Von den Gipfeln der albanischen Alpen weht über die Skihütten der Neokolonialismus ins Tal
Kritik: The Balkan Peak Resort, Planetenparty Prinzip
Text: Robert Goessl - 07.10.2026
Rubrik: Theater
So hoch und weitläufig die Berge auch sein mögen, im ARTist´s entsteht ein Kammerspiel, vielmehr eine dekonstruierte Skihütten-Gaudi aus Sicht des österreichischen Personals, kommentiert von einer Einheimischen – mal distanziert, mal belächelnd, mal bestimmt. Den Ausgangspunkt dafür bildet ein fiktives Skiresort in den albanischen Alpen, errichtet von einem österreichischen namenlosen Investor.
Das Publikum wird gleich einmal auf Albanisch von der Einheimischen Daniela Gjopalaj begrüßt, und darf damit beginnen, sich fremdzuschämen, auch wenn Daniela betont, ab jetzt hauptsächlich Englisch zu sprechen und kein Urteil zu fällen. Sie sitzt auf der Seite der von Leonie Bramberger gestalteten Bühne, die von Holzwänden gesäumt ist, aus denen die Hauptperson Alex (Alexandra Schmidt) im Skianzug hervortritt. Als arbeitslose Schauspielerin ist sie als Skilehrerin und Animateurin in einem albanischen Skiresort gestrandet und gönnt sich einen Kaffee, während sie zwischen den Schichten ihren Tag Revue passieren lässt, sich dabei in Skihütten-Abendgarderobe werfend für ihren abendlichen Bareinsatz. Man hat dabei zunächst das Gefühl, dass Alex mit einer Mischung aus Abenteuerlust und Neugier sich diese Arbeit gesucht hat.
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Alexandra Schmidt (Fotocredit Clemens Nestroy)
Eine Heimatidylle in der Fremde zum Discountpreis
So richtig Freude an ihrem Job scheint sie nicht zu haben, aber irgendwie glaubt sie auch, dass sie hier vor Ort etwas Gutes tut, auch wenn ihr Job, den sie auch ein wenig als Abenteuer empfindet, grundsätzlich nur ernüchternd ist. Daniela beobachtet sie, stellt so manche Frage, hält sich aber aus Alex’ Gedanken zunächst heraus. Das Ganze wird immer wieder unterbrochen von Skihütten-Schlagern, die etwas verfremdet, aber mit dem bekannten Rhythmus von Nora Winkler komponiert wurden. Durch diese in der Fremde musikalisch präsentierte Heimatidylle muss man als Zuschauer:in durch! Dabei laufen auch Ankündigungen zum Discount-Saufen und andere für andere Hüttengaudi-Events über die Bühne überspannende Laufschrift. Es entwickelt sich eine Schleife mit immer wiederkehrender Alex, allerdings immer mit etwas schlechterer Laune. Bei der Erzählung ihrer Erlebnisse fließen immer mehr Gedanken über die Hintergründe vor Ort ein und sie beschwert sich auch immer mehr über das teils sexistische Verhalten der Gäste. Man hat beim Zuschauen das Gefühl, dass sie langsam ihre Illusionen verliert und in der Realität vor Ort ankommt, was Daniela wohlwollend zur Kenntnis nimmt, als hätte sie schon auf diese Reaktion gewartet.
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Daniela Gjopalaj (Fotocredit Clemens Nestroy)
Was ist „Entwicklung“?
So mischt sich Daniela immer mehr während Alex’ Erzählungen ein und schreibt währenddessen auch Gedanken, ihre Wünsche und so manche Fakten auf die Laufschrift – es ist zögerlich, fragmentarisch und nachdenklich – und so mancher Schriftzug stockt oder läuft sogar rückwärts. So bildet sich eine Reflexionsfläche, die Alex’ Naivität endgültig entlarvt: Man befindet sich in einer Kulisse, aufgebaut von Österreicher:innen für Österreicher:innen. Alex steht hier in der Hierarchie zwar ziemlich weit unten, aber immerhin über den einheimischen Arbeiter:innen. Dennoch arbeitet sie hier als untere Mittelschicht, damit die anderen aus der unteren Mittelschicht hier billig Skiurlaub machen können, und das Gros der Arbeiter:innen vor Ort macht die einfachen Jobs ohne Aufstiegschance. Die Führung, vom Chefkoch bis zum Leiter der Putzkolonne, stammt aus Österreich. Es ist alles nur eine Frage der Kosten und außerdem ist die Gesetzeslage vor Ort nicht so streng oder – nennen wir es einfach einmal – „flexibel“.

