Das Durchbrechen des Narrativs eines männlichen Heldentums im Weltraum

Fly me to the Moon, Theater Feuerblau

Text: Robert Goessl - 28.06.2026

Rubrik: Theater
„Fly me to the Moon“ vom Theater Feuerblau im Kristallwerk

Hanna Rath mit Mondfähre (Fotocredit Clemens Nestroy)

Das Kristallwerk wird ein wenig zum Weltall – wenn die Geschichte der Mondlandung von Anfang an erzählt wird – als Geschichte der Unsichtbaren: der Frauen, die daran beteiligt waren und wenn überhaupt erst spät dafür auch die verdiente Anerkennung fanden.

Dass am Anfang die Performerin Hanna Rath Putzutensilien von der Bühne entfernen muss, ist da nur konsequent. Schließlich ist es ihr Job, den etwas zerstreuten Moderator Klaus Seewald möglichst gut aussehen zu lassen. So wie auch die später sogenannten „Rocket Girls“, eine Gruppe von Mathematikerinnen und Ingenieurinnen, die in einer Zeit, als Software-Programmierung und die Leistungsfähigkeit von Computern noch in den Kinderschuhen steckten, mit Genialität und Kreativität diese Probleme überwanden.

Menschliche Computer bereiten den Weg ins All vor

So werden die Geschichten der „Computresses“ erzählt, die mehr als nur einfache Mathematikerinnen waren – sie waren vielmehr menschgewordene Computer an der Schnittstelle der damals noch nicht ausgereiften und fehleranfälligen Software und Hardware. Sie leisteten in den 50er und 60er Jahren im Hintergrund Pionierarbeit und wurden nicht immer mit dem notwendigen Respekt behandelt. Parallel dazu wird mit Objekten und Live-Kamera der Flug zum Mond inklusive Sound mit einfachen Mitteln nachgestellt, vom Start bis zur Rückkehr zur Erde, projiziert auf der halbdurchlässigen Wand, hinter der Hanna Rath performt. Sie spiegelt dabei mit ihrem Körper die Gefühle und die Lebenswelten dieser Frauen wider.
„Fly me to the Moon“ vom Theater Feuerblau im Kristallwerk

Hanna Rath und Klaus Seewald (Fotocredit Clemens Nestroy)

Astronautinnen, die nicht durften, oder die Vorherrschaft des weißen Mannes

Ein großes Thema sind auch die „Mercury 13“ – 13 Frauen, die Anfang der 60er Jahre auf private Initiative im Lovelace-Institute dieselben Astronauten-Tests wie ihre männlichen Kollegen absolvierten und diese teilweise sogar mit besseren Ergebnissen abschlossen, und als besser geeignet befunden wurden, weil sie u.a. als stressresistenter galten. Dabei wird auch auf die Details der Tests eingegangen, wie die Übungen in einem Wassertank, das Simulieren von Orientierungslosigkeit durch Eiswasser im Innenohr und das Simulieren von Strahlung durch die Verabreichung von Cäsium 137, während Hanna Rath und Klaus Seewald, diese in kurzen Szenen spielen oder performativ untermalen. Das Projekt wurde auf Betreiben des damaligen Vizepräsidenten Lyndon B. Johnson eingestellt, mit der Begründung, dass dann ja alle Minderheiten Astronauten werden könnten.
„Fly me to the Moon“ vom Theater Feuerblau im Kristallwerk

Klaus Seewald und Hanna Rath (Fotocredit Clemens Nestroy)

Zwei weibliche Genies im Hintergrund

Das Zusammentreffen von Hanna Raths Performance und der Projektion des Mondflugs ist sehr faszinierend anzusehen, und so kommt es zu einem spektakulären Tanz-Duett mit der Mondlandefähre, das zeitweise fast wie ein Duell wirkt, während man dabei und zwischendurch und durch Stimmen aus dem Off erfährt, wie Margaret Hamilton eine revolutionäre Software schrieb, die auch menschliche Fehler berücksichtigte, weil ihre damals vierjährige Tochter Lauren, die immer mit ihr im Labor war, es schaffte, den Simulator abstürzen zu lassen, indem sie ein Programm zur Startvorbereitung auswählte, während der Simulator mitten im Flugmodus war. Und wie Katherine Johnson die komplexen Bahnberechnungen für das Rendezvous der Mondfähre mit dem Mutterschiff und den Wiedereintritt in die Atmosphäre bei der Rückkehr zur Erde durchführte. Beides Dinge, bei denen es nur eine Chance gibt. Dass dabei die Mondfähre auf dem Rücken einer Frau landet, wirkt sehr bezeichnend.
„Fly me to the Moon“ vom Theater Feuerblau im Kristallwerk

Hanna Rath und Klaus Seewald (Fotocredit Clemens Nestroy)

Eine faszinierende und informative Performance mit bitterem Ende: Führt die Zukunft der Raumfahrt zurück in die Vergangenheit?

Es gibt auch Hard Facts über Frauen, die es ins All geschafft haben, obwohl es nur sehr wenige waren: Trotz der Russin Valentina Tereschkowa, die 1963 als erste Frau ins All flog, Sally Ride, die 1978(!) als erste US-Amerikanerin im Weltraum war, der Italienerin Samantha Cristoforetti, der einzigen Frau im Astronautenkorps der Europäischen Raumfahrtbehörde ESA, und vielen anderen Frauen hinter den Kulissen, tut sich die Raumfahrt immer noch schwer mit ihrer weiblichen Seite, was auch in einem widerständigen Tanz-Duett von Hanna Rath und Klaus Seewald dargestellt wird. Auch wenn die Videos der späten Ehrungen von Margaret Hamilton und Katherine Johnson durch den damaligen Präsidenten Barack Obama 2015 und 2016 sehr berührend sind, so zeigt die Zukunft, dass die Raumfahrt wohl wieder in männlicher Hand ist, denn die NASA-Artemis-Crew für die nächste Mondlandung, derzeit geplant für Mitte 2027, besteht wieder aus vier Männern. „Let's stop this now! ” Lyndon B. Johnson „Let’s break the stereotypes and prove that brilliance knows no gender.” Margret Hamilton

„Fly me to the Moon“ vom Theater Feuerblau im Kristallwerk

Spiel, Stückentwicklung: Hanna Rath, Monika Zöhrer, Klaus Seewald Inszenierung: Monika Zöhrer, Klaus Seewald Dramaturgie: Eva Wallensteiner Komposition, Musik: Christof Ressi Kostüme, Austattung: Barbara Patter Lichtdesign: Lorenz Meiler Termine: 25.06. (Do), 26.06. (Fr), 27.06. (Sa), 28.06. (So) jeweils 20:00 Ticketlink