Die Erweiterung der menschlichen Wahrnehmung der Natur mit technischer Hilfe

Kunst: (Re)New Part 1, esc kunst medien labor

Text: Robert Goessl - 03.05.2026

Rubrik: Kunst
„Re(New) Part 1“ im esc kunst medien labor

Fotocredit kuma

Die Ausstellung umfasst vor allem Objekte, die mit ihrer Umgebung oder auch Menschen interagieren: Die dabei entstehenden kleinen Veränderungen, die fast nicht bemerkbar oder sogar für die menschlichen Sinne gar nicht erfassbar sind, werden auf eine andere Weise sichtbar, hörbar oder spürbar gemacht. Somit entsteht aus einer oft winzigen Ursache eine weitaus größere Wirkung, die sich ganz anders als die Ursache manifestiert und so einen Zusammenhang zwischen der unbelebten und belebten Natur und der menschlichen Wahrnehmung herstellt.

„Re(New) Part 1“ im esc kunst medien labor

„Picocosmos“ von Edy Fung (Fotocredit kuma)

„Picocosmos“ von Edy Fung (GBR)

Die in Stockholm lebende Künstlerin hat eine Live-Übertragungsskulptur gestaltet, die den Zufall eines unscheinbaren quantenmechanischen Ereignisses in den Weltraum sendet. Dabei werden Photonen, die beim Übergang eines Elektronenzustandes in einen anderen in einem Atom entstehen, in einen hörbaren Klang verwandelt, der als Radiosignal in den Weltraum gesendet wird. Als skulpturale Einheit verbindet die Arbeit wissenschaftliche Apparatur mit materieller Präsenz: Mundgeblasenes Glas, Kupfer, elektronische Komponenten und ein selbstgebauter Radiosender formen ein hybrides Ensemble zwischen Labor und Sendestation. Picocosmos verschiebt damit den Maßstab von Kommunikation – von der Flüchtigkeit quantenphysikalischer Ereignisse hin zu potenziell weitreichenden Übertragungsräumen – und eröffnet einen Resonanzraum, in dem sich Wissenschaft, Technologie und Imagination an der Schnittstelle von Kunst, Quantenphysik und Kommunikationstechnologie überlagern.
„Re(New) Part 1“ im esc kunst medien labor

„Picocosmos“ von Edy Fung (Fotocredit kuma)

„Array Afterglow“ von Steven Mark Kübler (DEU)

Der in Wien lebende New-Media-Künstler benutzt in seiner Skulptur 20 vertikale Lichtpaneele, die jeweils von oben beleuchtet werden und über transluzente Oberflächen nach unten und weiche Farbverläufe und Klänge erzeugen. Über Gesten und Handbewegungen von Besucher:innen lassen sich diese in Echtzeit verändern. Das Objekt lebt also im Raum, während Licht und Klang sich auf den Paneelen zu einer atmenden Atmosphäre verbinden, die sich mit der Anwesenheit von Personen verändert.
„Re(New) Part 1“ im esc kunst medien labor

„Array Afterglow“ von Steven Mark Kübler (Fotocredit kuma)

„Weaving Black“ von Masahiko Takeda (JPN)

In „Weaving Black“ übersetzt der Künstler das Nishijin-Motiv des fließenden Wassers für Veränderung in eine Installation aus Klang, Wasser und Licht als eine Form eines elektronischen Webens. Die Geste dieses Webens verlagert sich hier vom Textilen hin zu einer Interaktion von Klang, Raum und Bild. Schwingungen mehrschichtig verwobener Klangstrukturen wirken auf im Raum verteilte Wasseroberflächen ein, die als empfindliche Membranen dienen. Die so entstehenden "Wasserbilder" bleiben instabil und verändern sich fortwährend in Abhängigkeit von Frequenz, Intensität und räumlicher Disposition. Die Transformation ist das zentrale Motiv und realisiert sich zwischen Material und Immaterialität, zwischen handwerklicher Praxis und installativer Anordnung, zwischen stabiler Form und kontinuierlicher Veränderung.
„Re(New) Part 1“ im esc kunst medien labor

„Array Afterglow“ von Steven Mark Kübler (Fotocredit kuma)

„Plant Orchestra“ von Jon Ross, Bionic and the Wires (GBR)

