Heller musikalischer Silberglanz

Kritik: Richard Strauss: Der Rosenkavalier, Oper Graz

Text: Martin Exner - 10.05.2026

Rubrik: Musik
Wilfried Zelinka, Tetiana Miyus, Neira Muhić Arthur Haas, Anna Brull, Chor und Statisterie der Oper Graz

Arthur Haas, Wilfried Zelinka, PolinWilfried Zelinka, Tetiana Miyus, Neira Muhić Arthur Haas, Anna Brull, Chor und Statisterie der Oper Graz. (Herwig Prammer)Fotocredit:

„Der Rosenkavalier“, Hugo von Hofmannsthals charmante und bisweilen melancholische Komödie mit der genialen Musik von Richard Strauss, schaut wieder einmal auf der Bühne der Grazer Oper vorbei – die Aufführung vermag zu begeistern.

Nach dem Trubel des ersten Aktes mit großem Personalaufmarsch und bewegter Bühne kehrt plötzlich Ruhe ein: Die Bühne steht still, fast wie die Zeit, das Licht ist gedämpft, die Marschallin sinniert über Zeit und Vergänglichkeit, nicht resignierend, aber mit einer Portion Melancholie – wie Polina Pastirchak in Gemeinschaft mit Dirigent Vassilis Christopoulos diese Szene und das Finale des ersten Aktes gestaltet, die Musik blühen lässt und das Publikum in den Bann zieht, ist außerordentlich und ein erster großer Höhepunkt dieser Aufführung. Alleine diese knappe Viertelstunde lohnt den Besuch.

Frische, junge Stimmen und handfeste Charaktere

Doch es folgt noch mehr, viel mehr. Der Rosenkavalier ist eine Oper, die gerne mit großen, gereiften Stimmen besetzt wird. Die Grazer Oper geht hier einen anderen Weg, und das geht auf: Die Hauptpartien sind mit jungen, frischen Stimmen besetzt, die perfekt zueinander passen und aufeinander eingehen können, was in einem fantastischen Terzett im dritten Akt und einem wunderbaren Schlussduett gipfelt. Neben der außerordentlichen Marschallin von Polina Pastirchak, die eine warme, manchmal zarte, aber in allen Lagen wunderschöne Sopranstimme mitbringt, glänzen auch Tetiana Miyus als Sophie mit wandelbarem, auch zur Attacke fähigem Sopran und Anna Brull als Oktavian mit hellem, gut geführtem Mezzosopran. Und auch ihr Gegenpart, Baron Ochs auf Lerchenau, ist mit Wilfried Zelinka entgegen vieler Klischees besetzt: ein schlanker, agiler, fast jugendlich wirkender Mann mit überbordendem Selbstvertrauen, dem er einen kernigen, hellen Bass mitgibt, dem aber auch das Profunde nicht fehlt. Was bei allen vieren, wie auch dem gesamten restlichen Ensemble, auffällt: Ganz nach dem Wunsch des Komponisten („Brauch leider wieder sehr gute Schauspieler, mit den gewöhnlichen Opernsängern geht’s schon wieder nicht“) sind sie alle auch großartige Schauspielerinnen und Schauspieler, die nicht nur den Wünschen der Regie folgen, sondern auch Charaktere handfest auf die Bühne stellen. Aus dem üppig aufgestellten Ensemble (inklusive präzisem Chor und Singschul’) stechen nebst vielen anderen zusätzlich Markus Butter als gar nicht so grober, auch stimmlich eleganter Faninal, Corina Koller als proseccoselige und präsente Jungfer Marianne Leitmetzerin, Neira Muhić (stimmstark) und Martin Fournier (quirlig) als Intrigantenpaar Annina und Valzacchi sowie Will Frost vor allem als Polizeikommissar hervor. Iure Ciobanu schmachtet die Arie des Sängers adäquat und richtet dem amerikanischen Schauspieler Timothée Chalamet aus einem randvollen Opernhaus in Graz mit Augenzwinkern aus, dass es doch noch viele gibt, die an Oper interessiert sind – oder wie hier – davon begeistert.

