Uraufführung im KULTUM beim Dramatiker:innen-Festival in Graz
Kritik: Unsmell, Navaridas & Deutinger
Text: Sigrun Karre - 28.05.2026
Mit UNSMELL zeigen Navaridas & Deutinger beim Dramatiker:innen Festival 2026 in Graz eine spröde, präzise Performance über Geruch, Ekel und Kontrolle. Uraufgeführt wurde die Arbeit am 27. Mai im Dachboden des KULTUM – Kulturzentrum bei den Minoriten. Die Arbeit ist dort noch bis 29. Mai zu sehen.
Gerüche können Erinnerungen und Gefühle aus vergangenen Zeiten wachrufen, Lust und Zuneigung ebenso wie Unbehagen oder Ekel – oft, bevor wir sie bewusst einordnen können. Der Körper reagiert schneller als der Verstand. Genau hier setzt UNSMELL von Navaridas & Deutinger an: beim Riechen als Sinneserfahrung, der man sich kaum entziehen kann, und als Metapher gesellschaftlicher Zustände, die bewusst in der Schwebe bleibt.
In Kleingruppen fährt man im KULTUM, dem Kulturzentrum bei den Minoriten, mit dem Lift ganz nach oben. Das Performance-Duo hat sich einen besonderen Raum für UNSMELL, seine olfaktorische Spurensuche ausgesucht: Den Dachboden des KULTUM, der an sich schon eine eigene Geruchsnote mit sich bringt und an diesem heißen Spätnachmittag das Triggerpotential von realen oder bloß imaginierten Gerüchen noch einmal verstärkt. In seiner 50-minütigen Performance nimmt sich das Künstler-Duo gegenseitig oder selbst an die mehr oder weniger lange Leine – behält Kontrolle oder gibt sie ab.
Es liegt was in der Luft
Ihr tänzerisches Können stellen Navaridas & Deutinger bei dieser Produktion bewusst nicht explizit zur Schau, auch wenn jede Bewegung in diesem dynamischen Spiel aus Führen und Folgen exakt choreografiert und oft auch synchronisiert abläuft.
In Sachen Ausstattung hat Georg Klüver-Pfandtner wohldurchdachte Feinarbeit geleistet: Als – bis zum täuschend echt wirkenden Brusthaartoupet – mutiertes Zwillingspaar, dessen Wachdienst-Uniform eine beunruhigende Ambivalenz aus dem Offiziell-Förmlichen (Hemd und Krawatte) und dem Brachial-Pragmatischen (Funktionshose und Arbeitsschuhe) erzeugt. Das Paar wird dabei immer wieder zur Spiegelung des jeweils anderen. Ihre perfekt deplatzierten Nasensonden erinnern mehr an Aliens, als an Krankenhaus, sie wirken wie technische Prothesen des Riechens und verwandeln den Körper in ein verdächtiges Messgerät.
Der Geruch von Österreich
Natürlich ist die Referenz auf die legendäre Kunstaktion „Aus der Mappe der Hundigkeit“ von Valie Export und Peter Weibel nicht zu übersehen, aber man erschnüffelt – nicht weniger ironisch – am Po des Gegenübers auch den Geruch Österreichs, genauer gesagt: Hermann Nitsch.
Unterlegt wird das alles von einer mal düster-kontrolliert anschwellenden, mal ironisch distanzierten Soundkulisse (Manuel Riegler) aus Einspielungen und live erzeugten (Schnüffel-)Geräuschen, Sounds und Text in Englisch und Deutsch. Dabei bleibt das Publikum nicht unbeteiligt. Wer sich im Raum befindet, ist Teil dieser Versuchsanordnung, die bewusst proxemische Grenzüberschreitungen riskiert. Das ist komisch, peinlich und unangenehm zugleich. Ganz offensichtlich ist Geruch immer noch ein Tabu, weil er nicht diskret über sich verfügen lässt: Er ist da, bevor man ihn einordnen, entschuldigen oder überdecken kann. Es geht in mehrfacher Hinsicht um das Ekel- wie um das Suchtpotenzial des Riechens. Und um die einfache, aber unbequeme Erkenntnis, dass das, was da ist, nun einmal da ist. Klospray und Räucherstäbchen helfen da nur bedingt. Schon gar nicht gegen den langen, eher abtörnenden Atem der Vergangenheit und den Geruch ungelüfteter Geheimnisse.