Das Objekt verwandelt elektrische Signale von Pflanzen und Pilzen in ein sich ständig veränderndes Klangfeld. Sensoren messen minimale Bioaktivität und übersetzen sie in Echtzeit in Klang. So entstehen fragile akustische Systeme, in denen Organismen als klanglich wirksame Akteure einer gemeinsamen, sich ständig verändernden Umgebung erfahrbar werden. Damit erscheinen Pflanzen und Pilze als relationale Akteure, die in permanentem Austausch mit ihrer Umwelt stehen. Bionic and the Wires schlägt vor, Natur nicht als ein Gegenüber zu betrachten, sondern als klanglich wirksames Gefüge aus Signalen, Relationen und fortlaufender Transformation, in dem sich Grenzen zwischen Organismus, Technologie und Umgebung zunehmend auflösen.
„Re(New) Part 1“ im esc kunst medien labor

„Plant Orchestra“ von Jon Ross, Bionic and the Wires (Fotocredit kuma)

„triangulator“ von ::vtol:: (RUS/SLO)

Die kinetische Klangskulptur des in Ljubljana lebenden Künstlers verbindet Robotik mit Klang. Bewegung wird hier mit Tönen gekoppelt, indem ein Pendel im Magnetfeld eines Permanentmagneten und dem eines Elektromagneten in Schwingung versetzt wird. Während der permanente Magnet die Bewegung antreibt, erfasst ein Magnetfeldsensor die Veränderungen im Magnetfeld des oberen und liest sie als Bewegungsdaten aus, die ein klangerzeugender Algorithmus wiederum zur Modulation eines Tonsignals nutzt. Damit entsteht eine zufällige Interaktion in einem System zwischen Ordnung und Unvorhersehbarkeit und zwischen Abweichung und Stabilisierung, in dem kleine Verschiebungen im Bewegungsverlauf auf den Klang zurückwirken. Das System strebt ein Gleichgewicht an, das es jedoch nie erreicht.
„Re(New) Part 1“ im esc kunst medien labor

„triangulator“ von ::vtol:: (Fotocredit kuma)

„Solar Crawlers“ von Juli Laczko (HUN/NDL)

Die „Solar Crawlers“ der intermedialen Künstlerin Juli Laczko kann man getrost schon als Stammgäste im esc bezeichnen. Die kleinen, netzunabhängigen Roboter sind aus wiederverwerteten Elektronikteilen und Holz gefertigt und werden durch Sonnenlicht aktiviert, indem sie Sonnenenergie in einfache mechanische Bewegungen umwandeln. Jedes Exemplar ist einzigartig und reagiert so unterschiedlich auf Lichtverhältnisse, dass die „wandernden Äste“ ein individuelles Verhalten zeigen. Die Arbeit versteht sich als Erprobung einer ressourcenschonenden, solarpunk-inspirierten Ästhetik und Praxis als Gegenpol zu aufwendigen, komplexen technischen Apparaturen.
„Re(New) Part 1“ im esc kunst medien labor

„Solar Crawlers“ von Juli Laczko (Fotocredit kuma)

„TELLURIC“ von Surzhana Radnaeva, Traditional Futures (FRA)

Die Materialforscherin, Künstlerin und Gründerin von Traditional Futures setzt sich in diesem Projekt über Kunst hinaus und präsentiert eine Möglichkeit, Textilreste wiederzuverwenden. Das Projekt besteht aus zwei zentralen Komponenten: einem Open-Source-Hollander-Beater, einer Maschine zur effizienten Herstellung von hochwertigem Hadernpapier aus Textilabfällen, sowie einer Kollektion minimalistischer Kleidungsstücke aus diesem Papier, die dann genutzt werden können, um schließlich wieder zu einem Blatt recycelt zu werden. Ein Video vor Ort zeigt den Entwicklungs- und Produktionsprozess, in dem Materialien nicht als abgeschlossene Produkte, sondern als fortlaufende, sich wandelnde Zustände gedacht werden.
„Re(New) Part 1“ im esc kunst medien labor

Bildausschnitte aus dem Video „TELLURIC“ von Surzhana Radnaeva (Fotocredit kuma)

„Bâton de pluies“ von Lola Le Vient (FRA) und Antonin Lemiere (FRA)

