Technologie als Ursache und Wirkung zur menschlichen Resilienz

Kunst: (Re)New Part II, esc kunst medien labor

Text: Robert Goessl - 12.10.2026

Rubrik: Kunst
„Re(New) Part II“ im esc kunst medien labor

Fotocredit esc kunst medien labor

Das esc kunst medien labor widmet sich im zweiten Teil der Ausstellungsserie wieder dem menschlichen Faktor in einer zunehmend unübersichtlichen technisierten Welt, die immer mehr Gefahren mit sich zu bringen scheint. Es geht darum, diese aufzunehmen und in einem kreativen Prozess umzuwandeln, um so mit Ambivalenztoleranz reagieren zu können, und damit trotz der inneren Zerrissenheit und ohne vor den großen Techkonzernen zu kapitulieren, handlungsfähig zu bleiben und an die eigenen Fähigkeiten zu glauben, Technologie für sich nutzbar machen zu können.

Ein einfaches Prinzip liegt „Untitled 6“ von Antti Kytömäki: Eine Kette, aufgehängt um eine Rolle, bewegt sich von einer Seite auf eine andere Seite und dann wieder zurück, wobei die Bewegungen im Detail unvorhersehbar werden. Der Künstler spielt dabei mit der Erwartungshaltung der Betrachter:innen, dass einfache Aufläufe überschaubar und kontrollierbar sind, und setzt dem die vibrierend anmutenden Bewegungen der Kette entgegen, bei der als geschossenes System vordergründig nur der Stapel von der einen auf die andere Seite bewegt wird.
„Re(New) Part II“ im esc kunst medien labor

„Untitled 6“ von Antti Kytömäki (Fotocredit kuma)

Informationen auf das menschliche Maß vergrößert

Teresa Fernández-Pellos erforscht die Ästhetik von Elektronikbauteilen. In „En Crypt II“ vergrößert sie Chips und Platinen, sodass sie wie Ornamente aus historischer Architektur wirken. Technologie kann so auch als dekorativ wahrgenommen werden. Zusätzlich lässt die Künstlerin, als physische Darstellung von logischen Prozessen ein, ein in Binärcode verschlüsseltes Archiv von Texten von Internetrezensionen mittels LED-Lichtern darüber laufen, als Hinweis darauf, dass durch die Unlesbarkeit und die Menge der Daten menschliche Nuancen verloren gehen.
„Re(New) Part II“ im esc kunst medien labor

„En Crypt II“ von Teresa Fernández-Pellos (Fotocredit kuma)

Ein komplex vernetztes System reagiert auf Menschen

Auf Donna Haraways Begriff des Myzels als Metapher für menschliche und nichtmenschliche Verflechtungen, greift Hei Yuen Man in „Field“ zurück: ein Wurzelwerk, das als Pilzgeflecht verstanden werden kann, am Boden und den Wänden reagiert auf menschliche Bewegungen, aber nicht linear, sondern das System kommuniziert untereinander, indem Sounds erzeugt werden. Dabei reagieren unterschiedliche Gebiete auch unterschiedlich auf dieselbe Ursache, und die Reaktion kommt nicht immer vom nächsten Punkt, sondern kann auch von weiter weg kommen. Damit wird verdeutlicht, dass menschliche Positionen in der Umwelt komplexen Mechanismen unterliegen, die oft nicht auf den ersten Blick sichtbar sind.
„Re(New) Part II“ im esc kunst medien labor

„Field“ von Hei Yuen Man (Fotocredit kuma)

Cyborgs als Ausdruck der Verzweiflung und Hoffnung

Cyborgs sind auch zentrale Figuren aus Donna Haraways Gedankenexperimenten. Sie werden als spezielle Wesen angesehen, um Grenzen aufzulösen – also die Trennung von Mensch und Tier, Organismus und Maschine sowie zwischen dem Physischen und Nicht-Physischen. Die Künstlerin Minu Park benutzt diese hybride Mischung mit ihren drei beweglichen Objekten in „The Yellow Cyborgs“ dazu, sich mit ihren Gefühlen beim Umzug aus Korea nach Berlin auseinanderzusetzen. Sie betrachtet die hier an unterschiedlichen Punkten des Raumes ausgestellten Objekte aus einer größeren Serie nicht als übermenschliche Wesen, sondern als Ausdrucksmöglichkeiten für ihre Depressionen und Unsicherheiten und ihre Begegnungen mit rassistischem und abwertendem Verhalten. Während der erste Cyborg scheu und in sich gekehrt wirkt, als hätte er Angst, davor beobachtet zu werden, zeigt der zweite kleine Versuche, dem Gegenüber Aufmerksamkeit zu schenken. Der dritte Cyborg öffnet sich der neuen Stadt, und reflektiert als Teil des Stadtbilds mit Straßen, Schienen und Bewegungssystemen die Rückgewinnung der Selbstsicherheit in einem ursprünglich diasporischen Leben im Ausland.
„Re(New) Part II“ im esc kunst medien labor

