Auf der Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit
Kritik: Der zerbrochene Krug, KUG-Sommertheater mit der Theaterakademie LebensGroß
Text: Robert Goessl - 10.07.2026
Rubrik: Theater
Die Schauspieler:innen dieser inklusiven Inszenierung von Heinrich von Kleists Klassiker aus 1812 rund um Dorfrichter Adams Korruptions- und Manipulationsversuche samt Machtmissbrauch an Frauen stammen von der Theaterakademie LebensGroß und dem 2. Jahrgang der Studierenden der Grazer Kunstuniversität. Dazu wird mitten auf dem Färberplatz eine Tafel mit einem langen Tisch präsentiert, voller göttlich anmutender Speisen. Rundherum sitzt das Publikum, das diese etwas schräge Situation wie auf einem Dorfplatz beobachten kann.
Denn anfangs scheinen die Schauspieler:innen am und um den Tisch zu schlafen. Die Szenerie beginnt, als Perkussionist Pe Liyun Long mit seinem atmosphärisch rhythmischen Spiel beginnt und die Schauspielerin Agnes Zenz, die Gerichtsschreiberin, den Gong schlägt. Dorfrichter Adam gibt es dreimal in unterschiedlichen, aber überlappenden Gefühlszuständen, die mitunter auch Widersprüche zeigen. Dabei zeigen Myroslava Kandul, Marita Landgrebe und Fynn Utermark besonders viel Aktivität am und rund um den Tisch.

Fotocredit Johannes Gellner
Viele Körper winden sich zu einer Gerechtigkeit
Doch gleichen sich alle vornehmlich in Weiß gekleideten Akteur:innen bis auf die beiden Schauspieler:innen von LebensGroß: Robert(a) Nemes als Gerichtsrätin von außerhalb des Dorfes und Anges Zenz als Gerichtsschreiberin vor Ort. Die beiden scheinen mehr wie Beobachterinnen des Treibens eines Volkskörpers, von dem einzelne Teile ständig in Bewegung, teils auch mit akrobatischen Einlagen, sind. Es ist ein Winden, ein Aufstehen, ein Weggehen, ein Wegducken, und so wirkt das Ganze wie ein lebendiger Organismus inmitten der Zuseher:innen, der sich auf Wahrheitsfindung begibt. Man schwankt zwischen Anpassungsfähigkeit und Obrigkeitsgläubigkeit und Ausflüchten und Schuldzuweisungen in der dramatischen Wucht von Kleists teilweise verschachtelter Sprache, wobei sich vor allem die drei Dorfrichter durch große Fantasie zwischen Zuckerbrot und Peitsche in den Worten auszeichnen.

Fotocredit Johannes Gellner
Die Gewalt wird kurz sichtbar gemacht
Etwas schwummrig berichten zu Beginn die drei havarierten Dorfrichter von der Nacht davor, ohne Details preiszugeben. Doch durch die Ankunft der Gerichtsrätin und den sehr bestimmten Vortrag von Frau Marthe (Reina Gujer) vor Gericht, hinter deren Anliegen des zerbrochenen Krugs noch etwas anderes zu stecken scheint, werden ihre Lebensgeister geweckt. Das Trio hat schließlich etwas zu verbergen, und so nimmt die Dynamik ihren Lauf. Scheinbar unversehens, aber leider logisch konsequent landet man sogar fernab von Kleists Sprache, bei traurigen Statistiken darüber, welchen Formen von Gewalt und Misshandlungen Frauen auch noch heute ausgesetzt sind, die demonstrativ zitiert werden.

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Das Verfahren richtet sich selbst
Man kehrt danach wieder zurück zur Handlung und auch die Gerichtsschreiberin beteiligt sich rege, auch mit dem Hintergedanken, Dorfrichter Adam in seinem Amt abzulösen, während sich die Situation zwischen Eve (Alina Rehsteiner), der Tochter von Marthe und ihrem Verlobten Ruprecht (Justin Herlth) zunehmend zuspitzt. Selbst Veit (Matti Felix Kasper), Ruprechts Vater, verliert den Glauben an ihn. Die musikalische Unterlegung von Pe Liyun Long bestimmt dabei den Rhythmus und unterstützt die Spannung, bis Frau Brigitte (Marit Seidemann) als Zeugin etwas Licht in die Sache bringen kann.

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Ein Spiel um die Komplizenschaft des Publikums
Die Handlung zeigt, dass, wenn alle Stricke reißen, man gerne auf den Teufel als Täter zurückgreift, bis man entdeckt, dass diese einem mythischen Wesen zugeschriebene Boshaftigkeit bereits in dreifacher Ausführung als realer Mensch unter ihnen weilt. Dabei fühlt man sich als Zuseher:in mittendrin in der Inszenierung, da es keine strikte Trennung zwischen Schauspieler:innen und Publikum gibt. Man ist Teil der verhandelten Sache, der moralischen Wertungen und der menschlichen Verfehlungen bis zur Auflösung zum Guten.

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„Der zerbrochene Krug“ – KUG-Sommertheater mit der Theaterakademie LebensGroß unter freiem Himmel am Färberplatz
Inszenierung: Werner Strenger
Dramat. Begleitung: Margo Zālīte
Strichfassung: Kunstuniversität Graz
Darsteller:innen:
Robert(a) Nemes, Agnes Zenz (Theaterakademie LebensGroß)
Myroslava Kandul, Marita Landgrebe, Fynn Utermark, Reina Gujer, Alina Rehsteiner, Matti Felix Kasper, Justin Herlth, Marit Seidemann (KUG – Studierende des 2. Jahrgangs)
Perkussion/Komposition: Liyun Long
Bühne, Kostüm & Plakat: Karla Franziska Haigermoser
Akrobatik: Martin Woldan
Ensemblebetreuung Sprechen: Aline Schönemann
Einzelbegleitung Sprechen: Stefanie Grätz, Ninja Reichert, Aline Schönemann, Kerstin Werner, Christiane Willms
Technische Leitung: Peter Fischer
Inklusionsassistenz LebensGroß: Lina Hölscher, Christoph Pauger, Tilla Rath
Projektleitung Theaterakademie LebensGroß: Lina Hölscher

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