„Der Mensch ist der größte Rohstoff“ – Ressourcen einst und jetzt in der Weststeiermark
Kritik: Kohle – Brennen für die Steiermark!, Vitamins of Society
Text: Robert Goessl - 26.07.2026

Lukas (Harry Lampl) mit Violetta (Anna Katharina Malli) am Schacht (Fotocredit: kuma)
Die Sommerproduktion der Vitamins of Society gehört wohl seit 2011 zu den originellen des Theatersommers. Sie hat ihren einzigartigen Stil mit einer Mischung aus Fiktion und Realität. Zwar entführt sie in eine fantastische Welt, ist aber dennoch immer in der Weststeiermark und deren Geschichte(n) verortet. Das mag einerseits an der besonderen, einen weiten Blick ermöglichenden Natur-Bühne des Hoftheaters Mathans liegen, aber auch an den sehr speziell zugeschnittenen, fast avantgardistisch anmutenden spacigen Texten vom „Hausautor“ Johannes Schrettle. Dazu kommt noch die Live-Band, die sich mit ihren Songs zwischen Rock, Punk und Blues bewegt, komponiert von Roli Wesp mit so manchem Ohrwurm. Und für alle, die den Weg nach St. Ulrich in Greith nicht antreten wollen, gibt es auch Open-Air-Spieltermine in Graz im Innenhof des Volkskundemuseums!
Gleich zu Anfang verbinden sich die Vergangenheit, die Gegenwart und die Zukunft zu einem Spiel im Spiel. Die Firma „Kohle – Brennen für die Steiermark“ plant ein Freilichtmuseum mit All-Inklusive-Betreuung, und dazu gehört auch, dass man dem Publikum in gespielten Szenen Eindrücke aus dem Schacht und der mühsamen Arbeit, beginnend 1848, und Mythen aus der Vergangenheit vermitteln möchte. So agiert Dr. Dr. Elisabeth Kohlgruber (Marion Mitterhammer als toughe Vollblut-Business-Lady) zunächst aus dem Publikum heraus, um ihre Mitarbeiter:innen anzuleiten. Sie führt nicht nur Regie in dieser Aufführung für zukünftige Tourist:innen, sie leitet ebenso den Betrieb und verlangt vollkommene Loyalität gegenüber der Firma und vollkommene Selbstaufgabe für das Projekt der nahenden Eröffnung, bei der es ein paar Verzögerungen zu geben scheint.

Dr. Dr. Elisabeth Kohlgruber (Marion Mitterhammer) mit ihren Mitarbeitern Lukas Windhammer (Harry Lampl) und Ivo Zsambauer (Ivan Haring) (Fotocredit: kuma)
Einst wurde hier Kohle gefördert – nun fördert man Menschen
Ivo Zsambauer (Ivan Haring) mit seiner Frau Gabi Zsambauer (Brigitta Lampl) werfen den Laden. Er ist zuständig für Technik, Führungen, Reparaturen – also quasi als „Hausmasta“ zuständig für alles, was anfällt. Violetta „Vivi“ Bodden (Anna Katharina Malli) ist die Putzkraft, die für Ordnung im Schacht sorgt. Und alle dürfen bzw. müssen sich auch als Kleindarsteller betätigen. Man ist schließlich selbstverständlich per Du mit der Chefin, die auch immer wieder das hervorragende Betriebsklima betont, ebenso wie den Wert des Teams, in dem jeder seine Aufgaben hat. Wobei sie selbst mehr mit Teams-Konferenzen mit Dr. Spitz (Roli Wesp physisch anwesend und betont lässig auf der „Musikerinsel“, gemeinsam mit Daniel Kern) beschäftigt ist, der auf den Cayman Islands lebt und dem das Ganze hier zu gehören scheint. So wird auch dessen Besuch zur Eröffnung herbeigesehnt, und seine Verbindungen zu den Wiener Festwochen, zu André Heller, Sebastian Kurz und Arnold Schwarzenegger sollen das Projekt zum Erfolg führen.

Lukas Windhammer (Harry Lampl) , Gabi Zsambauer (Brigitta Lampl), Ivo Zsambauer (Ivan Haring) und Violetta Bodden (Anna Katharina Malli) bei der Arbeit (Fotocredit: kuma)
Blitz und Donner – und ein Mythos, der bewegt
Neu direkt vom AMS kommt der nicht gerade sehr arbeitswillige Lukas Windhammer (Harry Lampl), der nichts, was er anfängt, jemals zu Ende bringen konnte, aber von Frau Kohlgruber, trotzdem mal auf Probe eingestellt wird. Es ist zu Beginn ein schwieriges Verhältnis zwischen ihm und den Arbeitskräften, die teilweise schon Jahre vor Ort sind – er wird einfach ins kalte Wasser geworfen und so scheitert eine Installation eines Geländers immer wieder, direkt vor dem allgegenwärtigen Galgen auf der Bühne. Hier setzt auch der Mythos an: Das für die künftigen Besucher:innen einzuprobende Spiel dreht sich um die Kernbauer Lizzy, die 1848 wegen Diebstahl, Schwarzbrennen und revolutionärer Gedanken hingerichtet werden sollte, aber vom Galgen mit einem Lichtblitz verschwand und seitdem durch die Gegend spuken soll. Dass bei der Premiere tatsächlich Blitz und Donner von einem echten Gewitter im Bühnenhintergrund die Szenerie begleitet haben, verstärkt den Gedanken, dass sich hier etwas Besonderes zusammenbraut und wir es mit Vorboten einer neuen politischen und wirtschaftlichen Großwetterlage zu tun haben. Umso wichtiger scheint es, bei ersten und letzten Aschen beim Rauchen an die Kernbauer Lizzy zu denken, wie es die Tradition hier bei den Bergleuten zu sein scheint.

