Schreibkunst statt Mordlust in der österreichischen Provinz

Kritik: Sebastian Benedict – Das Haus am See (Klingenberg Verlag)

Text: Lydia Bißmann - 27.07.2026

Rubrik: Literatur

Klingenberg Verlag

Das Haus am See, der aktuelle Kriminalroman von Sebastian Benedict, erschienen im März 2026 im Klingenberg Verlag, trägt die Tradition des Autors, der mit bürgerlichem Namen Rudolph J. Wojta heißt, weiter. Bei ihm geht es weniger um das Lösen eines sogenannten Falles – er gibt lediglich die Richtung vor.

Der Rest ist ein sehr amüsantes bis mitunter wehmütiges Studieren und Beobachten von Menschen in ihrer natürlichen Umgebung, eingewoben in jede Menge Literaturreferenzen. Nicht der Mordfall, sondern das Schreiben und alles, was dazugehört, bestimmen diesen Roman. Nach „Operation Fledermaus“, dessen Handlung Anfang der 1930er-Jahre in Österreich und dort auch im queeren Milieu spielt, wurde das Geschehen nun aus dem glitzernden urbanen Kosmos der Zwischenkriegszeit in die Provinz verlegt. Der See und das dazugehörige Haus liegen irgendwo, vermutlich in Niederösterreich, unweit einer kleinen Kreisstadt. Es sind die 1980er-Jahre, als amtliche Kosten noch mit Stempelmarken beglichen wurden und der erste Supermarkt im Dorf dem Papierfachgeschäft Konkurrenz zu machen begann.

Ein Underdog mit Größe

Oberst Johann Joham muss in einem Mordfall ermitteln, der einige pikante Details aufweist. Die aufgefundene Leiche ist nicht nur splitternackt, sondern wurde auch mit einer Erektion entdeckt. Die Suche nach dem oder den Schuldigen beginnt und gestaltet sich um einiges schwieriger als gedacht. Kurz vor seiner Pensionierung wird der Oberst, der sich aufgrund seiner Größe im Leben oft bücken muss und von dem im Ort gemunkelt wird, dass er seine Stimme der SPÖ geben würde, den Revoluzzer auspacken und auf stur schalten. Er glaubt der schlampig und lieblos zusammengemurksten Erklärung für den Mord im Lost Place des Ortes, dem Häuschen, nicht und macht sich weiter akribisch daran, die Wahrheit herauszufinden. Dazwischen gibt es aufschlussreiche Einblicke in das Leben der Landbevölkerung in einer Zeit, in der Fotos noch in der Dunkelkammer entwickelt wurden, jedes Dorf einen Buchladen hatte und Trinken im Dienst weit weniger unanständig war als Sex zwischen Männern. Pragmatisch aber liebevoll präsentiert der Autor die unterschiedlichen Charaktere der Dorfbewohner:innen, deren Eigenschaften und Anlagen vor allem durch ihre Handlungen zum Vorschein kommen. Das schafft Authentizität und schenkt den Figuren Plastizität. Jojo, wie Oberst Joham auch genannt wird, hat mit Gertrude Kessler eine Sekretärin und Geliebte, die durch pointierte Aktionen beweist, dass sie nicht nur ausgezeichnet kochen kann. Bürgermeister und Gefängnisdirektor Hermann Johann Habicher ist ein Vorzeigeexemplar an Trickserei und Opportunismus; lakonisch wird sein recht typisch österreichischer Werde- und Untergang beschrieben. Es gibt Ausflüge in die Literatur quer durch alle Jahrhunderte und zum Glück ein Glossar am Ende des Romans, in dem alle Figuren, Autor:innen oder handelnden Personen – von Annabelle (Friseurin und Prostituierte) über Jean Paul bis Zöchling (Häftling und Mordverdächtiger) – auf den über 270 Seiten noch einmal kurz erklärt werden. Trotzdem bleibt der Lesefluss angenehm und leichtfüßig. Rudolph J. Wojta, wie Sebastian Benedict mit Klarnamen heißt, ist ein Literatur-Nerd, aber kein Erklärbär. Alles, was er erzählt, kommt mit der achtsamen Leidenschaft eines großen Fans daher. Das gilt nicht nur für die Literatur an sich, sondern auch für die vergangene Epoche vor dem Internet und ihre ikonografischen Merkmale.

Sebastian Benedict aka Rudolph J. Wojta. (Fotocredit: Klingenberg Verlag)

Literaturaffiner Lesespaß mit Anspruch

Spannung – schließlich möchte man wissen, was bei diesem Stelldichein eines Gefängniswärters und eines Häftlings in einem verlassenen Haus mitten im Wald tatsächlich passiert ist – mischt sich hier wohltuend mit einem gut gezeichneten Retro-Ambiente. Auch der ermittelnde Oberst wendet sich zwischendurch dem Schreiben zu, stattet sich dafür mit einem goetheschen Stehpult und echter Füllfedertinte aus, um seine Gedanken Sherlock-Holmes-mäßig zu ordnen und den Fall deduktiv zu lösen. Da der Roman in Österreich spielt, bleibt er naturgemäß mit seinen Ergebnissen fast alleine – aber genau das macht den Reiz der Lektüre aus. Das Haus am See ist ein Buch für Menschen, die Krimis mögen, den Fokus aber lieber auf menschliche Eigenheiten als auf ausufernde Gewaltorgien legen. Man kann den Roman herrlich zur Entspannung, aber auch zur Inspiration lesen und wird ihn keinesfalls zu früh aus der Hand legen wollen. Denn er hat alles, was ein guter Pageturner braucht, und liest sich trotz der vielen klugen Gedanken leicht und luftig wie eine Schmetterlingswiese. Sebastian Benedict: Das Haus am See Oberst Johams erster Fall 292 Seiten, ISBN 978-3-903284-65-4 Erschienen: 16. Februar 2026