Würdiger Festivalabschluss bei der Styriarte 2026
Kritik: Le Nuove Musiche mit Jordi Savall & Hespèrion XXI
Text: Martin Exner - 27.07.2026
Rubrik: Musik
Die styriarte verlegte ihren musikalischen Höhepunkt wieder an das Ende des Festivals und bot zwei hochwertige Abende mit dem Grandseigneur der Alten Musik, Jordi Savall und seinen großartigen Ensembles.
Die Musik des Frühbarocks galt als einer der großen Revolutionen in der Musikwelt: Weg von den üppigen, komplexen Klangstrukturen der Renaissance hin zum Basso continuo, dem Generalbass, über dem nun Sänger und Instrumentalisten frei musizieren konnten. Unter dem Titel „Le Nuove Musiche“ widmete sich Jordi Savall mit seinem Hespèrion XXI diesem Übergang zwischen Renaissance und Barock in einem intimen, aber unglaublich vielfältigen Programm, das Canzonen, Fantasien, Passacaglien und Tänzerisches aus Italien und England einander gegenüberstellte. Über den reichhaltigen und variablen Basso continuo – Josep Maria Martí an Theorbe und Gitarre (der auch solistisch glänzte), der noch immer großartige Andrew Lawrence-King an der Harfe und Xavier Puertas an dem Violone, dezent rhythmisch unterstützt von David Mayoral – genossen Savall und Philippe Pierlot ihre Freiheiten an den Viole da gamba. Dem gebannt zuhörenden Publikum wurde die gesamte musikalische Bandbreite der Epoche dargebracht: von intimen Momenten, wie die überraschend einfach gehaltene Sinfonia zu Cavalieris Rappresentatione di Anima, et di Corpo – 1600 die erste geistliche Oper und gleichzeitig der erste Notendruck mit Basso continuo – über eine intime Canzona von Kapsberger, flotte Grounds aus England und Tänze aus Italien bis hin zu üppigen und farbreichen Passacaglien von Falconiero und Marini und südamerikanische Folías criollas reichte der musikalische Bogen, die als Zugabe dargebrachte musikalische Huldigung an den Kanarienvogel steigerte die Begeisterung und bescherte den Ausführenden gerechtfertigte standing ovations.

Jordi Saval. (Fotocredit: Styriarte)
Tod und Triumph
Das abschließende Konzert der diesjährigen styriarte widmete sich – ganz dem Thema „Licht Spiele“ entsprechend – dem Sonnenkönig Louis XIV. Dieser gab bei seinem Lieblingskomponisten Michel-Richard de Lalande 1689 seine eigene Begräbnismusik in Auftrag, zu der dieser den Text des 129. Psalms („De profundis“) verwendete und diesem ein „Requiem“ anhängte. Die 1715 zu Ludwigs Begräbnis revitalisierte Fassung ist ein faszinierendes Kaleidoskop damaligen musikalischen Reichtums, das neben einer traurigen Sinfonia, prachtvollen Chören und instrumentalen Zwischenspielen auch einige, von Instrumentalsoli begleitete opulente Arien bietet und dem in Moll notierten „Requiem aeternam“ ein fast heiteres, tänzerisches „Lux perpetua“ folgen lässt.
Einen gänzlich anderen Hintergrund hatte das zweite große Werk des Abends: Das „Te Deum“ galt zur Zeit des Sonnenkönigs als geeignetste Musik, um Feste und Triumphe zu feiern – Marc-Antoine Charpentiers Meisterwerk wurde anlässlich zweier Siege im Krieg gegen die Niederlande komponiert, sein Prélude ist heute als Jingle der Eurovision allseits bekannt, bietet darüber hinaus aber noch viel mehr Herausragendes: Herrliche Chöre, durchsetzt mit Soli-Passagen, eine reichhaltige Instrumentation und eine grandiose Schlussfuge.

Fotocredit: Styriarte
Präzision zwischen alter und neuer Zeit
Man kann wohl keine bessere Idee haben, als die Aufführung dieser beiden Werke Jordi Savall in die Hände zu legen. Die Präzision der Ausführung ist, auch wenn ein gewisses improvisatorisches Element nicht negiert wird, frappant, Savalls Concert des Nations mit dem formidablen Konzertmeister Manfredo Kraemer erschafft einen Orchesterklang, der von warm und getragen bis rhythmisch markant und triumphal reicht, die Instrumentalsolist: innen (Holzbläser und Trompeten) brillieren. Dazu gesellt sich Savalls Weltkasse-Vokalensemble La Capella Reial de Catalunya und fünf ausgezeichnete Vokalsolistinnen und -solisten, angeführt von Elionor Martínez mit glockenhellem Sopran und Etienne Bazola mit kernigem Bariton.
Doch nicht der himmelhoch-jauchzende Triumph sollte diesen einprägsamen Konzertabend beschließen, sondern ein weiteres „De Profundis“ – jenes des estnischen Komponisten Arvo Pärt, geschrieben 1980, unmittelbar nach dessen Flucht aus der Sowjetunion – ein konzentriertes, hingebungsvolles Werk für Männerchor, Schlagwerk und Orgel, hier durch einen Kontrabass ergänzt. Das schlichte, aber enorm intensive Meisterwerk, in der Zugabe gedoppelt mit Pärts – von Savall in Auftrag gegebenen und 2004 unmittelbar den Madrider Zuganschlägen uraufgeführte – „Da pacem Domine“ holte das schlussendlich jubelnde Publikum doch wieder zurück aus der Barockzeit ins hier und jetzt.
Intendant Mathis Huber ließ wissen, dass mit dem bald 85-jährigen Großmeister aus Katalonien zahlreiche weitere Projekte für mehrere Jahre hinaus im Gespräch seien. Dem Festival und seinem Publikum ist zu wünschen, dass möglichst viele davon umgesetzt werden!