Arthur Haas, Wilfried Zelinka, Polina Pastirchak, Chor der Oper Graz

Arthur Haas, Wilfried Zelinka, Polina Pastirchak, Chor der Oper Graz.(Herwig Prammer)Fotocredit:

Kraftvoll zupackende Walzerseligkeit und mehr

Dass dem Dirigenten Vassilis Christopoulos die Musik Richard Strauss’ liegt, wusste man bereits – gemeinsam mit den groß aufspielenden Grazer Philharmonikern (bei denen auch viele Solistinnen und Solisten – Hörner, Trompeten, Flöten und viele mehr – zu glänzen wissen) bestätigt er das eindrucksvoll: Von extrem zarten Tönen und meisterhafter Begleitung der Gesangsstimmen (Finali erster und dritter Akt) über polternde Einwürfe (Wirtshausszene), große, perfekt austarierte Bögen (Terzett), kraftvoll zupackende Walzerseligkeit bis hin zu rasanten Tempi im Vorspiel zum dritten Akt ist alles dabei, was sich ein Strauss-Liebhaber nur wünschen kann – alles feinst ausgearbeitet, abgestimmt und augenscheinlich wohlüberlegt.

Anna Brull, Tetiana Miyus

Anna Brull, Tetiana Miyus. (Fotocredit: Herwig Prammer)

Innovation und Tradition auf Augenhöhe

Die szenische Umsetzung dieses musikalisch großen Abends lag in den Händen von Philipp M. Krenn, der sich nicht auf altbekannte szenische Routinen verlässt und einiges an neuen Ideen einbringt, ohne allerdings den großen Bogen außer Acht zu lassen. Auf die sich fast permanent drehende Bühne (Momme Hinrichs), die viele variantenreiche Einblicke zulässt, stellt er zwar auch die bekannte Wienerische Maskerad’, ergänzt sie aber mit Einsichten, die durchaus sinnfällig, wenn auch ungewöhnlich sind. Faszinierend ist die Idee, dass die Marschallin in dem sich anbahnenden Geschehen um Sophie und Ochs ihre eigene Jugend erkennt, all das wiedersieht, was ihr selbst widerfahren ist – und dass sie es ist, die die Intrige gegen den Brautwerber einleitet und lenkt. Krenn kostet die Idee aus, ohne sie dem Stück überzustülpen; er lässt auch vielen anderen Aspekten, Stimmungen und kleinen Gesten genügend Platz. Bis auf wenige Szenen (wie die Briefüberreichung durch Annina oder die gespenstischen Erscheinungen in der Wirtshausszene, bei denen trotz Einsatzes von Live-Videos nicht wirklich Handfestes entsteht) gibt es auch hier einen weit gespannten Bogen, der bis zum Schluss hält und eingebettet viele nachhallende Momente bietet. Dass Krenn bei all dem bisweilen turbulenten Geschehen aber immer auch die Menschen mit ihren Gefühlen, Sehnsüchten und Zweifeln in den Mittelpunkt stellt, ist nachvollziehbar, wenn man bedenkt, welch großartige Singschauspieler:innen ihm zur Verfügung stehen.

Die Grazer Oper kann also an die Tradition anschließen, beim „Rosenkavalier“ ein gutes Händchen zu haben und eine gelungene Produktion auf die Bühne zu stellen (das war auch in den 1990ern so wie bei der letzten sehenswerten Marelli-Inszenierung) – das Publikum dankte mit gerechtfertigtem Jubel.

Sarah Kreuz, Anna Brull, Wilfried Zelinka, Chor und Statisterie der Oper Graz

Sarah Kreuz, Anna Brull, Wilfried Zelinka, Chor und Statisterie der Oper Graz. (Fotocredit: Herwig Prammer)

Richard Strauss: Der Rosenkavalier

Komödie für Musik in drei Aufzügen (1911), Text von Hugo von Hofmannsthal. In deutscher Sprache mit deutschen Übertiteln.

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