Über Mythen und Menschen und Pflanzensamen für die Zukunft

Ausstellung: Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel, <rotor>

Text: Robert Goessl - 12.06.2026

Rubrik: Kunst
„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

Ernst Koslitschs „Echo Keepers 1 + 2" begrüßen die Besucher:innen am Eingang (Fotocredit kuma)

Die neue Ausstellung im <rotor> ist der Beginn einer Reihe, die sich auf die Spuren des Mythischen im Menschen begibt, auf Ideen und fantastische Welten, die in unseren Köpfen entstanden sind und entstehen, wenn wir uns auf die Suche nach Erklärungen zu Dingen begeben, die uns überfordern. Inspiriert ist diese Ausstellungsreihe von den Texten und Gedanken des Philosophen Báyò Akómoláfé, des Gründers von „The Emergence Network“, das sich damit beschäftigt, wie wir die menschliche und nichtmenschliche Natur wieder miteinander verbinden können.

Am Eingang wird man von zwei Figuren von Ernst Koslitsch begrüßt, die den dortigen Säulen vorgelagert sind. Der Wiener Künstler nennt sie „Echo Keepers 1 + 2 [Hüter:innen des Echos]“, gefertigt aus Schalungsplatten, wie sie auf Baustellen eingesetzt werden, deren Spuren der Verwendung bewusst sichtbar sind und deren Gestaltung von Höhlenmalereien inspiriert ist. Sie stehen hier wie Totems als Symbole einer gemarterten Erde und wirken dabei aber nicht bedrohlich, sondern eher wie Mahnmale.
„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

„Buchberg Epos. Für Diana (Die Kaiseradlerin) und Titiana (Seeadlerin)“ von Elisabeth von Samsonow

Der Wert von Landschaften über deren Wert als Ressource hinaus

Durch diese beiden einladenden „Wächter“ gelangt man in den ersten Raum, den Elisabeth von Samsonows „Buchberg Epos. Für Diana (Die Kaiseradlerin) und Titiana (Seeadlerin)“ beherrscht, das sofort den Blick auf sich zieht, während über einem Aliz Farkas „Sammlung von Weltmodellen“ schwebt und seine etwas andere, aus Schafwolle gefertigte, Weltkarte „Die Welt spinnt weiter“ der farbenprächtigen Wandmalerei und den Objekten des Epos gegenübergestellt wird. Und doch verbinden sich diese Werke zu einem Gesamtkunstwerk: Das Symbol der Viehzucht als Ressourcenfresser im Großen verbindet sich mit der Erd- und Kulturgeschichte einer Landschaft in Niederösterreich, in der ein Windpark errichtet werden soll. In beiden Fällen geht es um die fortgesetzte Unterwerfung der Natur aus ökonomischen Gründen, dargestellt einerseits mit dem Vlies der griechischen Mythologie und bekämpft andererseits mit einer modernen Anrufung der Ahnen in einer Performance zur Eröffnung der Ausstellung der Künstlerin, die das Gebiet, das auch eine Brutstätte vieler Vögel ist, zu einem „Göttinnenland“ ernennt. Damit wird dieses Werk zu einem mehrdimensionalen Tagebuch eines Landstrichs, dessen Wert über kapitalistisch Zählbares hinausgeht.
„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

„Die Welt spinnt weiter“und „Sammlung von Weltmodellen“ von Aliz Farkas (Fotocredit kuma)

Der Wald zwischen Gothic und verspielter Buntheit

Auch wenn Edda Strobls sich auf den Bildern aus der Serie „Seltene Sorten“, entstanden durch intuitives automatisches Zeichnen auf Schabkarton, Comicfiguren mit Motiven aus Medien, Naturwissenschaft und Mythologie verbinden, und eine düstere Atmosphäre verbreiten, fühlt es sich an, als wären diese alle einem Wald entsprungen.
„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

„Seltene Sorten“ von Edda Strobl (Fotocredit kuma)