Daniela Gjopalaj (Fotocredit Clemens Nestroy)
Eine Landnahme mit Knochen auf Kosten der Natur
Daniela erzählt, dass in Albanien auch 35 Jahre nach Ende des kommunistischen Regimes die Besitzverhältnisse, was Land betrifft, ziemlich ungeklärt sind, weil Dokumente größtenteils fehlen. So ist der Korruption Tür und Tor geöffnet, was den Investor dazu veranlasst hat, die Gebeine seiner Vorfahren auf dem gewünschten Land umzubetten, um so zu beweisen, dass das Land ihm gehört. Diese Frage führt derzeit auch in Albanien zu heftigen, aber friedlichen Protesten, die sich als Flamingo-Revolution entzündeten, als Ivanka Trump mit ihrem Gatten Jared Kushner eine Insel in einem Naturschutzgebiet entdeckte, deren Namen sie nicht einmal kannte, um dort ein Luxus-Urlaubsresort zu errichten – was die albanische Regierung als strategische Investition ansah und somit einen Baubeginn ermöglicht hat.

Daniela Gjopalaj (Fotocredit Clemens Nestroy)
Es wird ein Märchen erzählt samt arroganter Opferbereitschaft
Die Regie von Miriam Schmid macht aus der Geschichte einen zerbrechlichen und nachdenklichen Abend mit einer kräftigen Portion Zynismus. Auch die unterschiedliche Spielweise der beiden Darstellerinnen Daniela Gjopalaj und Alexandra Schmidt, die die Machtpositionen, die man von der Herkunft her erwarten würde, umkehrt, trägt dazu bei, die Mechanismen des kapitalistischen Profitstrebens zu entlarven. Es kommt der gute König ins Land, nimmt sich dieses und macht alle glücklich? Der ewige Traum vom guten Investor, der will, dass es allen vor Ort besser geht, aber nur nach billigen Arbeitskräften sucht. Es zählt der Preis, und am Ende zahlt die Natur. Wenn es dann woanders billiger wird, zieht die Karawane weiter und lässt Ruinen zurück. Das ist die Geschichte, die hier nicht ganz zu Ende erzählt wird, aber Alex’ Erfahrung, nur ein kleines Rädchen im System zu sein, führt zu einer Läuterung der anderen Art: Es ist, als ob die westliche Arroganz am Ende noch einmal seltsame Blüten trägt: Der immanente Zwang zur Selbstdarstellung mündet in die ultimative Opferbereitschaft mit christlichem Einschlag – und sogar in dieser kommt die Arroganz zum Vorschein. Doch es braucht kein Opfer für eine „Entwicklung“, die keine ist. Es braucht einfach keine „Entwicklung“, die nur auf Ausbeutung und Zerstörung fußt.

Alexandra Schmidt (Fotocredit Clemens Nestroy)
„The Balkan Peak Resort“ vom Planetenparty Prinzip im ARTist´s
Eine Kooperation im Rahmen des steirischen herbst ’26 und dem Theater am Werk.
Regie: Miriam Schmid
Regieassistenz: Alexander Wychodil
Bühne und Kostüme: Leonie Bramberger
Performance: Alexandra Schmidt, Daniela Gjopalaj (AL)
Recherche: Diana Malaj (AL)
Musik und Komposition: Nora Winkler
Outside Eye: Monika Klengel
Technik: Thomas Grassegger
Produktionsleitung: Iris Kasper
Termine:
02.10. (Fr), 04.10. (So), 06.10. (Di), 07.10. (Mi), 08.10. (Do), 10.10. (Sa) jeweils 20:00
