„Heimat Kunst radikal“ in Stadl an der Mur: Das Volkstheater wird neu gedacht

Kritik: WEGENER vergangen vergessen vorüber, Griessner Stadl

Text: Robert Goessl - 18.08.2026

Rubrik: Theater
„WEGENER vergangen vergessen vorüber" von Thomas Perle im Griessner Stadl in Stadl an der Mur

David Pirkner, Stephan Pointner, Ricki Moser, Katharina Nebenführ, Mareike Kremsner (Fotocredit: Philipp Rirsch)

2023 gelang dem Griessner Stadl mit „PROTESTANTEN vertreibung aus der heimath“, einem Stück von Thomas Perle über die grausame Protestantenvertreibung unter Maria Theresia im oberen Murtal, ein großer Wurf, der sogar mit einer Nominierung für den Nestroy Spezialpreis belohnt wurde. Nun begibt man sich mit dem ebenfalls von Thomas Perle geschriebenen Text „WEGENER vergangen vergessen vorüber“ in die jüngere Vergangenheit und bleibt dabei radikal der Heimat treu – treu auf eine Weise, wie es nur funktionieren kann, wenn man eines der Mottos des Griessner Stadls – „Kunst als Chefin“ – konsequent zu Ende denkt, so wie man auch das Volk samt „seiner Kultur“ zu Ende denkt.

So radikal reduziert und auf den Punkt gebracht wie „PROTESTANTEN vertreibung aus der heimath" von Martin Kreidt inszeniert wurde, so radikal anders ist die Herangehensweise bei „WEGENER vergangen, vergessen, vorüber“. Während bei den „Protestanten“ das Erzählen von deren Geschichte als Befreiung von der Vergangenheit verstanden werden kann, kann man bei „WEGENER“ Karl Marx zitieren: „Die Geschichte wiederholt sich immer zweimal – das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce“. Wobei auf die Tragödie in diesem Fall gleich einmal auf das Wort wörtlichste „geschissen“ wird und das in einer knappen Sprache – Thomas Perles Text scheint kein Wort zu viel in sich zu tragen, und so manches Satzende wird auch konsequent weggelassen, da das Wesentliche schon gesagt ist, und jeder das Ende für sich ergänzen kann.
„WEGENER vergangen vergessen vorüber" von Thomas Perle im Griessner Stadl in Stadl an der Mur

David Pirkner, Mareike Kremsner, Ferdinand Nagele, Ricki Moser, Katharina Nebenführ, Stephan Pointner (Fotocredit: Philipp Rirsch)

Wenn beim Volkstheater nicht die Wünsche, sondern die Wirklichkeit des Volkes im Mittelpunkt steht

Gleich am Anfang treten die beiden Conferenciers, in diesem Fall „Wursthanseln“ genannt, David Pirkner und Stephan Pointner, auf die Bühne, während das restliche Personal am Rande, stets für das Publikum sichtbar sitzend, gleichmütig auf seine Auftritte wartet. Die beiden sprechen sofort die Zuschauer an, um ihnen den Begriff des „Volksstückes“ näherzubringen. Immer wieder während der Aufführungen schreiten sie zu Kommentaren und zum Erzählen von Hintergründen auf die Bühne, werden aber gelegentlich auch zu Wirtshausbesuchen. Teilweise hat man das Gefühl, als würden sie sich im Vorhinein bei den Zuschauern dafür entschuldigen, dass das, was folgen wird, nicht ein Stück für das Volk, sondern ein Stück vom Volk ist, und daher wohl nicht so lustig werden wird. Zumindest versucht man, mittels eloquenter Fäkalsprache dem Volk etwas gefühlt volksnahe Volkskultur zu bieten, und begibt sich damit in die Scheiße, aus der man dann nicht mehr so leicht herauskommt. Da das Publikum auf der sonst leeren Bühne auf beiden Seiten sitzt, fühlt man sich da schnell als Komplize:in. Wie ernst es diese beiden Gestalten, mit ihren weiß geschminkten letztendlich meinen, die sich dabei selbst unerschrocken ins Lächerliche stellen, wird dabei langsam klar: Es ist nicht möglich, die Geschichte ehrlich als Komödie oder als Tragödie zu erzählen, ohne dabei fundamental über das Schweigen lügen zu müssen. Es bleibt nur die clowneske Farce, mit der man die grotesken Gestalten, die in den kommenden 90 Minuten die Bühne betreten werden, und die letztlich wie austauschbare Archetypen wirken, in der Realität verankern kann, ohne sie vollkommen unglaubwürdig zu machen.
„WEGENER vergangen vergessen vorüber" von Thomas Perle im Griessner Stadl in Stadl an der Mur