Diesen Traum- und Albtraumbildern stehen Vanja Krajnc bunte Bilder und fantasievolle Objekte der Serien „In the Deep Woods #12“ und „In the Deep Woods #12“ und „In the Woods“ gegenüber, die den Wald und die Natur als fröhlichen Ort der Entdeckungen zeigen. Die strenge Anordnung der düsteren Bilder auf der einen Seite steht hier im Gegensatz zum eher ungeordneten freien Arrangement auf der anderen Seite. So ergeben sich menschlich ambivalente Empfindungen zwischen Bedrohung und Hoffnung, zwischen Albtraumhaftem und Traumhaftem und zwischen zwanghafter Angst und hoffnungsvoller Freude, Neues zu entdecken.
„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

„In the Woods“ von Vanja Krajnc (Fotocredit kuma)

Ein gemütlicher Platz zum Verweilen, zum Zuhören und Schauen

Das Daily Rhythms Collective (Daniela Brasil, Otto Oscar Hernandez Ruiz, SHIN Hyo Jin) setzt inmitten des dritten Raumes ein Weidengeflecht in ihrer Installation „Fugitive Soils [Flüchtige Böden]“. Schon bevor man den Raum durch einen Vorhang betritt, nimmt man dessen Geruch wahr, der an Weihrauch erinnert, und zusammen mit der gelblichen Beleuchtung des Raumes wird eine gemütliche Atmosphäre geschaffen, die einlädt, sich in dieses Weiden-Nest zu setzen. Im Hintergrund ist ein Text mit rhythmisierten Klängen von Báyò Akómoláfé zu hören, von ihm performt beim Dramatiker:innen-Festival, in dem die Gegenwart als flüchtig und Veränderung als etwas sich ständig Ereignendes, mit der Chance auf Erneuerung, beschrieben wird. Vom Nest aus blickt man auf eine Art Altar an den Fenstern, wo „Flüchtige Erden" aus den Orten, an denen die Künstler:innen aufgewachsen sind, platziert sind, ebenso wie Gegenstände, die das Collective bei seinen Performances genutzt hat. Direkt im Blickfeld in der Mitte wird das Video „L’aMoUR“ gezeigt, in dem eine ebensolche an der Mur zu sehen ist, in der mit Stoffbahnen prozessionsartig an Land der Geist des fließenden Wassers beschworen wird. Wenn man in dieser Atmosphäre im Weidenkorb sitzt, dann kann es schon passieren, dass man sich direkt an der Mur wähnt und glaubt, das Rauschen des Wassers zu hören und einen leichten Windhauch zu spüren.
„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

Mit dem Daily Rhythms Collective aus dem Weidenkorb blicken (Fotocredit kuma)

Ein spannender Old-School-Vortrag über die mythologische Verbindung von Frauen und Schlangen mit Straußenei im Dunklen

Im vierten abgedunkelten Raum nimmt man sofort das Klicken eines Diaprojektors wahr. Das einzige Licht kommt von den Dias der audiovisuellen Erzählung „Frau Ritter 2.0“ von Lala Raščić. Mit schwarz-weißen Bildern beschreibt der Text dieses Essays die mythische Verbindung von Frau und Schlange über verschiedene Kulturen, vom antiken Mesopotamien, Ägypten und Griechenland über die mittel- und südamerikanischen Hochkulturen und das Mittelalter bis heute, von dämonischen Zuschreibungen und dunklen Fantasien bis zum Äskulap-Symbol der Heilung. Es beginnt mit der Erde und deren Schöpfung, bei der in vielen Kulturen die Schlangen eine Rolle spielen und in der Folge als mystische Mischwesen, Chimären und Gottheiten wie die gefiederte Schlange Quetzalcoatl in Mittelamerika immer wieder in der Geschichte auftauchen bis hin zum mittelalterlichen Drachen. Es ist äußerst spannend, in dieser Atmosphäre dem 45-minütigen Vortrag von Vorstellungen und Vorurteilen über Schlangen und deren Verbindungen zum Weiblichen zu folgen, an dessen Ende die bisher unveröffentlichte Fabel einer Schlangenprinzessin steht, und der ursprünglich für den „Schlangenraum“ im Nationalmuseum von Bosnien und Herzegowina in Sarajevo konzipiert ist.
„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

