Sensible Einblicke in die Lebensrealitäten im Iran im Rahmen des steirischen herbsts

Kritik: Undernote: A Fractured Assembly of Testimonies, Azade Shahmiri

Text: Robert Goessl - 18.10.2026

Rubrik: Theater
„Undernote: A Fractured Assembly of Testimonies“ von Azade Shahmiri beim steirischen herbst im Dom im Berg

Azade Shahmiri (Fotocredit steirischer herbst / Sebastian Reiser)

Im vergangenen Sommer reiste die derzeit in Berlin lebende Schriftstellerin, Theater- und Performancekünstlerin Azade Shahmiri in ihre Heimat Iran, in ein Land, in dem nach dem 12-Tage-Krieg mit Israel und den USA im Juni 2025, den auf brutalste Weise niedergeschlagenen Protestbewegungen gegen das autoritäre und misogyne Regime 2025/2026 und dem anhaltenden Krieg mit den USA seit Ende Februar 2026 nicht nur Gebäude, sondern auch Menschen emotional in Trümmern liegen. Auch, weil jederzeit Luftangriffe erfolgen können.

Sie sammelt dabei Material für diese Performance, um die Lage der Menschen im Land widerzuspiegeln und deren Geschichten zu erzählen, damit die Welt die persönliche Lage der Menschen im mittlerweile monatelang anhaltenden militärischen und politischen Konflikt nicht vergisst. Sie fragt sich dabei am Anfang in aller Ehrlichkeit selbst, ob das jetzt eine Art Wiedergutmachung für ihre Abwesenheit während der kritischen Phasen ist.
„Undernote: A Fractured Assembly of Testimonies“ von Azade Shahmiri beim steirischen herbst im Dom im Berg

Azade Shahmiri (Fotocredit steirischer herbst / Sebastian Reiser)

Der Fokus auf das Wesentliche

Im bunkerartigen Dom im Berg ist für die Performance ein schlichtes Setting aufgebaut: Die auch lesende Künstlerin Azade Shahmiri sitzt an einem Ende der Bühne der Musikerin Mahtab Sabetara am anderen Ende gegenüber. Die Bühne selbst ist nur ein leerer Streifen zwischen dem Publikum, dass sich auf zwei Seiten gegenübersitzt mit jeweils einer Leinwand darüber. Es wird gelesen, es gibt Audiobeiträge aus dem Off und Videos, die auf den Leinwänden gezeigt werden, jeweils mit Untertiteln auf Deutsch und Englisch – die Originalsprache ist meist Farsi.

Ein Kaleidoskop von Geschichten und Gefühlen in Audio und Video

Die gelesenen Beiträge sind Tagebucheinträge der Künstlerin, die sie vor, während und nach ihrer Reise in den Iran verfasst hat. Dazu kommen Audioaufnahmen und Videos, entstanden aus den Erfahrungsberichten und persönlichen Erzählungen, die die Teilnehmenden großzügig geteilt haben. Die Beiträge sind kaum miteinander verbunden, sie wirken wir Splitter aus einem Volk, das von Katastrophen heimgesucht wird, in der ständigen Angst lebend, durch israelische oder amerikanische Bomben getötet oder vom eigenen Regime verhaftet und getötet zu werden. Es sind viel kleine Geschichten, die ein wenig von den Gedanken aus den Tagebucheinträgen zusammengehalten werden. Doch ist es mehr ein hilfloses Schweben über einen Zustand der Absurdität. So ist in den Videos auch viel Normalität zu sehen, immer wieder unterbrochen von Schneisen der Zerstörung, aber es werden auch gemalte Bilder, die in der Zeit des Krieges entstanden sind, gezeigt.
„Undernote: A Fractured Assembly of Testimonies“ von Azade Shahmiri beim steirischen herbst im Dom im Berg

Azade Shahmiri (Fotocredit steirischer herbst / Sebastian Reiser)

Die sichtbaren und unsichtbaren Gefahren

Die kleinen Geschichten erzählen von einem geöffneten Buchladen, und einem Buchhändler, der berichtet, welche Bücher sich je nach Lage häufiger verkaufen, und einer Auslage, in der explizit „linke“ Literatur ausgewiesen wird. Man sieht brennende Öldepots in der Ferne, und Menschen, die von ihren weißen Autos den Ruß als Rückstände der Brände herunterwaschen. Es wird von blutigen Handabdrücken auf Hauswänden erzählt, die von Menschen stammen, auf die das Regime während der Proteste schießen ließ. Man hat dabei das Gefühl, einer Erstarrung beizuwohnen, immer eine mehr oder weniger unterdrückte Angst zu spüren in einem Alltag, in dem es sich auf unterschiedliche Arten zu arrangieren gilt, um trotzdem irgendwie nicht nur zu überleben, sondern sich auch einen Rest von Selbstwert und Würde zu bewahren.
„Undernote: A Fractured Assembly of Testimonies“ von Azade Shahmiri beim steirischen herbst im Dom im Berg

Azade Shahmiri (Fotocredit steirischer herbst / Sebastian Reiser)

„Eine bruchstückhafte Versammlung von Zeugnissen“

Die Performance versucht erst gar nicht, ein Gesamtbild des iranischen Volkes zu zeigen. Auch gibt es kaum explizit politische Aussagen, bis auf den von einem Mann geäußerten Wunsch, das Regime nicht durch Hilfe von außen, sondern von innen stürzen zu wollen. Es ist ein Herantasten an einen schwer vorstellbaren Zustand, der zwar versucht wird zu dokumentieren, doch wirkt das Ganze wie ein langer, hilfloser, stummer Schrei, mit einem Funken Hoffnung am Ende: dem Lächeln einer nach 13 Jahren Gefängnis vom Regime freigelassenen als Symbol für die Zähigkeit und Beharrlichkeit des Widerstandes.
„Undernote: A Fractured Assembly of Testimonies“ von Azade Shahmiri beim steirischen herbst im Dom im Berg

Azade Shahmiri (Fotocredit steirischer herbst / Sebastian Reiser)

„Undernote: A Fractured Assembly of Testimonies“ von Azade Shahmiri beim steirischen herbst im Dom im Berg

Text, Performance und Video: Azade Shahmir Sound Design und Komposition: Mahtab Sabetara Lichtkonzept und Design: Azade Shahmiri und Saba Kasmaei