Uraufführung von Thomas Sobotka in St. Stefan ob Stainz

Kritik: Tschechows Garten, Stieglerhaus

Text: Sigrun Karre - 21.08.2026

Rubrik: Theater

Fotocredit: Madeleine Marie

Gelungene Uraufführung nach Tschechow als lustvolles Open Air-Theater im Garten des Stieglerhauses in St. Stefan ob Stainz.

Thomas Sobotka hat dem Stieglerhaus für sein erstes ganzes Programmjahr als künstlerischer Leiter eine Sommertheater-Produktion auf den Leib geschneidert. Und zwar ziemlich wörtlich: „Tschechows Garten“ spielt nicht einfach im Garten des Stieglerhaus, sondern mit ihm. Das idyllische Grün verwandelt sich in eine Art Wellness-Gefängnis mit Pool und Saunaofen. Und wenn schon die Kirchenglocken an diesem besonderen Spielort nicht abzustellen sind, bekommen sie eben eine eigene Szene. Für Thomas Sobotka ist das vertrautes Terrain. Schon beim Theater t’eig, das er bis 2018 leitete, war er Spezialist für ungewöhnliche Spielorte und provokante Klassiker-Interpretationen. In St. Stefan ob Stainz kommt ihm das zugute: Der Garten ist nicht bloß sommerliche Kulisse, sondern mischt sich immer wieder ins Geschehen ein. Das passt bestens zu diesem vergnüglichen Abend, unter dessen leichter Oberfläche es hin und wieder doch ein wenig ungemütlich wird. Sobotka und sein Team nehmen sich dafür gleich alle vier großen Tschechow-Klassiker vor: „Die Möwe“, „Onkel Wanja“, „Drei Schwestern“ und „Der Kirschgarten“ landen gemeinsam im Mixer. Figuren, Beziehungen und Konflikte werden neu zusammengesetzt, auch die Geschlechtergrenzen werden etwas durchlässiger. Einen zusätzlichen augnezwinkernden Dreh bekommt das Spiel mit Figur und Wirklichkeit dadurch, dass die echten Namen der Darsteller:innen „russifiziert“ werden. So bleibt die Trennung zwischen Schauspieler:in und Rolle bewusst in der Schwebe. Heraus kommt eine Art zeitgenössisches Volkstheater, das Tschechow nicht ehrfürchtig behandelt, sondern lustvoll durchschüttelt, ohne an Substanz zu verlieren.

Fotocredit: Madeleine Marie

Tschechow im Bademantel

Dass diese Gesellschaft in einem etwas seltsamen Wellness-Resort gestrandet zu sein scheint, verdankt sich nicht zuletzt Markus Boxler. Seine Ausstattung ist bis ins Detail stimmig; besonders schön ist die Kostümkollektion aus Waffelpiqué und Frottee: Bademantel-Chic trifft russisches Landgut. Darin begegnen sich die Figuren, verlieben sich, begehren, kränken und verlassen einander, betrinken sich und vertreiben unliebsame Mitmenschen schon einmal mit dem nassen Fetzen. Tim Habe gibt einen Bummel-Studenten mit deutlicher Verwandtschaft zu Konstantin aus „Die Möwe“: von der Mutter abgewertet, von der Freundin verlassen und mit reichlich trotzig-ruralem Pathos ausgestattet. Den Wanja-Landarzt spielt Vitus Wieser hemdsärmelig als gesellschaftlich aufgestiegenes „Bauernprinzerl“, das sein drohendes Burn-out wie ein Statussymbol vor sich herträgt. Sissi Noé wiederum macht aus Arkadina aus „Die Möwe“ und Jelena aus „Onkel Wanja“ ein herrlich ambivalentes Zwischenwesen, bei dem oft ein Blick, eine mimische Regung eine ganze Szene prägt. Als eine Art weibliches Alter Ego Wanjas bewegt sich Mona Kospach mit großer Spielfreude und bitterer Komik durch diese neu zusammengewürfelte Tschechow-Welt und lässt dabei ganz nebenbei ein paar kleine Spitzen gegen alte Rollenbilder fallen. Magdalena Hanetseder ist als zeitgenössische „Möwen“-Nina unschwer zu erkennen, noch mit jener Unschuld und Zuversicht ausgestattet, die den anderen längst abhandengekommen ist. Ihr Angebeteter ist hier kein Schriftsteller, sondern ein durchgehend gechillter Grilli Pollheimer, der für den energetisch-rockigen musikalischen Part des Abends sorgt. Und dann ist da Christian Ruck als emotional instabiler Professor, dessen widersprüchliche Züge aus unterschiedlichen Tschechow-Figuren gespeist werden und dessen Verhältnis zum „Tschechow“-Garten von einer höchst energiegeladenen Hassliebe geprägt ist. Kaum jemand arbeitet sich derart hingebungsvoll an diesem vermeintlichen Idyll ab: Das domestizierte Grün wird für ihn wahlweise zum Paradies, zur Zumutung und zum persönlichen Feind. Gerade hier funktioniert die Verzahnung von realem Ort und Fiktion besonders schön. Überhaupt lebt der Abend stark von seinem Ensemble. Die Schauspieler springen lustvoll zwischen großen Gefühlen und deren sofortiger ironischer Demontage, zwischen Figur und Privatperson, zwischen On und Off.

Fotocredit: Madeleine Marie

„Wir müssen leben“

Weil mehrere Tschechow-Figuren ineinandergeschoben werden, ballen sich auch deren Probleme und Konflikte und erzeugen ein geradezu absurdes Tempo des de facto Stillstands: Alle wollen etwas, das sie nicht bekommen, lieben die Falschen, fühlen sich übersehen oder träumen von einem anderen Leben. Viel Aufregung also, nur weiter geht trotzdem nichts. Besonders schön bringt das der wiederkehrende Cha-Cha-Cha auf den Punkt, der mit jedem neuen Anlauf ein wenig mehr ins Holpern gerät: Es wird getanzt und gestrampelt, doch im Grunde bleibt alles am selben Fleck. Ein ziemlich treffendes Bild für Tschechows Personal, das ständig von Veränderung redet und doch im eigenen Leben feststeckt. „Wir müssen leben“, heißt es irgendwann. So oder so. Damit ist man trotz Pool, Frottee und Pointen ziemlich nah am Kern von Tschechow. Hinter dem sommerlichen Vergnügen lauert die Ahnung, dass diese Menschen sich selbst und ihrem Leben nicht so leicht entkommen werden. Sobotkas Inszenierung lässt diesen Tiefengrund allerdings nur gelegentlich aufblitzen. „Tschechows Garten“ will kein schwerer, melancholischer Tschechow sein, sondern zugängliches Sommertheater. Die Abgründe öffnen sich eher nebenbei, zwischen Komik und ausgelassenem Spiel. Im Laufe des Abends nimmt die Inszenierung schließlich den gesamten Ort in Besitz. Der Spielraum weitet sich von der Open-Air-Bühne über die Zuschauertribüne bis hinein ins Haus. Eine gelungene Sommertheater-Produktion, die sich ihren besonderen Ort zu eigen macht und zugleich ganz im Heute spielt.

Fotocredit: Madeleine Marie