„Frau Ritter 2.0“ von Lala Raščić (Fotocredit kuma)

Außerdem befindet sich Catrin Manoli Skulptur „ⲥⲟⲟⲩⲉ [Ei]“ im Raum, bei der ein geschmücktes Straußenei über einem Baumstumpf hängt. Das Straußenei symbolisiert in der koptischen Christenheit göttliche Fürsorge und Aufmerksamkeit, während der Baumstumpf das reale Überbleibsel eines Protests gegen eine Rodung im Zuge eines Autobahnbaus ist.
„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

„ⲥⲟⲟⲩⲉ [Ei]“ von Catrin Manoli (Fotocredit kuma)

Ein Wesen im Werden als Symbol für das Werden im Leben

Auch der Innenhof im beherbergt in dieser Ausstellung wieder einmal ein Objekt: „Release the Kraken [Lasst den Kraken los]“ von Catherina Jarau, Laila Reichenpfader und Anna Mora Moll ist ein zerbrechlich wirkendes, luftiges „Mischwesen“ aus Pappmaché, Draht, Textilien, Schafwolle und gefundenen Materialien, das im Laufe der Ausstellung verändern wird. Das Wesen lässt vielerlei Interpretationen bezüglich seiner Herkunft zu bzw. Zuschreibungen, welche Teile von Tieren seine Teile darstellen. Man sieht dem Objekt an, dass es unvollständig und im Werden ist, auch hat es kein Geschlecht. Man weiß nicht, ob es an Land, im Wasser oder in der Luft lebt, obwohl es irgendwie an einen Vogel erinnert, weil Teile davon in der Luft schweben. So regt das Wesen beim Betrachten dazu an, vermeintlich Festgefahrenes zu überdenken und das Leben als Prozess anzusehen, der in vielfältige Entwürfe mündet.
„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

Ein Blick in den Innenhof: „Release the Kraken [Lasst den Kraken los]“ von Catherina Jarau, Laila Reichenpfader und Anna Mora Moll (Fotocredit kuma)

Aus der Höhle in das Leben

Im Gang hängen Tuschezeichnungen und Aquarelle von Dominika Trapp unter dem Titel „Life Beyond … [Das Loben danach...]“, mit dem wiederkehrenden Motiv einer Frau vor einem Höhlenausgang, verflochten mit der Natur und mit dem Rücken zum Betrachter. Dahinter steckt neben dem persönlichen Motiv der Künstlerin mit der Frage, ob man in diese Welt noch ein Kind setzen darf, auch die Idee, des sich Lösens von alten Ritualen, die unsere Vorfahren einst in Höhlen vollführten. Damit geht es auch um das Hinaustreten in eine größere Welt wie in Platons berühmtem Höhlengleichnis, die Aufgabe einer vermeintlichen Sicherheit und darum, von Schatten zu neuen Abenteuern des Geistes zu gelangen.
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Der Blick aus der Höhle: „Life Beyond … [Das Loben danach...]“ von Dominika Trapp (Fotocredit kuma)

Das Café als einladender gemeinschaftlicher Ort zum Austausch von Pflanzensamen

Formal ist im Café nur Kunstwerk, nämlich die Wandmalerei „Xochitl“ von Florian Perl zu sehen, die zwar abstrakt aussieht, für deren Formen der Künstler aber auf verschiedene Samen und deren Farben auf traditionelle Erdtöne zurückgegriffen hat. Dieses Werk bildet die passende Umgebung für das Projekt „AYOCOTL – eine Saatgutbibliothek für Alle“, entstanden aus einer Zusammenarbeit von Forum Urbanes Gärtnern, Andreas Motschiunig, der vor allem die Expertise zu Samen eingebracht hat, und Daniela Brasil, die sich verantwortlich für die Gestaltung des Raumes zeichnet. Dieser wirkt tatsächlich ein wenig wie eine normale Bibliothek mit Sitzgelegenheiten und Entnahmemöglichkeiten von Samen und Büchern. Somit kann man sich hier zum Lernen und Austauschen mit anderen niederlassen, wobei die Bibliothek natürlich nur überleben kann, wenn sie als Tauschbörse so funktioniert, indem mehr Samen eingebracht als herausgenommen werden. So soll aus diesem Raum ein lebendiger Ort des Austausches werden, nachdem es ja der Urzweck von Samen ist, Pflanzen und damit auch sich selbst zu vermehren. Dabei geht es nicht zuletzt auch darum, alte Sorten für künftige Generationen gemeinschaftlich zu erhalten und sich dabei auch bewusst zu werden, dass Samen die Grundlage aller unserer Leben sind. Der Name „AYOCOTL“ stammt übrigens aus der indigenen Sprachfamilie Nahuatl, die auf die alte Sprache der Azteken zurückgeht, und ist sowohl ein weiblicher Vorname als auch das Wort für Blume.
„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

