One-Man Show für Alle
Kritik: Mike Supancic – Traumhafte Zeiten
Text: Lydia Bißmann - 04.10.2026
Rubrik: Kleinkunst
Der steirische Wuchtel-Kaiser Mike Supancic beweist mit seinem neuen Programm: Traumhafte Zeiten einmal mehr, Können, Komik und unglaubliche musikalische Kunstfertigkeit.
Mit einem Ausflug in die Tiefenpsychologie, in die Traumwelt, betritt Mike Supancic im Herbst 2026 die Bühne mit einem nagelneuen Programm. In „Traumhafte Zeiten“ schildert der gebürtige Steirer die Reaktionen des Unterbewusstseins auf Alltag sowie große und kleine Politik. Seit 40 Jahren steht Mike Supancic nun schon auf der Bühne. Glaubt man Wikipedia, ist „Traumhafte Zeiten“ sein 20. Programm, und die nächste runde Zahl ist der 60. Geburtstag des Kabarettisten, den er im September 2027 begehen wird. Von Altersmüdigkeit ist bei Mike Supancic allerdings überhaupt nichts zu merken. Die One-Man-Show auf der Bühne, die schlicht nur aus dem Künstler selbst und seiner Gitarre besteht, ist so ergreifend lustig, dass sich das Publikum im Grazer Theatercafé an den Bierflaschen festhalten muss, um nicht vom Stuhl zu fallen.
Die Kunst der Aufzählung
Wie aus dem Ärmel geschüttelt kommen seine Knüller und Pointen daher. Auf den ersten Blick scheint der unglaublich talentierte Stimmenimitator durch sein musikalisches Talent und seine gewagten Reime zu bestechen. Ungeniert textet er den Hippie-Klassiker „What a Day for a Daydream“ von The Lovin’ Spoonful um und fragt sich: „Do woa sicha wos in mein Tee drin …“, wenn er über den aktuellen Gang der Welt sinniert. Die Top Ten des FPÖ-Radiosenders Austria First besteht bei Supancic ausschließlich aus der John Otti Band (die anderen österreichischen Künstler wollen dort lieber nicht so gern gespielt werden), und tatsächlich wünscht man sich eine Top-40-Liste: So umwerfend komisch ist diese Aufzählung. Auch Hans Moser fehlt im neuen Programm nicht, eingebettet in einen absurden Erwachsenenfilm in Schwarz-Weiß mit explizit homoerotischen Vorlieben. Weiters träumt er von einem Waldschrat-Godzilla, der sich in die Würstelstandverkäuferin verschaut und bei seiner Neutralisierung österreichisches Krisenmanagement vorführt.
Bruno und Boomer-Sau
Alles, was leicht aussieht – und das tut es bei Mike Supancic –, der sich selbst den einen oder anderen Lacher auf der Bühne verkneifen muss, was kaum gelingt, ist schwer. Sein Programm hat einen exzellent gestrickten Aufbau (Regie: Nadja Maleh), der die Lachmuskeln des Publikums sanft, aber zielsicher an die Belastungsgrenze gewöhnt. Seine Gesellschaftskritik ist sattelfest und pointiert, aber ebenfalls sanft und nie untergriffig. Die Provinzbürgermeister dürfen sich wehren, der Erklärbär hat bei ihm ohnehin seit 40 Jahren Ausgehverbot, und auch der durchgekaute Geschlechter- oder Generationenkampf ist hier kein Thema. Seine Wuchteln mäandern zwischen „Boomer-Sau“, Kreisky-Hommage und charmantem Steirer-Schmäh, ohne schwierige Färbung und zeitgenössische Beleidigungen wie „weiße Boomer-Sau“.
Supancic wirkt selbst irgendwie wie ein Teenager im Flow, der seine Gitarre liebt und einfach nur Spaß und Ulk verbreiten möchte. So passioniert und engagiert spielt er seine Nummern. Klugheit und Fingerspitzengefühl kommen von hinten mit. Nebendarsteller sind sie aber keine: Sie sorgen für einen vertrauensvollen Resonanzraum, in dem kein Lacher im Hals oder sonst wo stecken bleibt, sondern voller Vertrauen einfach herauspurzeln kann. Man muss nur schauen, dass man sich irgendwo festhalten kann, um nicht vom Stuhl zu fallen. Das ist entspannend und inspirierend zugleich.
