Irrwitzige Schmalz-Operette zum Totlachen

Kritik: Mein Lieblingstier heißt Winter / 4 & 5, Oper Graz

Text: Sigrun Karre - 24.03.2026

Rubrik: Musik
Kritik: Mein Lieblingstier heißt Winter 4 & 5, Oper Graz

Raphaela Möst und Martin Fournier, Fotocredit: Philip Brunnader

Mit der musikalischen Bühnenadaption von 'Mein Lieblingstier heißt Winter', für das Ferdinand Schmalz selbst das Libretto schrieb, hat Regisseur Alexander Charim gemeinsam mit Komponist Lukas Kranzelbinder ein eigenes Kunstgenre erschaffen, irgendwo zwischen Operette Noir, absurdem Musical und sprachgenialer Bühnensatire mit Krimiplot.

Als wagemutiges, lohnendes Großprojekt in Kooperation mit der Kulturhauptstadt Europas 2024 Bad Ischl Salzkammergut vereint die Produktion Sänger:innen, Musiker:innen und Darsteller:innen verschiedenster Genres – ein Experiment, das nicht nur im Operetten- oder Schmalz-Kosmos aufgeht. Die visuelle Setzung – Bühne, Kostüm und Video von Ivan Bazak – trägt diesen hybriden Kosmos mit großer Lust an Überzeichnung und Atmosphäre. 

Das Fortsetzungsformat samt Cliffhanger mag die Befürchtung erzeugen, man müsse alle Teile, die sich über zwei Saisonen verteilten, sehen, um am Ball zu bleiben. Diese Sorge ist aber – letztlich – unbegründet, weil man den Faden dieses wahnwitzigen, durchgeknallten Plots zwangsläufig zwischendurch verlieren wird, bevor man ihn wiederfindet. Oder auch nicht. Unabhängig davon hat das Lieblingstier-„Zeug“ nicht geringes Suchtpotenzial.

Ab Folge zwei gibt es eine kurze „Was bisher geschah“-Einführung auf der Bühne sowie ein ausführliches Handout, die vordergründige Handlung ist aber fast Nebensache. Hauptrollen spielen ein in jeder Silbe rhythmischer, wortverspielt-komischer Text mit philosophischer Tiefenwirkung und satirischer Brutalität – und natürlich die Musik.

Operette mit Wienerlied-DNA

Kranzelbinder entwirft eine zeitgenössische Operette mit Wienerlied-DNA: ein Genre-Mix getragen von Sänger:innen der Oper Graz, Gastschauspieler:innen und prägenden Stimmen des Neuen Wienerlieds wie David Müller und Klemens Lendl (Die Strottern) sowie Wolfgang Vincenz Wizlsperger (Kollegium Kalksburg). Lieder, die Text und Musik lustvoll gegeneinander ausspielen, sind dabei keine Ausnahme, sondern Prinzip. In Folge 4 und 5 oft fast filmmusikalisch (Achtung, Mystery and Crime) verdichtet sie mit scheinbar gelockerter Hand die Szenen atmosphärisch oder haut – Hallelujah! (genau) – hinreißende Gassenhauer des Irrwitzes und morbide Arien raus. Und das ist so unverschämt unterhaltsam, dass man mehr will. Eine zweite Staffel ist wohl eher unwahrscheinlich, aber man darf ja träumen.

Kritik: Mein Lieblingstier heißt Winter 4 & 5, Oper Graz

Felix Heuser, Raphaela Möst, Martin Fournier, Klemens Lendl, Mathias Lodd. (Fotocredit: Philip Brunnader)

Folge 4: Überraschungseier und Rehragout

Folge 4 beginnt einmal mehr mit einem an (klima-)katastrophaler Hitze leidenden Tiefkühlkostvertreter Franz Schlicht (herrlich strauchelnd: Tino Hillebrand), der im Trainingsanzug aus Hochglanz-Plastik am Rande eines XL-Whirlpools transpiriert. Nicht nur Dr. Schauer hat er aus den Augen verloren, sondern auch seinen Tiefkühltransporter. Zum Einstieg gibt’s einen Griff in die Quantenphysik-Kiste: Weil Licht zugleich Welle und Teilchen ist, „trifft es ihn jetzt doppelt hart“. Eine kleine Albernheit – und vielleicht auch ein charmant-subtiles Seitenhieberl auf den Hang mancher, aus komplexen Theorien einfache Weltbilder zu basteln. Der Text ist voll von solchen kleinen „Überraschungseiern“ oder vielleicht auch nur von Raum, um sich solche selbst zu konstruieren.