David Pirkner, Ricki Moser, Stephan Pointner (Fotocredit: Philipp Rirsch)

„Können uns doch nit alle einsperrn, warat ja ein ganzes Volk im Kerker“

Die Handlung spielt sich in Zeitsplittern rund um das Gasthaus Wegener ab, wobei immer wieder nach vorn und zurückgesprungen wird, um die Zeiten miteinander in Verbindung zu setzen. Vom Kriegsende bis in ein Heute entfaltet sich so eine Welt, in der scheinbar auf ein Morgen gewartet wird, in einem Heute, in dem das Gestern immer präsent ist. Die Figuren treiben durch die Zeit, sie wirken verirrt, und suchen aneinander Halt in ihren Lügen und damit den Zusammenhalt in der Dorfgemeinschaft, wo ewig ein neuer, frischer Wind weht, „auf unserem heimischen Boden, den unsere Ahnen seit Jahrtausenden schon hier bewirtschaftet“. So wirkt es nur logisch, dass der Bürgermeister und Ortsbauernführer vor 1945, Ferdinand Ochsl, bereits 1949 wieder zum Bürgermeister gewählt wird, und in seinen Sonntagsreden statt den Glauben an die Volksgemeinschaft und der rassischen Überlegenheit nun den Glauben an die Demokratie und die Friedfertigkeit des österreichischen Volkes beschwört. Ferdinand Nagele verkörpert ihn als desillusionierten Pflichterfüller, der einfach weitermacht, so wie auch seine Untertanen einfach weitermachen, als wären sie Gespenster einer vergangenen Zeit. Dabei wird auch die mediale Sau durchs Dorf getrieben – doch die „Rückkehrer“, die „Amnestiere“, die armen Tiere mit Schweinsnasen, werden diese schnell los, und zu automatisch Generalamnestierten auf dem festen Boden der vergangenen Taten im vertrauten Volkskörper.
„WEGENER vergangen vergessen vorüber" von Thomas Perle im Griessner Stadl in Stadl an der Mur

Ferdinand Nagele (Fotocredit Philipp Ririsch)

„Mein Recht zum Schweigen nutze ich“: Eine ganz normale Familie vom Land

Doch im Mittelpunkt steht die Matriarchin und Wirtin aus Leidenschaft Magda Wegener. Ricki Moser zeigt sich in dieser Rolle kompromisslos und zynisch, stets auf den eigenen Vorteil bedacht, aber angepasst genug, um nicht zu offen über ihre Sehnsucht nach der guten alten, geordneten Zeit zu sprechen, in der sie allein durch ihre Herkunft etwas Besonderes war. Es ist ein Treiben zwischen Vergessen und Hoffen, zwischen dem Verbrennen von belastenden Briefen ihres verstorbenen Mannes als Bewacher des Gettos Litzmannstadt (vor und nach dem Krieg die polnische Stadt Łódź) und dem Sonnwendkleid, das sie sich für den Endsieg hat machen lassen, und das noch immer auf dem Dachboden liegt. Ihre beiden Töchter Gertraud und Gerda, kurz nach dem Krieg geboren, entwickeln sich in unterschiedliche Richtungen. Während sich Gertraud (Mareike Kremsner) im Petticoat verstört über das Gehabe am Land zeigt, und beim Studieren in Wien und dann auch vor Ort rebelliert, meint Gerda (Katharina Nebenführ) nur: „Ich will auch a heile Welt“. So ist bei der Mutter auch klar, wer von beiden das brave Kind ist, und wer von der Stadt verdorben wurde, wobei sie das ständige Nachfragen von Gertraud einfach nur als „wurln“ bezeichnet, mit dem sie hier am Land aufzuhören hat, worauf sie den Ort auch für immer verlässt. Die Wirtshausatmosphäre wird dabei immer wieder mit Schlagern (Live-Musik: Matija Schellander und Andreas Oberweger) bereichert, die etwas verfremdet wirken, mit dem Höhepunkt einer Version von „Lili Marleen“ zwischen Polka und Landler, unterlegt mit einem Techno-Beat, mehr geschrien als gerappt von Ricki Moser als Magda als musikalische Verkörperung der Volkskultur.
„WEGENER vergangen vergessen vorüber" von Thomas Perle im Griessner Stadl in Stadl an der Mur

