Ein Plädoyer für Unsicherheit, Verletzlichkeit und Unmittelbarkeit
Kritik: Undine geht, Schauspielhaus Graz
Text: Robert Goessl - 04.10.2026
Rubrik: Theater
Die Erzählung „Undine geht“ von Ingeborg Bachmann entstand 1961 und stammt aus ihrem ersten Erzählband „Das dreißigste Jahr“. Anlässlich ihres hundertsten Geburtstages wird dieser Text in der Konsole des Schauspielhauses Graz als Solo-Abend präsentiert.
Nach dem alten Volksglauben besitzt Undine keine eigene Seele, aber sie kann eine menschliche Seele gewinnen, wenn sie einen sterblichen Mann heiratet. Wird der Ehemann der Undine untreu, muss sie ihn töten und ins Wasser zurückkehren. Bei Ingeborg Bachmann ist sie ein Wesen der Kunst, der Fantasie, der Liebe –-eine Suchende in der Welt der Menschen, eine Frau in der Welt der Männer, die sich ihrer Domestizierung widersetzt.
„Ihr Monster mit den festen und unruhigen Händen“
Die Konsole wurde in einen Ausstellungsraum eines Museums verwandelt, an dessen Rändern das Publikum an drei Seiten Platz nimmt. An der vierten Seite befindet sich ein großflächiges Bild, das wie ein Stillleben eines Aquariums wirkt, und in dem sich Undine (Anke Stedingk) befindet. Tatsächlich befindet sie sich hinter dem Bild, und mittels Kamera wird das Werk als Projektion live geschaffen. Mit harten, unversöhnlichen Worten wendet sich Undine kraftvoll, überlebensgroß vom Bild in das Publikum blickend: „Ihr Menschen! Ihr Ungeheuer, Ihr Ungeheuer mit Namen Hans!“ Wobei mit „Hans“ als Name aller Männer, nicht nur Männer gemeint zu sein scheinen, sondern die rationale und materialistische Welt als Ganzes, die die Unterdrückung von Frauen zwischen Dienstmagd und Gönnertum ermöglicht.

Anke Stedingk steigt aus dem BIld auf die Bühne(Fotocredit Lex Karelly)
Ein Spiel mit Macht und Kontrolle – immer am Rande der Unsicherheit
Anke Stedingk haucht dem Text vom ersten Moment Leben ein und zieht das Publikum in ihren Bann, vor allem als sie nach dem Anfangsmonolog aus dem Bild heraustritt und sich dem Publikum erstmals zeigt. Für einen kurzen Moment ist ein scheuer Blick zu erkennen, den sie vorsichtig durch die Zuschauerreihen gleiten lässt. Doch dann legt sie so richtig los. Dabei wendet sie sich nicht nur an das Publikum als Ganzes, immer wieder nimmt sie einzelne heraus, die sie direkt anspricht, streng aber mit versöhnlichem Unterton. Sie präsentiert dabei ihre Abrechnung kraftvoll und intensiv und so erfüllt eine poetisch entrückte Stimmung den Raum, in der sie das Gefühl ihres Ausgeliefertseins streng geordnet auf das Publikum zurückwirft.

Anke Stedingk (Fotocredit Lex Karelly)
Die Suche nach Nähe und Echtheit
Es entstehen auch Momente des Miteinanders, in denen sie gemeinsam mit der Souffleuse ein Glas Wasser trinkt, oder Momente der Sehnsucht und der Trauer, die sie mit dem Publikum teilt. Dabei wendet sie sich an einzelne Menschen aus dem Publikum konkret, um eine Endlosschleife aus unterschiedlichen Stimmen zu erzeugen in einem kurzen Dialog: „Guten Abend.“ „Wie weit ist es zu dir?“ „Weit ist es, weit.“ „Und weit ist es zu mir.“ Es entsteht das Gefühl des Wunsches nach der Unendlichkeit in einer endlichen Welt und nach Nähe in einer Welt, in der Undine, bereit zur absoluten Hingabe, am menschlichen Misstrauen scheitert.

Anke Stedingk (Fotocredit Lex Karelly)
Ein lebendiges Museum der Sprache und der Bilder
Es werden immer wieder wunderbare Bilder geschaffen, bevor Undine erneut ins Wasser, also ins Bild, zurückkehrt. Dazu gehört ein Abbild von ihr samt Rahmen, der sich unendlich fortsetzt, aber zunehmend verblasst, als würde an Undine ein unendliches Echo hängen, als wäre sie immer mehr als nur ein Wesen, als wäre sie alles. Kurz vor ihrer Rückkehr zögert sie, sie kehrt noch einmal sogar zurück, als eine andere und doch dieselbe, und sie wirkt dabei versöhnlich. Sie glaubt zu verstehen, auch wenn sie nicht verstanden zu werden. Es schwingt auch etwas Bewunderung für die materielle Welt der Zahlen und Fakten mit, bevor sie die Welt und damit die Bühne verlässt und wieder ins Bild und damit in ihre Einsamkeit zurückkehrt, nicht ohne dort am Ende auch noch ein wenig in ihre Welt zu locken.

Anke Stedingk (Fotocredit Lex Karelly)
Eine eindrucksvolle Darstellerin in einem vortrefflich passenden Ambiente
Als Metapher für die Kunst selbst, in Sprache und Bilder umgemünzt, wird der Text in dieser eindringlichen Inszenierung von Lily Kuhlmann ein Plädoyer für Unsicherheit, für Verletzlichkeit und für Unmittelbarkeit, für eine Welt, in der man nicht gebraucht, sondern geliebt wird und nicht geschätzt, sondern begeht wird. Anke Stedingk als Undine beeindruckt mit ihrem Spiel zwischen Stärke und Verletzlichkeit und zwischen Nähe und Distanz. Die Bühne, die den gesamten Raum, gestaltet von Friederike Zinner, umfasst, bietet dafür den idealen Rahmen. Die Kunst darf alles fordern und alles zeigen, und vielleicht kommt sie nicht nur in die Welt, sondern zieht sie auch in sich hinein.

Anke Stedingk (Fotocredit Lex Karelly)
„Undine geht“ nach der Erzählung von Ingeborg Bachmann in der Konsole des Schauspielhauses Graz
Darstellerin: Anke Stedingk
Regie: Lily Kuhlmann
Bühne & Kostüme: Friederike Zinner
Sounddesign: Johannes Tuchelt
Dramaturgie: Elisabeth Tropper