Lukas Windhammer (Harry Lampl) und Ivo Zsambauer (Ivan Haring) diskutieren am Galgen über das Geländer (Fotocredit: kuma)
Dieselbe Geschichte einst und jetzt
Denn die Parallelen zwischen der Zeit um 1850 und heute sind unübersehbar: Wirtschaftliche Not in der neuen Freiheit zwang seinerzeit einfache Bauern in den Bergbau, so wie auch Ivo Zsambauer seinen Hof weitestgehend aufgeben musste, und nun Frau Kohlgruber und „Kohle – Brennen für die Steiermark“ sein Leben widmen muss – als Kostenstelle, menschliche Ressource und Verschleißteil, auch wenn er sich dabei anders fühlen soll. Doch es schwebt auch die Liebe über der Szenerie: Frau Dr. Dr. Kohlgruber verschaut sich in ihren neuen Mitarbeiter Lukas Windhammer, dieser in Violetta, und Violetta und Ivo verschauen sich ineinander, was die Sache vom Betriebsklima her nicht einfacher macht, während Dr. Spitz auf den Cayman-Islands zunehmend das Interesse zu verlieren scheint und die Zwetschkenernte unter dem Vorwand der Kinderbetreuung für zusätzliche Fehlstunden sorgt – „Brennen für die Steiermark“ kann eben auch andere Bedeutungen haben. So wird auch überraschend schnell Lukas Windhammer von seiner Chefin zum „Vorarbeiter“ ernannt, womit er sich hinauswächst und zur ultimativen Arbeitskraft wird, während Violetta sich ständig in den Schacht zurückzieht und mit ihrer Konzentration immer mehr Probleme bekommt. Da ist dann der Punkt erreicht, wo plötzlich alles anders wird, und sich neue Wahrheiten auftun – man wird von der wirtschaftlichen Realität eingeholt und muss seine zugeteilte Rolle erfüllen, auch wenn man sich dessen nicht bewusst war. Das System fordert eben auch persönliche Opfer, damit es uns allen in der Region gut gehen kann. Eine Lüge wird aber am Ende nicht wahr, auch wenn noch so sehr versucht wird, den Glauben an sie zu vermitteln.

Die Kernbauer Lizzy (Marion Mitterhammer) erscheint Gabi (Brigitta Lampl), Violetta (Anna Katharina Malli) und Ivo (Ivan Haring) (Fotocredit: kuma)
Wenn die weststeirische Kohle nicht mehr brennt, müssen die Menschen brennen und dabei auch verbrennen
Wenn auch der unternehmerische und wirtschaftliche Hintergrund seit 200 Jahren Ähnliches hervorbringt, scheint es das Ideal des neuen Arbeiters, ein „Leben für die Region und das Unternehmen“, noch nicht so lange zu geben, wie auch das gesamtgesellschaftliche Ideal der ständigen Selbstoptimierung. Einzig der Wille zur Gewinnmaximierung, unter Aufbietung aller legalen und nicht ganz so legalen Mittel auf Kosten der anderen, scheint als Konstante zu bestehen. Doch die Energie, sowohl die aus der Natur gewonnene, als auch die menschliche und die der Liebe, ist nun einmal beschränkt. Die lockere, unprätentiöse und selbstverständliche Spielweise der Darsteller:innen lässt alle Figuren authentisch erscheinen, und so passt es auch gut, dass am Ende in dieser stimmigen Inszenierung von Wolfgang Lampl auf einer Freiluftbühne, unter der sich vermutlich auch noch ein wenig Braunkohle befindet, Dr. Spitz noch seinen großen Auftritt hat. Er begibt sich tatsächlich in die Weststeiermark und schenkt uns seinen Blues, um seine menschliche Seite zu zeigen und den einfachen Arbeiter:innen beim Tanzen am und um den Galgen zuzusehen. Doch welchem Spiel im Spiel hat das echte Publikum jetzt wirklich beigewohnt?

Dr. Spitz (Roli Wesp) referiert (Fotocredit kuma)
„Kohle – Brennen für die Steiermark“ von Johannes Schrettle gespielt von den Vitamins of Society im Hoftheater Mathans und im Innenhof des Volkskundemuseums
„Kohle - Brennen für die Steiermark“ von den Vitamins of Society im Hoftheater Mathans und im Innenhof des Volkskundemuseums
Text: Johannes Schrettle
Realisation: Wolfgang Lampl
Darsteller:innen & Band: Anna Katharina Malli, Magdalena Juliana Malli, Marion Mitterhammer, Harry Lampl, Ivan Haring, Daniel Kern, Roli Wesp
Musik: Roli Wesp
Kostüm: Brigitta Lampl
Bühne: julia Freiberger-Tannenberg
Regiemitarbeit: Magdalena Juliana Malli
Termine:
Hofbühne Mathans (Kopreinigg 52 – 8544 Sankt Ulrich im Greith):
23.07. (Do), 25.07. (Sa), 31.07. (Fr), 01.08. (Sa), 03.08. (Mo), 07.08. (Fr), 08.08. (Sa) jeweils 19:30
02.08. (So) 17:00
Innenhof des Volkskundemuseums in Graz:
11.08. (Di), 12.08. (Mi), 18.08. (Di), 19.08. (Mi), 20.08. (Do) jeweils 19:00
Ticketlink
Die Bühne bei Nacht mit Band (Fotocredit Kuma)

Die Bühne bei Tag mit Band (Daniel Kern und Roli Wesp) (Fotocredit Kuma)