„The Yellow Cyborgs“ von Minu Park (Fotocredit kuma)

Die Resilienz der Natur als Fortschreibung der Evolution

Auf die Umweltbelastung durch toxische Stoffe durch illegale Müllentsorgung in ihrer Heimat um Neapel reagiert die Künstlerin Giusy Amoroso in „Dionaea vertebralis“ mit dem Weiterdenken der Evolution. Sie entwirft Wesen, die Plastikteile und Giftstoffe nicht nur in sich aufnehmen können, sondern die diese sogar für ihre Entwicklung benötigen. Diese werden zunächst im Computer entworfen, um sie dann als Objekte in ihrer „natürlichen“ Umgebung darzustellen. Dabei macht sie auf einem Bildschirm deren Vitalfunktionen sichtbar und versorgt sie mittels eines Schlauches mit „Nahrung“. So stellt sie Leben als Resilienz der Natur im Post-Anthropozän durch kreative Transformation mit Kontamination und Adaption von menschlichen Hinterlassenschaften dar.
„Re(New) Part II“ im esc kunst medien labor

„Dionaea vertebralis“ von Giusy Amoroso (Fotocredit kuma)

Die Sichtbarmachung des Wunders der elektromagnetischen Welle als Teilchen

Mit den auf den ersten Blick einfachen Fragen „Was ist Licht?“ und „Wie nehmen wir Menschen es wahr?“ beschäftigt sich Akinori Goto in „Latency“. Es hat mittels 3D‑Druck Objekte geschaffen, die in einer schwarzen Box von einer beweglichen Lichtquelle angestrahlt werden. Die Objekte sind dabei so gestaltet, dass sie das Licht je nach Einfallwinkel unterschiedlich reflektieren und streuen, sodass veränderliche Bilder entstehen. Damit kann man sehen, dass das Licht ein Potenzial darstellt, einen immerwährenden Datenstrom, der je nachdem, worauf er trifft, etwas anderes erzeugen kann. Bilder existieren nicht a priori, sondern entstehen aus der flüchtigen Beziehung zwischen Licht und Teilchen in jedem Augenblick neu. Dabei reflektiert das Werk die fundamentale Ungewissheit der Existenz selbst, indem verschwommene Konturen immer wieder aus der Dunkelheit auftauchen.
„Re(New) Part II“ im esc kunst medien labor

„Latency“ von Akinori Goto (Fotocredit kuma)

Ein Weg zur persönlichen Resilienz über kreativen Umgang mit neuen Technologien

Die Objekte und Installationen der Ausstellung wirken wie Ventile des Weiterdenkens von technologischen Möglichkeiten und bieten neben überraschenden Effekten auch tiefgreifende Analysen. Manchmal ist dabei die Technologie die Voraussetzung, manchmal wird sie als Hilfsmittel eingesetzt, um der menschlichen Position in der Welt auf den Grund zu gehen und diese damit zu hinterfragen. Dabei werden sowohl die Beziehungen des Menschen zur belebten und unbelebten Natur als auch die Beziehungen untereinander aufzeigt, wobei spielerische Zugänge zu komplexen Ergebnissen führen können.
„Re(New) Part II“ im esc kunst medien labor

Das Licht als Momentaufnahme in „Latency“ von Akinori Goto (Fotocredit kuma)

„Re(New) Part II“ im esc kunst medien labor

Installationen | Künstler:innen: „Untitled 6“ von Antti Kytömäki (FIN) „En Crypt II“ von Teresa Fernández-Pellos (ESP) „Field“ von Hei Yuen Man (CHN) „The Yellow Cyborgs“ von Minu Park (KOR) „Dionaea vertebralis“ von Giusy Amoroso (ITA) „Latency“ von Akinori Goto (JPN) Öffnungszeiten: während des steirischen herbsts von 26.9.2026 – 18.10.2026: Di – So von 14:00 – 19:00 Uhr danach von 20.10.2026 – 13.11.2026: Di – Fr von 14:00 – 19:00 und nach Vereinbarung Eintritt: frei Spezielle Termine: 10.10.2026: 13.30 – 15:00: CMKKosmos Workshop im Rahmen des ORF musikprotokoll 2026 15:00 – 15:30: CMKKosmos Performance im Rahmen des ORF musikprotokoll 2026 mit Mattia Benedetti, Francesco Gulic, BAD TOKEN, Carmen Pomet, Jess Robinson, Anton Stuk, Justyna Tobera, Lars Tuchel 13.10.2026 14:00 – 19:00: Uncomputable Practices: Workshop / Ada Lovelace Day 2026 mit Valentina Vuksic 13.11.2026 18:00: Finissage
„Re(New) Part II“ im esc kunst medien labor

Minu Parks Cyborg blickt in die Stadt (Fotocredit kuma)