Ausgangspunkt des Werkes der Künstler ist ein Keyboard im Regen, das als Aufzeichnungsmedium für die zufälligen Bewegungen von Regentropfen dient und so mittels eines klanglichen Rasters eine lebendige Partitur entstehen lässt. Konkret wird in „Bäton de pluies“ (Regenstab) auf zwei Monitoren der gefilmte Regen einer animierten Partitur gegenübergestellt. So entsteht ein grafisches Raster, das die Impulse aufnimmt und in Noten, Rhythmen und Klangtexturen übersetzt. Auf diese Weise „komponiert“ ein zufälliges, unkalkulierbares und chaotisches System, womit in diesem Fall der Zufall nicht als Störgröße, sondern als konstitutives Prinzip begriffen und so zum künstlerischen Medium wird.
„Re(New) Part 1“ im esc kunst medien labor

„Bâton de pluies“ von Lola Le Vient und Antonin Lemiere (Fotocredit kuma)

„Co-Becoming with Kombucha“ von Tania Safa (FRA)

Die Designerin, Künstlerin und Forscherin untersucht in ihrem Projekt, wie biohybride Schnittstellen Begegnungen mit mikrobiellem Leben ermöglichen. Sie verwendet dabei eine mikrobakterielle Kombucha-Kultur als lebendiges, zeitlich dynamisches System, in das Teilnehmende körpereigene Materialien wie Haare, Speichel oder Hautkontakt einbringen. Damit wird in diesem durch Wachstum und Transformation geprägten System der Fermentationsprozess beeinflusst und so werden Menschen selbst zu einem Teil des Systems, das sich durch wechselseitige Einwirkungen konstituiert. Auf einem zentralen Bildschirm, der mit den Kombucha-Behältern verbunden ist, die ihrerseits über Elektroden verbunden sind, wird dieser Prozess sichtbar gemacht. So tritt in diesem Fermentationsprozess mikrobielles Leben als aktiver Mitspieler hervor und die Interaktion zwischen menschlichen und nichtmenschlichen Akteur:innen wird zu einem ästhetischen Ereignis.
„Re(New) Part 1“ im esc kunst medien labor

„Co-Becoming with Kombucha“ von Tania Safa (Fotocredit kuma)

„Bruine“ von Ulysse Gohin (FRA)

Die Klangmaschine des Künstlers ist von Regen inspiriert, der vor Ort nicht vorhanden ist und so nur simuliert werden kann. Schieferfragmente und Fundstücke werden in Schwingung versetzt und erzeugen ein Geflecht aus Mikrotönen. Aus der Überlagerung dieser akustischen Impulse entsteht ein melodisches Muster, das zu einer wiederholenden Schleife wird, die sich permanent verändert. Dabei steht die Idee der Wiederverwendung und Umcodierung industrieller Reste im Mittelpunkt, die eine Transformation von Energie ermöglichen, bei der Bewegung in Schwingung und schließlich in Klang überführt wird.
„Re(New) Part 1“ im esc kunst medien labor

„Bruine“ von Ulysse Gohin (Fotocredit kuma)

„Motor Dosen Kalimba“ von Ralf Schreiber (DEU)

Das Werk ist ein elektromechanisches Instrument für experimentelle Klang- und Rhythmusforschung. Bestehend aus einer Konservendose mit Motor, einem Kontaktmikrofon und einem Steuerboard, werden sechs Saitendrähte angetrieben, deren Klang sich zwischen Kontrolle und Zufall entfaltet. Über die Variation der Motorgeschwindigkeit lassen sich Rhythmus, Tonfolge und klangliche Dichte gezielt verändern. Durch die zusätzliche Präparation der Drähte mit Materialien wie Metallfedern, Magneten oder Klammern erweitert sich das Klangspektrum in ungeplante, teils zufällige Richtungen, wodurch das Instrument zwischen Kontrolle und Zufall operiert.
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„Motor Dosen Kalimba“ von Ralf Schreiber (Fotocredit kuma)

„To Water Is To Be“ von Nanno Simonis (NDL)

