Tiny House mit Eigenleben
Kritik: Willkommen Daheim, Mezzanin Theater
Text: Lydia Bißmann - 09.10.2026
Rubrik: Theater
Natascha Grasser hat mit Susanne Lipinski als Co-Konzeptorin und Darstellerin von Mara, deren Umgebung ein Eigenleben bekommt, ein Stück für Kinder ab fünf Jahren gemacht, das sich sehr verspielt mit einem recht ernsten Thema beschäftigt. In „Willkommen Daheim“ muss die Hauptdarstellerin mit Veränderungen klarkommen.
Die Geschichte im Stück „Willkommen Daheim“ ist eigentlich recht schnell erzählt, aber trotzdem komplexer, als es auf den ersten Blick scheinen mag. Mara lebt in einem liebevoll eingerichteten Minihaus (Markus Boxler), das ihr fast auf den Leib geschneidert ist. „Passt“ oder „Passt fast“ sind in den ersten zwei Dritteln der Aufführung daher auch fast der ganze Text. Sie lebt eine gemütliche Routine, ruht wie Dornröschen auf Samtkissen, schüttelt die Daunen wie Frau Holle aus und probiert wie Aschenputtel, ob ihr eh noch die ganze Einrichtung ‘passt’. Sie verspeist kleine weiche Bälle nach sorgfältiger Zubereitung und belohnt einen weiteren gelungenen Tag mit einem zauberhaften Lächeln. (Die Zähne putzt sie sich vermutlich im Schlauch aus blauem Elastan.) Nur die Gießkanne oder eine der vielen Topfpflanzen machen ein wenig Eskapaden, wovon sie aber wenig mitbekommt. Selbstbewusst und selbstsicher navigiert sich Susanne Lipinski durch ihren Minitag. Sie hat ein gutes Backup – Routine hilft ja bekanntlich auch gegen Depressionen.

Susanne Lipinski und Conrado Molina. (Fotocredit: Edi Haberl)
Seifenblasen und Lichtspiele
Zuerst reagiert Mara recht unbekümmert darauf, dass das Haus sich – scheinbar durch äußere Umstände – langsam, aber stetig zu verändern beginnt. Wer kennt das nicht: kleine Störungen oder Verschiebungen, die man am Anfang gar nicht so genau mitbekommt und die dann doch recht viel Raum einnehmen. Die Irritation erreicht ihren Höhepunkt, als auch der Vorgarten von einer Veränderung in Form einer Person (Conrado Molina, ausgestattet mit jeder Menge Ethno-Instrumenten und Accessoires) betroffen ist. Hier übernimmt peu à peu dann doch die Neugierde, die sich schließlich in Wohlgefallen und Zweisamkeit auflöst. Bis dahin gibt es herrliche Interventionen wie raffinierte Clown-Tricks, Musikeinlagen, sanfte Lichtspiele und eine Seifenblasenorgie.

Routine am Prüfstand bei “Willkommen Daheim" von Natascha Grasser für das Mezzanin Theater. (Fotocredit: Edi Haberl)
Core-Value Authentizität
Kostüm und Ausstattung stammen aus dem Mezzanin-Fundus, sind also zu hundert Prozent upgecycelt und wirken wie aus einem Guss. Die Einrichtung erinnert an die üblichen Kinderzimmer, weist aber viele kleine Raffinessen auf und wird im Hintergrund, für das Publikum unsichtbar, von Lena Hanetseder bedient und dirigiert. Maras Astronomie-Leggings und Shorts referieren auf Träume und verbinden nerdigen Kult-Kitsch mit dem Mitten-im-Leben-Stehen. Das liebevoll arrangierte, ausgestattete und dargestellte Kinderstück eignet sich vermutlich auch für jüngere Kinder als Fünfjährige und gibt Erwachsenen ebenfalls die eine oder andere Denk- und Gefühlsaufgabe mit nach Hause. Wer mag schon gerne Veränderungen? Und trotzdem sind sie am besten erträglich oder gar erfreulich, wenn man sie mit anderen gemeinsam erleben, reflektieren oder vielleicht auch bekämpfen kann.

Elastan-Schlauch als Duschanalogie. (Fotocredit: Edi Haberl)

Conrado Molina als liebeswerter Besucher. (Fotocredit: Edi Haberl)
