Hödlmoser geht wieder um – bei den Theatertagen Stainz

Kritik: Die Auferstehung Hödlmosers, manuskripte

Text: Sigrun Karre - 14.09.2026

Rubrik: Theater

Wolfgang Lampl in hödlmoserischer Aktion, Fotocredit: Stefan Zavernik

Mit „Die Auferstehung Hödlmosers“ starten am 11. September die ersten Theatertage Stainz. Die Multimedia-Performance schreibt den „manuskripte“-Film „Die Exhumierung Hödlmosers“ weiter – schräg, mit viel steirischem Schmäh und deutlichen kulturpolitischen Spitzen. Am Ende tritt auch Hödlmoser-Erfinder Reinhard P. Gruber auf.

Das neue Logo von Theaterland ist zum unübersehbaren Festivalballon aufgeblasen: Eine gelbe XL-Sprechblase weist am Stainzer Hauptplatz den Weg ins Lehner-Haus. Das schon länger leer stehende Gebäude dient als temporäre Festivalzentrale der ersten Theatertage Stainz, des neuen Festivals von Theaterland Steiermark. Mit seinem zusammengewürfelten, sympathisch-gemütlichen Alternativ-Look könnte es kaum besser dazu passen. Und Stainz hat offenbar Appetit auf zeitgenössisches Theater: Das Lehner-Haus ist bummvoll. Trotz zusätzlich herbeigeschaffter Bänke verfolgt ein Teil des Publikums die einstündige Performance im Stehen. „Die Auferstehung Hödlmosers“ ist eine doku-satirische Multimedia-Performance von Reinhard P. Gruber, Jimi Lend, Fiston Mwanza Mujila, Andreas Unterweger, Silvana Cimenti, Harald Miesbacher, Johanna Schwanberg und Ursula Pintz. Unterweger nennt das Projekt wortverspielt „spatenübergreifend“. Es knüpft an den Film der Literaturzeitschrift „manuskripte“ an: „Die Exhumierung Hödlmosers. Eine literarchäologische Dokufiktion“, der 2025 beim steirischen herbst zu sehen war. Die Vorgeschichte klingt phantastisch erfunden, hat sich aber tatsächlich zugetragen: 1985 wurde auf dem Zirbitzkogel das Originalmanuskript von Reinhard P. Grubers 1973 erschienenem Roman „Aus dem Leben Hödlmosers“ vergraben, samt gewichtigen künstlerischen „Grabbeigaben“. Die Aktion entstand gemeinsam mit dem Bildhauer Gero Schwanberg. Gruber sprach von einer „Endlagerung von radioaktivem und fernsehaktivem Spaltmaterial“. Vierzig Jahre später machte sich ein Expeditionsteam der „manuskripte“ auf die Suche nach dem Ur-Hödlmoser. Mit Erfolg. Ausgegraben wurde das Manuskript dennoch nicht. Stattdessen wird im Film Hödlmoser selbst exhumiert – samt den Ideen, für die er steht. Zwischen Literaturzeitschrift und Brettljause fühlt sich der Ur-Steirer dabei erstaunlich wohl.

Schriftsteller auf der Theatertage Stainz-Bühne: Reinhard P. Gruber (li) und Andreas Unterweger, Fotocredit: Stefan Zavernik

Verpuppt, auferstanden – und gendernd

Die Stainzer Performance treibt die Geschichte weiter: Offenbar ist erneut etwas von dem eingelagerten ‚Spaltmaterial‘ ausgetreten. In den Videoeinspielungen moderiert Schriftsteller Fiston Mwanza Mujila für den fiktiven kongolesischen Fernsehsender La Bum Ba Shi TV – der Erzählung zufolge haben ihn die steirischen Kulturkürzungen in den Kongo verschlagen. Als Experte live "zugeschaltet" ist Andreas Unterweger, Schriftsteller und Herausgeber der ‚manuskripte‘. Mit trockenem Ernst stellt er hier auch sein Talent als Performer unter Beweis. ‚Wir sind in Stainz, aber nicht in Stainz‘, heißt es. Der Satz bringt die absurde Logik des Abends auf den Punkt. Später kommt auch Harald Miesbacher - ebenso eloquent wie komisch - als geladener Experte zu Wort. Während auf der Leinwand die Ergebnisse der Expedition präsentiert werden, regt sich im Raum ein in Plastik gehülltes Wesen. Es entpuppt sich – im wahrsten Sinn des Wortes – als Reinkarnation Hödlmosers. Jimi Lend alias Wolfgang Lampl hat sich verpuppt, damit der Ur-Steirer wiederauferstehen kann. Hödlmoser ist längst eine Paraderolle Wolfgang Lampls: Schon in Bernd Watzkas Theateradaption „Hödlmoser – Aufstieg und Fall des letzten Ursteirers“ verkörperte er die Figur. Nun jodelt, lautmalt und sinniert er sich erneut durch dessen Welt. Wie er sich viechisch und zugleich genüsslich seine Brettljause einverleibt, sagt mehr aus über die Figur, als eine literaturwissenschaftliche Abhandlung. Zwischendurch meldet er sich mit gegenwärtigen Befindlichkeiten zu Wort: „Hab ich heut einen Durst, bin ich heute geil?“ Und sogar das Gendern hat er gelernt, obwohl es laut Landesregierung doch verboten sei. Die kulturpolitischen Spitzen sind wenig subtil, bisweilen rustikal geschnitzt und passen damit bestens zu diesem Ur-Steirer. Hödlmoser taugt noch immer dazu, steirische Selbstbilder auseinanderzunehmen – zwischen Heimatstolz und Enge, Traditionspflege und Traditionsdemontage. Dass ausgerechnet diese Anti-Heimatfigur längst selbst zur steirischen Identifikationsfigur geworden ist, gehört zur Ironie ihrer Wirkungsgeschichte. Und dass dieses „Spaltmaterial“ gerade jetzt wieder an die Oberfläche drängt, wirkt beinahe folgerichtig.

Reinhard P. Gruber liest aus seinem einstigen Skandalbuch, Fotocredit: Stefan Zavernik

Der Ur-Steirer und sein Erfinder

Zum Schluss tritt Reinhard P. Gruber selbst auf und liest über die verschiedenen Untergattungen des Steirers. Der Erfinder begegnet seiner längst verselbstständigten Figur, Literatur trifft auf Performance und steirische Typenlehre auf die Gegenwart. Unterweger nutzt die Gelegenheit für Werbung in eigener und verwandter Kultursache. Auch das passt zu einem Abend, der die (kultur-)politische Gegenwart mit viel Schmäh, aber durchaus ernstem Grundton aufs Korn nimmt.Film, Literatur, Satire und Performance verbinden sich so zu einem ausgesprochen vergnüglichen Festivalauftakt: herrlich schräg, aber keineswegs harmlos. Die ersten Theatertage Stainz sind ein Projekt von Verena Kiegerl und Gero Tögl, die 2026 die Leitung von Theaterland übernommen haben und die Plattform mit Festivals, Residencies und Begegnungsformaten weiterentwickeln. Der Hödlmoser geht also wieder um. Und der große Zuspruch lässt vermuten, dass sich Stainz gerne wieder von ihm heimsuchen lässt.

Theaterland-Team mit Silvana Cimenti (3. v. li.) und Hödlmoser alias Wolfgang Lampl alias Jimi Lend (re.), Fotocredit: Stefan Zavernik