Die kinetische Skulptur der Künstlerin zeigt Wasser als zugleich kontrollierbares und unkontrollierbares Element. Ein technisch gesteuerter Kreislauf erzeugt in einem Glasbehälter kraftvolle Wasserbewegungen, die scheinbar die Grenzen des Glases sprengen. Das Wasser prallt mit Wucht gegen die Glaswände, wodurch komplexe, organische Muster sichtbar werden, und es entsteht der Eindruck, dass das Wasser die Grenzen seines Gehäuses überwindet. Es wirkt, als würde es ausbrechen, doch tatsächlich bleibt die Bewegung jedoch technisch reguliert und genau komponiert. Im Spannungsfeld von scheinbarer und tatsächlicher Kontrolle erscheint Wasser einerseits als Ressource, die präzise gelenkt werden kann, andererseits als Kraft, die sich der vollständigen menschlichen Beherrschung entzieht.
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„To Water Is To Be“ von Nanno Simonis (Fotocredit kuma)

Wie uns Technologie retten kann

Fernab des industriellen Maßstabs gibt es Zusammenhänge zwischen Mensch, Natur und Technologie, die in den Werken der Ausstellung sichtbar gemacht werden. Auf diese Weise wird ein anderer Blick auf Dinge geworfen, der das Gewohnte und bisher Geschaffene infrage stellt. Dabei zeigt sich auch die große Freude am kreativen Experimentieren, und der Suche danach, wie man komplexe Situationen differenziert, mit intellektueller Offenheit und auch über die menschliche Wahrnehmung hinaus betrachten kann. Es geht darum, neue Zusammenhänge zu ergründen, auch stets mit Respekt vor der Natur und mit dem Ziel ihrer nachhaltigen Nutzung. Die Ausstellung zeigt auch, dass es möglich ist, die technischen Möglichkeiten anders zu nutzen und sie als Chance zu begreifen, und damit die Zuversicht zu gewinnen, dass die Zukunft offen und gestaltbar ist.
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„TELLURIC“-Kleidung von Surzhana Radnaeva (Fotocredit kuma)

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Installationen | Künstler:innen: „Array Afterglow“ von Steven Mark Kübler (DEU) „Bâton de pluies“ von Lola Le Vient (FRA) und Antonin Lemiere (FRA) „Bruine“ von Ulysse Gohin (FRA) „Co-Becoming with Kombucha“ von Tania Safa (FRA) “Motor Dosen Kalimba” von Ralf Schreiber (DEU) „Picocosmos“ von Edy Fung (GBR) „Plant Orchestra“ von Jon Ross, Bionic and the Wires (GBR) „Solar Crawlers“ von Juli Laczko (HUN/NDL) „TELLURIC“ von Surzhana Radnaeva, Traditional Futures (FRA) „To Water Is To Be“ von Nanno Simonis (NDL) „triangulator“ von ::vtol:: (RUS/SLO) „WEAVING BLACK“ von Masahiko Takeda (JPN) Öffnungszeiten: 28.04 – 14.08.2026 Dienstag bis Freitag von 14:00 bis 19:00 und nach Vereinbarung Eintritt: frei Spezielle Termine: 30.5.2026 18:30 und 21:30: impuls MinutenKonzerte 03.07.2026 19:00 – 21:00: Traditional Futures, Artist’s Talk mit Surzhana Radnaeva (FRA) 04.07.2026 10:00 – 18:00: Traditional Futures, esclab mit Surzhana Radnaeva (FRA) zu Papierherstellung mit Hollander Beater, eine Maschine, gebaut und weiterentwickelt von Atelier Schillerstraße (AUT) und schlichtwerk (AUT), auf der Basis der Open-Source-Files von Mekanika (BEL). Anmeldung unter office@esc.mur.at, die Teilnahme ist kostenlos. 17.07. – 19.07.2026 10:00 – 18:00: WEAVING BLACK, esclab mit Masahiko Takeda (JPN) zu Klanginstallationen Anmeldung unter office@esc.mur.at, die Teilnahme ist kostenlos. 18.07.2026 19:00: WEAVING BLACK, Konzert mit Masahiko Takeda (JPN) 14.08.2026 18:00 – 22:00: Finissage
„Re(New) Part 1“ im esc kunst medien labor

Regen-Parfums „Bâton de pluies“ von Lola Le Vient und Antonin Lemiere (Fotocredit kuma)