Eine ultrakomische Farce des Literaturnobelpreisträgers Dario Fo um Recht und Gerechtigkeit
Kritik: Bezahlt wird nicht!, Theaterzentrum Deutschlandsberg
Text: Robert Goessl - 25.07.2026
Rubrik: Theater
Die Sommerproduktion des Theaterzentrums Deutschlandsberg gastiert wie schon in den vergangenen Jahren an drei unterschiedlichen Buchenschenken in der Umgebung von Deutschlandsberg. Die einfache transportable Bühne macht das möglich, und so steht bei der sparsamen Inszenierung der wunderbar skurrile und doch sozialkritische Text von Dario Fo im Mittelpunkt des ländlichen Ambientes unter freiem Himmel. Da es, wie in fast allen seinen Werken, neben sozialer Ungerechtigkeit auch um die menschlichen Schwächen geht, entsteht eine unfassbare Situationskomik, die ihn in dieser Form einzigartig macht.
Das Stück von 1974 thematisiert die Lohn-Preis-Spirale und deren Auswirkungen auf die Arbeiter:innenschaft. Aber frau weiß sich nicht nur zu helfen, vielmehr entsteht eine Revolte aus der Not heraus: Nach einer saftigen Preiserhöhung im Supermarkt wollen die Frauen zunächst nur die Lebensmittel zu den alten Preisen kaufen, um diesen dann in der eskalierenden Situation unter dem Motto „Bezahlt wird nicht!“ quasi zu plündern. Nun gilt es, das „erstandene“ Gut – es kann im Eifer des Gefechts schon einmal passieren, dass man auch ein wenig Tiernahrung irrtümlich mitgehen lässt – vor der Polizei zu verstecken.

Margherita (Johanna Aldrian) und Antonia (Lena Pöltl) (Fotocredit TZD)
Der eigene Mann als größeres Problem als die Polizei
Wenn dann auch noch die von Lena Pöttl großartig überdreht und voller Energie gespielte Antonia, die sich pragmatisch und mit Durchsetzungsvermögen durchs Leben schlägt, auf ihren zwar überzeugten linken, aber äußerst gesetzestreuen Gatten Giovanni, von Fabian Wolf glaubwürdig naiv verkörpert, trifft, macht das die Situation noch schwieriger, denn so muss sie die Lebensmittel nicht nur vor der Polizei, sondern auch vor ihm verstecken. Antonias Gabe, spontan Geschichten zu erfinden, rettet sie zwar immer, aber in dem dabei entstehenden Durcheinander zieht sie auch noch andere Menschen mit hinein. Und steckt auch ihre Freundin Margherita, die von Johanna Aldrian anpassungsfähig und mit großer Frustrationstoleranz gespielt wird, in Schwierigkeiten, wobei sie zwar Antonias Anweisungen folgt, aber sich zumindest gelegentlich einen Widerspruch anmerken lässt. So gerät die Idee, die gestohlenen Lebensmittel am Körper zu verstecken, und so eine Schwangerschaft vorzutäuschen, zunehmend außer Kontrolle.

Antonia (Lena Pöltl) und Giovanni (Fabian Wolf) (Fotocredit TZD)
„Schwangerschaften“ als Rettung
Da ihr Mann Giovanni nicht die hellste Kerze auf der Torte ist, gelingt es Antonia, ihr Geheimnis vor ihm zu bewahren. Sie muss schließlich seine Ideale ins Leben übersetzen, und den alltäglichen Geldmangel managen. Und wer hatte nicht schon einmal Lust auf ein Süppchen mit Sittichfutter und Kaninchenköpfen? Schließlich ist Tierfutter deutlich günstiger als normale Lebensmittel. Wenn sie dann noch den Schweißbrenner ihres Mannes zum Anzünden des Gasherdes benutzt, halten alle im Publikum kurz den Atem an. Margheritas Mann Luigi (Laura-Marie Kumpitsch souverän in ihrer Männerrolle), der auch mit ihrem Mann Giovanni befreundet ist, ist zwar etwas von der Schwangerschaft seiner Frau überrascht, doch auch er fügt sich schuldbewusst den „Tatsachen“.

Margherita (Johanna Aldrian), Antonia (Lena Pöltl) und Luigi (Laura-Marie Kumpitsch) (Fotocredit TZD)
Der Polizist als Freund und Helfer
In der Situation der Ausgeliefertheit keimt so das Pflänzchen der Revolution und des Systemumsturzes mit einem der Revolution gar nicht abgeneigten Polizisten, einem systemtreuen Carabinieri und einem leicht dementen Vater, die einander alle ziemlich ähnlich zu schauen scheinen (Gerd Wilfing – wandlungsfähig von ruhig über bestimmt bis zu überdreht). Denn in der Ausweglosigkeit wird nicht nur eine verrückte Heilige eilig erfunden, sogar Giovanni lässt sich zu einem Diebstahl hinreißen.

Giovanni (Fabian Wolf) mit dem linken Polizisten (Gerd Gerd Wilfing) (Fotocredit TZD)
Die Ausweglosigkeit als konsequente Farce
Die Inszenierung ist turbulent, absurd komisch und zeigt, dass man für seine Rechte und für Verteilungsgerechtigkeit kämpfen muss. Das scheint gleich aktuell zu sein wie zur Entstehungszeit des Stückes 1974. Es ist ein Spiel zwischen Recht und Gerechtigkeit, zwischen Unvermögen und Vermögen und zwischen Täuschung und Wahrheit in einem System, in dem der Einzelne den Interessen des globalisierten Unternehmertums kaum etwas entgegensetzen kann. Lena Pöttl als Antonia trägt die Inszenierung der sie umschwirrenden Figuren, und es ist eine Freude, ihr dabei zuzusehen, wie sie die anderen auf Trab hält – mit einem Text, dessen gewaltiger Zynismus die bittere soziale Wahrheit nicht verbirgt. Im Nachklang an die Fußball-WM könnte man sagen: Die gute Grätsche zur rechten Zeit.

Die beiden Paare Antonia (Lena Pöltl) und Giovanni (Fabian Wolf) und Margherita (Johanna Aldrian) und Luigi (Laura-Marie Kumpitsch) (Fotocredit TZD)
„Bezahlt wird nicht!“ von Dario Fo vom Theaterzentrum Deutschlandsberg an diversen Buschenschenken der Gegend
Darsteller:innen: Johanna Aldrian, Laura-Marie Kumpitsch, Lena Pöltl, Gerd Wilfing, Fabian Wolf
Bühne & Technik: Francis Kügerl
Kostüme: Florentina Degiampietro
Regie-Assistenz: Melina Toth
Regie: Simon Scharinger
Termine:
Spielort Weingarten Kollar-Göbl, Burgstraße 12, 8530 Deutschlandsberg:
03.07. (Fr), 04.07. (Sa), 10.07. (Fr), 11.07. (Sa) jeweils 20:15
Spielort Rauch-Hof, Wald-Süd 21, 8510 Stainz:
16.07. (Do), 17.07. (Fr) jeweils 20:15
Spielort Weingut Koller, Feldbaum 35, 8524 Bad Gams:
24.07. (Fr), 25.07. (Sa) jeweils 20:15

Die beiden etwas verwirrten Ehemänner Giovanni (Fabian Wolf) Luigi (Laura-Marie Kumpitsch) (Fotocredit TZD)
