Feminismus zwischen Vernissage und Vorschlaghammer
Kritik: Frauen leben, Frauen sterben, Gold & Pech Theater
Text: Sigrun Karre - 02.06.2026
„Frauen leben – Frauen sterben“ ist eine lebende Vernissage, die Malerei, Text, Performance und Musik zu einem eindringlichen feministischen Gesamtkunstwerk verbindet. Mit Arbeiten von Isabella Müller-Fuchs, einer Performance von Jula Zangger sowie Musik von Vesna Petkovic und Reinhard Ziegerhofer feierte das Projekt am 30. Mai Premiere. Wer den Abend verpasst hat, bekommt am 12. Juni bei der Midissage und am 27. Juni bei der Finissage nochmals Gelegenheit, Ausstellung, Performance und Musik in ihrer gesamten Verbindung zu erleben. Die ausgestellten Bilder können während der gesamten Laufzeit erworben werden. Unsere Kritik zum außergewöhnlichen Kunstabend des GOLD&PECH Theaters.
Das Gold & Pech Theater von Jula Zangger ist immer für Überraschungen gut. Diesmal verzichtet es gleich auf eine der klassischen Konventionen des Theaters: die Trennung zwischen Bühne und Publikum. Der Abend ist als „lebende Vernissage“ angekündigt, und tatsächlich findet man sich nicht vor einer Bühne wieder, sondern mitten im Geschehen.
An den Wänden hängen teils großformatige Arbeiten der Malerin Isabella Müller-Fuchs, dazwischen verteilen sich kleine Stuhlgruppen im Theaterraum. Vierzehn Frauenbilder sind es. Keine Galerie der Heldinnen, keine Galerie der Opfer. Eher ein vielstimmiger Chor zwischen Sisterhood und Einsamkeit. Manche erwidern den Blick der Betrachtenden direkt, andere scheinen ganz in sich versunken. Die Arbeiten besitzen eine starke Präsenz: mal meditativ, mal verstörend.
Ein geweißtes Gesicht, ein ausgelöschter Rumpf irritieren und verleihen einzelnen Figuren etwas Gespenstisches. Titel wie „Lachende Frauengruppe“, „Einsame Mutter“, „Anja mit Pistole“ oder „Die Abwesenheit des Glücks“ öffnen dabei ein weites Spannungsfeld zwischen Gemeinschaft, Verletzlichkeit, Selbstbehauptung und Verlust. Schön sind diese Bilder oft, verstörend ebenso. Nicht selten beides zugleich.
Wut als Widerstand

Vensa Petkovic und Reinhard Ziegerhofer, Fotocredit: Willi Luggin
Vierzehn Bilder, vierzehn Stimmen
Jeder Arbeit von Isabella Müller-Fuchs ist ein eigenes Musikstück zugeordnet. Vierzehn Bilder, vierzehn Musikstücke – das hätte leicht zu einer bebilderten Botschaftensammlung werden können. Tatsächlich bleiben die Arbeiten offen genug, um Raum für eigene Assoziationen zu lassen.
Bild für Bild tritt nacheinander aus dem Halbdunkel hervor. Texte, Musik und Performance wechseln ihre Positionen, ohne sich gegenseitig die Schau zu stehlen. Keine Kunstform dient der anderen. Malerei, Musik, Text und Performance tragen den Abend gemeinsam.
Schon mit Björks „Human Behaviour“ findet der Abend seinen Ton. Der Song betrachtet die Widersprüchlichkeit menschlichen Verhaltens aus der Perspektive eines außerirdischen Wesens und trifft damit gleich zu Beginn einen Nerv des Abends.
Vesna Petkovićs Stimme kann rau und archaisch klingen, im nächsten Moment verletzlich oder aufbegehrend. Sie transportiert mehr, als die Texte aussprechen können, erzählt von Wut und Sehnsucht, von Liebe und Widerstand, ohne viele Worte zu benötigen. Gemeinsam mit Reinhard Ziegerhofer am Kontrabass und an der Trommel unternimmt sie eine Reise durch unterschiedlichste musikalische Welten: von Björk über Joe Zawinul und Element of Crime bis zu Eigenkompositionen und freier Improvisation.
Hinter den Zahlen - nicht nur Opfer
Dass der Abend keinen Zweifel an seiner Haltung lässt, wird man ihm schwerlich vorwerfen können. Neutralität wäre angesichts des Themas die eigentliche Zumutung. Jula Zangger, Isabella Müller-Fuchs, Vesna Petkovic und Reinhard Ziegerhofer ist ein gemeinsamer Abend gelungen, der Ausstellung, Konzert und Performance zusammenführt, ohne sich einer dieser Formen ganz zu unterwerfen.
Die meisten Fakten dieses Abends wird man irgendwo schon gehört haben. Gerade das macht ihn so notwendig. „Frauen leben – Frauen sterben“ präsentiert keine Enthüllungen – von einer kleinen Auffrischung in griechischer Mythologie einmal abgesehen;). Es zeigt vielmehr, wie groß die Distanz sein kann zwischen dem, was eine Gesellschaft weiß, und dem, was sie bereit ist, daraus zu lernen. Die besondere Qualität des Abends liegt dabei in seiner Verdichtung: Bild, Text, Musik und Performance führen nicht zu neuen Erkenntnissen, wohl aber zu einer neuen Dringlichkeit des Bekannten.
Wer das Gold & Pech Theater bis jetzt nicht kennt, sollte ihm Aufmerksamkeit schenken. Nicht zuletzt wegen Jula Zangger. Die Theaterleiterin, Schauspielerin, Performerin und Regisseurin versteht es gleichermaßen, auf der Bühne zu überzeugen, ihre Themen gründlich zu durchdenken und die passenden Menschen für ihre Projekte zu versammeln. Und wenn das Budget knapp wird, übernimmt sie auch noch selbst die Lichttechnik. Nicht als Notlösung, sondern professionell.

Jula Zangger als Tara, Fotocredit: Willi Luggin
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