David Pirkner, Mareike Kremsner, Katharina Nebenführ, Stephan Pointner (Fotocredit: Philipp Rirsch)

Ein neuer Bürgermeister

Zunächst etwas abseits steht der jüngste Sohn Magdas, Gerolf, der aber mit seinen politischen Ambitionen in den Mittelpunkt rückt und so zum Stolz seiner Mutter, zum Bürgermeister wird, der das Werk seines Vorgängers ebenso konsequent fortsetzt, wie er auch von Ferdinand Nagele verkörpert wird: austauschbar, vielleicht sogar noch ein wenig mehr wie sein Vorgänger, aber mit den Gedanken und Idealen seiner Mutter, wobei sie immer wieder verhindern muss, dass er sie im Rausch laut von sich gibt. Die fleißige Gerda, von ihrer Mutter mit dem Satz „Arbeit macht frei-lich glücklich“ beschenkt, übernimmt das Wirtshaus von ihrer Mutter, und damit ihre heile Welt vor Ort. Sie muss aber im Hier und Jetzt lernen, dass Tradition nichts gegen die wirtschaftlichen Gegebenheiten und die steigenden Anforderungen der Touristen vermag, auch wenn sie selbst meint: „Ich bin eine bodenständige Küche“ und „Mur im Hemd“(!), Spaghetti Bolognese und Puntschkrapferl serviert. Sie muss das Wirtshaus aufgeben, wobei sie auch ihren unterschwelligen Rassismus spüren lässt, wenn dieses von einer Ungarin übernommen wird.
„WEGENER vergangen vergessen vorüber" von Thomas Perle im Griessner Stadl in Stadl an der Mur

Herzerlkönig Gerolf (Ferdinand Nagele) mit seiner Mutter Magda (Fotocredit: Philipp Rirsch)

Heim ins Österreich – die schmerzlich grandiose Beschreibung eines latenten Zustandes als Farce

Der Kern des Stückes kumuliert bei der Szene der Faschingsfeier 1987 im Gasthof Wegener, einem Jahr, in dem wir in Österreich gelernt haben, dass es bei der SA Pferde gab. Der Bürgermeister Gerof im feuchtfröhlichen Ambiente und verkleidet mit Hitlerbärtchen erhält den begehrten Titel des Herzerlkönigs von der Volksgemeinschaft– eine Situation, die auf wahren Tatsachen beruht, so wie auch viele in der Gegend recherchierte Details in die Geschichte eingeflossen sind. Das, was in dieser Zeit seinen Anfang nahm, und sich bis heute fortsetzt, steht hier plötzlich im Raum, manifestiert an einer Person, oder wie es Magda mit ihren letzten Worten im Stück prophetisch ausdrückt: „Hab immer gewusst tagein tagaus gehofft der Tag wird kommen der Tag wird sein trag eine Hoffnung in mir dass alle unsere Opfer nicht umsonst gewesen. dass heranwachsende Generationen unsere Ideale verstehen lernen. zun wissen, was ein ganzer Volkskörper zun spüren was ein ganzer Volkskörper sich wünscht. das kannst dir gar nit vorstelln wie es ist sind so nah dran“
„WEGENER vergangen vergessen vorüber" von Thomas Perle im Griessner Stadl in Stadl an der Mur

Fotocredit: Philipp Rirsch

„WEGENER vergangen vergessen vorüber" von Thomas Perle im Griessner Stadl in Stadl an der Mur

Darsteller:innen: Mareike Kremsner, Ricki Moser, Ferdinand Nagele, Katharina Nebenführ, David Pirkner, Stephan Pointner Regie: Martin Kreidt Ausstattung: Andrea Fischer Musik: Matija Schellander, Andreas Oberweger Bühnenbau: David Rauter Assistenz: Fidi Moser Termine: 05.08. (Mi), 06.08. (Do), 07.08. (Fr), 08.08. (Sa), 13.08. (do), 14.08. (fr), 15.08. (sa), 27.08. (Do), 28.08. (Fr), 29.08. (Sa), 03.09. (Do), 04.09. (Fr), 05.09. (Sa) jeweils 19:30 Kartenreservierung: +43 664 39 69 029 oder info@griessner-stadl.at