Konzertante Aufführung des Puccini-Konkurrenten

Kritik: Ruggero Leoncavallo - La Bohéme, Oper Graz

Text: Martin Exner - 23.10.2026

Rubrik: Musik

Daniela Musca und Ivan Oreščanin. (Fotocredit: Philip Brunnader)

Die Grazer Oper führt auch diese Saison ihre lobenswerte Tradition fort, unbekannte oder – oft ungerechtfertigterweise – selten gespielte Opern zumindest als konzertante Aufführung dem interessierten Publikum anzubieten.

In diesem Fall handelt es sich keineswegs um eine unbekannte Oper: La Bohéme, in der Fassung von Giacomo Puccini ein Welthit (und diese Saison auch noch szenisch auf der Bühne das Grazer Opernhauses). Hier wurde allerdings die Oper des Puccini-Konkurrenten Ruggero Leoncavallo gegeben – und das in einer herausragenden Aufführung.

Lisa Wittig und Grazer Philharmoniker. (Fotocredit: Philip Brunnader)

Ein Stoff – zwei Opern

Die Entstehung beider Opern ging Hand in Hand mit einem öffentlich ausgetragenen Streit zwischen Puccini und Leoncavallo (und den dahinter stehenden Verlegern), der aber zumindest zur Entstehungszeit keine Verlierer hervorbrachte – beide Bohémes kamen beim Publikum gut an, erst im Lauf der Zeit setzte sich Puccinis Fassung immer mehr durch (genaueres nachzulesen im hervorragenden und online abrufbaren Programmheft, hauptverantwortet von der Produktionsdramaturgin Katharina John). Auch wenn beide Komponisten auf Henri Murgers Scénes de la vie de bohéme als Vorlage zurückgegriffen haben, entstanden doch zwei völlig unterschiedliche Opern. Zwar sind die Protagonisten hier wie da die vier unterschiedlichen Künstler Rodolphe, Marcel, Schaunard und Colline und die beiden jungen Frauen Mimì und Musette, doch während sich Puccini auf das Paar Mimi/Rodolfo und auf das Kommen und Gehen großer Gefühle in Zeiten von Kälte und Armut konzentriert, bleibt Leoncavallo näher an der literarischen Vorlage, stellt das Paar Musette/Marcello in den Mittelpunkt und stellt das Überleben im mittellosen Künstlerambiente in den Mittelpunkt. Auch Leoncavallos Oper hat vier Akte, wobei sich die ersten beiden, die in der Öffentlichkeit spielen (im Café Momus und im Hof bei Musette) und mit viel Personal, Chor und bewegter Musik charakterisiert sind, stark von den letzten beiden Akten unterscheiden, die sehr zurückgenommen im Privaten stattfinden und Gelegenheit für Emotionen, Leidenschaft, Verzweiflung geben. Leoncavallo lässt sein Stück im Rahmen eines Jahres stattfinden, Anfangspunkt ist Weihnachten, das Ende das Weihnachtsfest im darauffolgenden Jahr. Seine Musik ist durchkomponiert und lässt (bewusst?) kaum Möglichkeit für Zwischenapplaus, sie ist bewegt, mit tänzerischen und volksliedartigen Elementen zu Beginn und steigert sich zusehends ins Dramatische, emotional Wuchtige. Die Szenen mit Musette und Marcello und Musette und Mimì im dritten Akt sind nicht nur in dieser Oper ein musikalischer Höhepunkt, hier liegt Leoncavallos Musik auf Augenhöhe mit den ganz Großen seiner Zunft. Am Ende nähern sich beide Opern an: Mimì stirbt im Beisein ihrer Freunde in Rodolfos Mansarde.

Ivan Oreščanin, Gaston Rivero, Anna Brull, Lisa Wittig, Petr Sokolov. (Fotocredit: Philip Brunnader)

Herausragende musikalische Umsetzung

Für die musikalische Realisierung des Meisterwerkes hat man mit der Italienerin Daniela Musca eine Dirigentin von Weltrang ans Haus geholt, und damit auf allen Linien gewonnen: Mit zupackendem, aber immer deutlichem Dirigat feuert sie die Grazer Philharmoniker an, arbeitet wunderbar die enorme Spannbreite des Werkes zwischen verhaltener Romantik und emotionalen Ausbrüchen, zwischen beschwingter Leichtigkeit und intimer Tiefe heraus und hat auch den präzise und klangschön singenden Grazer Opernchor und Extrachor fest im Griff. Dass da eine profunde Kennerin des Verismo am Werk ist, hört man vom ersten Ton an. Ihr zur Seite (in diesem Fall in ihrem Rücken) steht ein Sängerensemble von großer Klasse: Allen voran Anna Brull, die die musikalische Vielfalt ihrer Rolle der Musette voll auskosten kann und ihren wunderbaren, von den Höhen bis in die schön ausgeformten Tiefen gleichmäßigen Mezzo von sanfter Zartheit bis kraftvollen Zugriff führt. Ihr zur Seite steht als Marcello der international gefragte Spinto-Tenor Gaston Rivero, in dieser Rolle ideal besetzt, der vor Italianità nur so strotzt, seine Stimme für intime Momente zurücknehmen, aber vor allem in den emotionalen Ausbrüchen bis in die strahlenden Spitzentöne richtig aufdrehen kann. Für das Paar Mimì/ Rodolfo hat die Grazer Oper die deutsche Sopranistin Lisa Wittig (mit ebenmäßigen, manchmal ins Dramatische reichenden lyrischen Sopran) und Petr Sokolov parat, der sich durch einen noblen, aber auch zu Ausbrüchen fähigen Bariton mit schöner Legatokultur auszeichnet. Ivan Oreščanin gibt den Schaunard stimmlich markant – nicht nur bei ihm bemerkt man, wie sehr diese Musik für die Szene geschaffen ist. Die kleineren Rollen sind sehr gut besetzt, wobei Neira Muhić als Eufemia besonders hervorsticht. Das Grazer Opernpublikum durfte an diesem Abend also eine außergewöhnliche Aufführung erleben, einzig schade war, dass die Publikumsreihen nur schütter besetzt waren – die Hoffnung besteht, dass sich der große Erfolg noch schnell herumspricht und die zweite Aufführung am 4. November jenen Zuspruch erfährt, den sie verdient.

Petr Sokolov, Lisa Wittig, Gaston Rivero, Anna Brull und Grazer Philharmoniker. (Fotocredit: Philip Brunnader)

Petr Sokolov, Lisa Wittig, Gaston Rivero, Anna Brull, Daniela Musca, Ivan Oreščanin, Neira Muhić, Wilfried Zelinka, Daeho Kim, Ted Black, Grazer Philharmoniker. (Fotocredit: Philip Brunnader)