der körperlichen Höchstleistungen durch. Selten wurde die Metapher einer zweiten Chance und des Zueinanderstehens vieler für einen Einzelnen so beeindruckend gezeichnet wie hier.
Kritik: Möbius, Collectif XY & Rachid Ouramdame

Fotocredit: La Strada/ Nikola Milatovic

Die Schönheit der Vielen

Dramatische Effekte werden dem organischen Gesamteindruck untergeordnet, der den sanften und langsamen Bewegungen von Wasserpflanzen gleicht. Die Musik von Jonathan Fitoussi verzichtet bewusst auf Höhen und Tiefen. Downtempo-Beats betten die Bewegungen in atmosphärische Klänge, deren Loops gut zur kreisförmig angelegten Choreografie passen und der man sich aber auch gut in einer Strandbar hingeben könnte. Auch die Kostüme (Nadia Léon) könnten mitten aus unserem Alltag entstammen, stehen mehr für Bequemlichkeit und Funktion als für Scheinwerferlicht und Glitzer. Teile des Ensembles – jene, die leichter sind und an der Spitze der Pyramiden stehen – wechseln für kurze Zeit ihre Kleidung, tragen weiße Blusen oder beige Shorts, um dann wieder zur schwarzen Kleidung zurückzukehren. Obwohl es hier um große Gefühle geht und viele Emotionen in den Bildern vermittelt werden, ist das Storytelling nicht vordergründig. Möbius liefert vielmehr kleine Impulse, die sich in den Köpfen der Betrachter:innen weiterentwickeln. Die Show feiert die Pflicht und nicht die Kür. Jede:r hat hier ihren oder seinen Platz, weil sie oder er ihn eben ausfüllen kann. Die Starken sind unten, die Leichten oben. Alle sind gleichberechtigter Teil eines wundervollen Ganzen – getragen von Vertrauen, Stärke, Mut und Zuversicht. Eine exzellente Wahl für die Festivaleröffnung in durchwachsenen Zeiten, wie sie heute eben sind.
Kritik: Möbius, Collectif XY & Rachid Ouramdame

Fotocredit: La Strada/ Nikola Milatovic