Zirkusgeschichte voller Leben bei La Strada

Kritik: Da Capo, Circus Ronaldo

Text: Sigrun Karre - 03.08.2026

Rubrik: Theater
Kritik: Da Capo, Circus Ronaldo

La Strada Graz / Nikola Milatovic

Der belgische Circus Ronaldo erzählt bei La Strada mit Da Capo 184 Jahre Familien- und Zirkusgeschichte – farbenprächtig, hinreißend komisch und voller großer Bilder. Ein außergewöhnlicher Zirkusabend für die ganze Familie und alle Generationen, noch bis 9. August im Zirkuszelt in Reininghaus.

In Reininghaus steht auch in diesem La-Strada-Jahr wieder ein Zirkuszelt wie anno dazumal. Der belgische Circus Ronaldo – schon mehrfach bei La Strada und Cirque Noël zu Gast – hat hier für sieben Vorstellungen sein Nostalgiezelt aufgeschlagen. Im Zentrum steht Danny Ronaldo, der gemeinsam mit seiner Familie und dem 19-köpfigen Ensemble die über 180-jährige Geschichte des eigenen Zirkus erzählt – und damit zugleich ein Stück europäischer Zirkusgeschichte lebendig werden lässt. In einem 90-minütigen Rausch aus Slapstick, Clownerie, Live-Musik, Akrobatik und opulenter, märchenhafter Ausstattung entfaltet sich ein temporeicher Abend voller Charme und Selbstironie – eine Kombination, der man sich kaum entziehen kann. Die langgestreckte Spielfläche führt durch 184 Jahre Familiengeschichte, das Publikum sitzt sich zu beiden Seiten gegenüber. Schon der Auftakt macht klar, dass hier lustvoll mit Konventionen gespielt wird: Mit einer ganzen Reihe von Verbotspiktogrammen wird so streng wie augenzwinkernd hantiert.

La Strada Graz / Nikola Milatovic

Zeitreise durch die Geschichte des Zirkus

Klug und gewitzt ist der dramaturgische Aufbau: Das bildgewaltige Zirkustheater startet mit Tempo und stilechten PS mitten im Jahr 1971, als der Circus seinen heutigen Namen erhielt. Doch dann nimmt Da Capo seinen Titel beim Wort, setzt noch einmal von vorne an und springt zurück ins Jahr 1842, an den Beginn der Familiengeschichte. Danny Ronaldo ist dabei weit mehr als Gastgeber: Als Clown, Erzähler und stiller Chronist geleitet er das Publikum durch fast zwei Jahrhunderte Familien- und Zirkusgeschichte und verbindet die vielen Episoden zu einer großen Erzählung. Mit dem Zeitsprung erscheinen auch die Maskenfiguren der Commedia dell’arte. Aus der Begegnung eines jungen Zirkusartisten mit einer Schauspielerin dieser Truppe entsteht nicht nur eine Liebesgeschichte, sondern sinnbildlich auch jene Verbindung von Theater und Zirkus, die Circus Ronaldo bis heute prägt. Zu den schönsten Szenen des Abends zählt das anschließende Hochzeitsfest. Eine schier unglaubliche Balance-Nummer auf Spitzenschuhen entwickelt sich wie selbstverständlich aus dem ausgelassenen Bühnengeschehen. Elegant und mit feinem Augenzwinkern ins Geschehen eingewoben, erinnert sie an jene klassischen Zirkusnummern, deren Spannung bereits im Wissen um das scheinbar Unmögliche liegt: Man ahnt, was versucht wird, hält unwillkürlich den Atem an und kann kaum glauben, dass es tatsächlich gelingt. Immer wieder bezieht das Ensemble auch das Publikum ein – etwa wenn ein Zuschauer zum Gehilfen wird, während ein widerspenstiger Schubkarren sein clowneskes Gegenüber aushebelt, oder wenn einige Gäste auf die Bühne gebeten werden, um dort gewissermaßen sich selbst zu spielen. Doch Da Capo kennt nicht nur die heiteren Seiten des Zirkuslebens. Besonders eindringlich, zugleich wohltuend implizit gelingt die Darstellung von Krieg und Nachkriegszeit: Auf Tumult, Tempo und Lärm folgen Stille und Leere, verdichtet in einer kleinen Puppenszene von großer poetischer Kraft.

La Strada Graz / Nikola Milatovic

Musik, Artistik und Spielfreude

Auch musikalisch schlägt Da Capo eine Brücke durch die Zeiten. Wie Kostüme und Bühnenbild wird auch die Musik zur Zeitzeugin: Von Jahrmarktsklängen und Walzern über melancholische Passagen bis zu Elvis und Rock ’n’ Roll macht sie die Epochen- und Stimmungswechsel hörbar und trägt die Erzählung. Wie selbstverständlich das 19-köpfige Ensemble zwischen Spiel, Artistik und Musik wechselt, ist verblüffend. Selbst in akrobatischen Verrenkungen oder mitten in einer Slapstick-Szene sitzen die Töne, als wäre es das Leichteste der Welt. Gerade in diesen Momenten springt die Spielfreude unmittelbar auf das Publikum über. Wie fordernd diese 90 Minuten tatsächlich sind, zeigt sich erst beim Schlussapplaus: in den erschöpften Gesichtern der Artist und ihrer sichtlichen Rührung über die Standing Ovations des Publikums.

La Strada Graz / Nikola Milatovic

Sieben Generationen in der Manege

Besonders charmant ist, dass in Da Capo sieben Generationen symbolisch und teilweise tatsächlich gemeinsam auf der Bühne stehen. Wenn die 84-jährige Maria Ronaldo mit Kindern und Enkeln in der Manege zu erleben ist, wird die Familiengeschichte unmittelbar greifbar: Sie wird nicht gespielt, sondern gelebt. Pathetisch wird sie dennoch nie. Dafür sorgen viel Humor und Selbstironie, wenn etwa ein Clown zu Grabe getragen wird, der sich buchstäblich totschmeißt, oder die Plastik- und Kommerzära mit demonstrativer Begeisterung „gefeiert“ wird. Umso berührender sind die leisen Momente – bis hin zu einer Hutschachtel, in der sich die Zukunft dieser Zirkusfamilie für einen Augenblick andeutet.