Gefangen in Struktur und Rhythmus
Kritik: Modern Times, Oper Graz
Text: Karoline Pilich - 21.05.2026
Der dreiteilige Tanzabend Modern Times verwandelt den gleichnamigen Film von Charlie Chaplin in eine mystische Tanzkomödie. Choreografiert von Katarzyna Kozielska, Anne Jung und Giovanni Insaudo thematisiert die Tanzproduktion das Verschmelzen von Mensch und Maschine und das zunehmende gesellschaftliche Tempo, das der technische Fortschritt mit sich bringt. Ein permanenter Wandel, der kaum noch Pausen zulässt.
Charlie Chaplins Film Modern Times handelt von Menschen in der modernen Zeit, die zunehmend von Maschinen kontrolliert werden und irgendwann selbst Teil dieses Systems, beziehungsweise Räderwerks werden. Das Zusammenspiel aus Licht (Martin Schwarz), Musik, Bewegung und Kostüm (Silke Fischer, Elisabeth Perteneder) auf der Bühne der Oper Graz erschafft in allen drei Choreografien eine sowohl bedrohliche als auch maschinelle und hektische Atmosphäre. 404-Not Found, Drift und The Gravity of Iron bewegen sich verspielt in einem breiten Spektrum zwischen Raserei, Ruhe, Leistungsdruck, Widerstandsfähigkeit und körperlicher Zerbrechlichkeit.

Kirsty Clarke, Giulio Panzi und Isabel Edwards im ersten Teil des Tanzabends (Fotocredit: Andreas Etter).
Die Uhr tickt …
Die erste Choreografie 404-Not Found von Katarzyna Kozielska mit Musik von Benjamin Magnin leitet den Abend mit einfachem Bühnenbild, dafür umso stärkeren, tänzerischen Leistung ein. Untypisch für moderne Choreografien ist, dass auch auf Spitze getanzt wird, was jedoch passend und stilvoll eingebaut ist. Auffällig sind zudem die vielen synchronen Hebefiguren des gesamten Ensembles. Der Sound einer - mal schneller, mal langsamer - tickenden Uhr gibt wiederkehrend den Takt vor und steht sinnbildlich für die heutige Geschwindigkeit. Das Ticken verleiht der Vorstellung eine aufgewühlte und nervöse Stimmung, die zwischendurch von ruhiger Musik und gedimmtem Licht entschleunigt wird. Blaues, kühles Licht taucht die leere Bühne, auf der nur ein Spiegel aufzufinden ist, in ein ungemütliches Fabrik-Flair, in dem alle Teile des Zahnrades - die Tänzerinnen und Tänzer, gefangen sind.

Gionata Sargentini in der zweiten Choreografie: Drift (Fotocredit: Andreas Etter).
Bewegung und Fortbewegung
Drift, der zweite Teil, hinterlässt den wohl technischsten Eindruck, der nicht nur durch die antreibende Musik, zwei Klavierkompositionen von Philip Glass, herbeigeführt wird. Ein übergroßes Laufband, auf dem sich die Tänzerinnen und Tänzer bewegen, symbolisiert Fortbewegung und Tempo und zeigt somit das rasende Vorbeiziehen der Welt an den Menschen. Choreografin und Tänzerin Anne Jung, die bereits in der Spielzeit 23/24 den Tanzabend Bach Variations für das Grazer Ballett kreierte, wollte in Drift das maximale Potenzial jedes Körpers herausholen. Dieses “an die Grenzen gehen” zu zeigen, ist ihr allenfalls gelungen. Abgehackte und hektische Bewegungen testen die Kräfte des Ensembles, das versucht, nicht aus dem immer schneller werdenden Takt zu fallen und diese Herausforderung auch meistert.

Das Ensemle des Ballett Graz im letzten Teil, The Gravity of Iron (Fotocredit: Andreas Etter).
Stillstand durch Leistungsdruck
Der letzte Teil (Giovanni Insaudo) von Modern Times ist sozusagen der Showdown des Tanzabends, in dem es vor allem um das Zusammenbrechen unter Leistungsdruck geht. The Gravity of Iron spielt mit mehr Inszenierung als die zwei anderen Choreografien und erschafft durch expressive Zuspitzung eine bedrohliche, fast angsteinflößende Energie. Eine besonders dramatische Rolle hat das Licht, von dem das Ensemble wie magisch angezogen scheint und sich nicht so recht losreißen kann, trotz wiederholter Versuche. Das Licht übernimmt in der Inszenierung die visuelle Version der autoritären Stimme aus Charlie Chaplins Film, der niemand widerspricht. Das hohe Niveau der tänzerischen Leistung vermittelt das Ringen um Freiheit glaubwürdig und mit großen Emotionen an das Publikum.
Trotz der bedrückenden Atmosphäre schafft Modern Times auch ruhige, fröhliche und hoffnungsvolle Momente, die die Zuseherinnen und Zuseher in den Bann ziehen und bis zur letzten Minute nicht loslassen. Insbesondere die Schönheit des Tanzes und der menschliche Zusammenhalt drängen die kalte Maschinenarbeit in den Hintergrund und sorgen für Standing Ovations in der Oper Graz.