„AYOCOTL – eine Saatgutbibliothek für Alle“ (Fotocredit kuma)

Eine Ausstellung zum Eintauchen und Abtauchen in unterschiedliche atmosphärische Räume

In einer Zeit von sich ständig steigerndem Tempo und multiplen Krisen werden hier Räume geschaffen, die nicht nur die Sehnsucht nach vorübergehendem Stillstand bedienen und zum Ausruhen und Versenken in eine eigene Gedankenwelt ermöglichen, sondern, wie das Projekt einer Saatgutbibliothek für alle, eine aktive Teilnahme samt Rückbesinnung auf das Wesentliche erlauben – oder wie es das „The Emergence Network“ ausdrücken würde: Sich auf eine Suche nach Verbindungen von ökonomischen und moralischen Werten mit sozialer Komplexität und realistischen Utopien zu begeben, um in der Praxis einen sozialen Wandel zu ermöglichen. In der von Margarethe Makovec und Anton Lederer kuratierten Ausstellung kreieren die beiden in jedem Raum eine spezielle Atmosphäre, die einlädt, etwas länger zu verweilen und zu reflektieren und kritisch zu hinterfragen, in welchen Kreisläufen wir leben und wie wir das, was uns erhält, auch erhalten können. Nachdem das Mouries Collective von der letzten Ausstellung eine Kiste mit Materialien zum Anfertigen von Talismanen hinterlassen hat, kann man sich dabei sogar auch noch mit den Händen kreativ beschäftigen.
„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

„AYOCOTL – eine Saatgutbibliothek für Alle“ (Fotocredit kuma)

„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

Kuratiert von: Margarethe Makovec & Anton Lederer Ausstellungsdauer: 29.05.2026 – 01.08.2026 & 24.08.2026 – 05.09.2026 Öffnungszeiten: Mo – Fr 10:00–18:00 SA 12:00–16:00 An Sonn- und Feiertagen geschlossen Ort : < rotor >, Volksgartenstraße 6a, Graz Teilnehmende Künstler:innen: Aliz Farkas, Elisabeth von Samsonow, Vanja Krajnc, Edda Strobl, Daily Rhythms Collective (Daniela Brasil, Otto Oscar Hernández Ruiz, SHIN Hyo Jin), Lala Raščić, Catrin Manoli, Catherina Jarau, Anna Mora Moll, Laila Reichenpfader, Dominika Trapp, Ernst Koslitsch AYOCOTL Saatgutbibliothek für Alle: Forum Urbanes Gärtnern,Andreas Motschiunig,Daniela Brasil, Florian Perl Dialogführungen: durch die Ausstellung für Schulklassen und andere Gruppen nach Voranmeldung: rotor@mur.at 0316/688306 Eintritt frei
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Die Wandmalerei „Xochitl“ von Florian Perl (Fotocredit kuma)

„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

„Die Welt spinnt weiter“ - Weltkarte aus Schafwolle von Aliz Farkas (Fotocredit kuma)

„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

Der Weidenkorb von Daily Rhythms Collective (Fotocredit <rotor>)

„Eine Parabel über Enden und Anfänge, die wir noch nicht kennen: Teil 1: Der große Vogel“ im <rotor>

Glasskulptur und BIld aus „In the Woods“ von Vanja Krajnc