Ein radelndes Kind (nostalgisch im Matrosenoutfit: Martin Fournier) und sein Hund (tierisch witzig: Mathias Lodd) kreuzen seine Wege, bevor er, einen Schädelbasisbruch später und dehydriert, im Krankenhaus aufwacht. Dort trifft er auf Anästhesistin Dr. Bitter (Josephine Renelt) und Astrid Schauer (Raphaela Möst), seine alte Flamme und Auftraggeberin im Fall Schauer, die ihm ihr „kontraktuelles“ Verhältnis mit Ministerialrat Kerniger (ebenfalls Mathias Lodd) gesteht, bei dem Schuhe aus Zähnen – als Requisite stilecht umgesetzt – eine doloröse Rolle spielen: „Vielleicht kann nur der Schmerz noch erzählen, was real ist und was nicht.“ „Rehragout“ wird an diesem 2 mal 45 Minuten langen Abend noch des Öfteren das Signalwort sein …

Prall dahinsiechender Bühnenabend

Es folgt ein A-cappella-Ständchen, in dem Kotz, Kopf, Tropf und Didiktator (kein Tippfehler) aufs Absurdeste lautmalerisch verschmelzen. Ernst Jandl lässt grüßen. Auch ein bisschen Werner Schwab und überhaupt eine wuchtige Portion österreichischer Morbidität und verstörender Körperlichkeit stecken in diesem prall dahinsiechenden Bühnenabend. Als Schlicht der Einladung von Dr. Bitter Folge leistend zum Dinner eintrifft, dampft es statt aus den Töpfen aus dem Whirlpool. Dr. Bitters Mann (Martin Fournier) erklärt seinen temporären künstlichen Tiefschlaf mit dem spirituellen Endziel: „Es geht darum, dieses Schneckenhaus mit dem Wörtchen Ich zu verlassen.“ Passive Aggression kommt in Gestalt von Pastinakensuppe ins absurde Spiel. Und als Schlicht nicht von seinen Nachforschungen um den Verbleib des Dr. Schauer – tot oder lebendig – ablässt, beschließt die obskure Abendgesellschaft, ihn mit (s)einer „venezianischen Trauerfeier“ am Pferderennplatz zu überraschen, bevor es in die Pause geht.

Kritik: Mein Lieblingstier heißt Winter 4 & 5, Oper Graz

Tino Hillebrand, Raphaela Möst, Wolfgang Vincenz Wizlsperger, Felix Heuser, Martin Fournier, Mathias Lodd, Josephine Renelt, Klemens Lendl. (Fotocredit: Philip Brunnader)

Folge 5: Christbaumkugel-Golf in Mystery-Ästhetik

In Folge 5 begeistert gleich einmal das Bühnenbild: Die Perspektiven werden verschoben, Bäume wachsen zwischen den Stühlen aus dem Parkett, das – neben den Logen – zur erweiterten Bühne wird, während das Publikum auf der Bühne sitzt. So entsteht die Persiflage einer Mystery-Ästhetik. Der Tiefkühlchor, ein partizipativer Amateur:innenchor mit Totenmasken flankiert das Spiel. Eliten, Masken, Verschwörung - spätestens da kommt einschlägiges Filmfeeling auf. Schlicht überlebt nur knapp, während andere mehr oder weniger Todessehnsüchtige mysteriös das Zeitliche segnen. Sabine Teufel (Raphaela Möst) ist die korrupte Inhaberin der Reinigungsfirma „Schimmelteufel“, spezialisiert auf die Reinwaschung von schmutzigem Geld. Sie hat im Finale wieder einen Auftritt und bringt Licht ins Dunkel eines kriminellen Zirkels und geheimen Sterbevereins, in dem Dr. Schauer (Sabine Feldhofer) via TV eine ebenso entrückte wie unheimliche Präsenz entfaltet.

Irrsinn der Wirklichkeit

Der in Folge 4 massakrierte rotfaktorige Kanarie (Raphaela Möstel) wird in Teil 5 würdig begraben. Aus „Dino Reste“ minus "die", wird „no rest“, ein begehbarer Dinosaurier, Golfen mit Nazi-Christbaumkugeln und Mozarts Lacrimosa stehen am Programm. Schlicht avanciert zum Philosophen mit einer Feststellung, der man anno 2026 immer öfter zustimmt: „Die Wirklichkeit ist viel freier noch erfunden, als eine Erzählung es zustande bringen kann.“ Es geht um alles und zugleich um nichts: um Verschwörung(stheorien), Eso-Wahn, Todeskult und den Wunsch nach Unsterblichkeit, um gesellschaftliche Abgründe, das Verschwimmen von Realität und Illusion, bizarre Leidenschaften, Korruption. Kommt uns das bekannt vor? „Der Operettenstaat sind wir!“ Wenn schon dysfunktional und kaputt, dann wenigstens mit tiefschwarzem Humor und großartiger Musik. Eine grandiose Bühnensatire zum Totlachen!

Kritik: Mein Lieblingstier heißt Winter / 4 & 5, Oper Graz

Wolfgang Vincenz Wizlsperger, Josephine Renelt, Klemens Lendl, Raphaela Möst, Mathias Lodd, Felix Heuser, Martin Fournier, Tino Hillebrand, Fotocredit: Philip Brunnader

Lukas Kranzelbinder, Mein Lieblingstier heißt Winter/Folge 4 & 5

Fortsetzungs-Operette in fünf Folgen (2024-2026). Libretto von Ferdinand Schmalz nach dessen gleichnamigem Roman.

Termine Folge 4 auf KUMA.at
Termine Folge 5 auf KUMA.at

Team, Folge 4:

Musikalische Einstudierung: Lukas Kranzelbinder Inszenierung: Alexander Charim Bühne & Kostüme: Ivan Bazak Licht: Daniel Weiss Dramaturgie: Katharina John Franz Schlicht: Tino Hillebrand Ministerialrat Kerninger | Der Hund: Mathias Lodd Astrid Schauer | Der rotfaktorige Kanari: Raphaela Möst Dr. Bitter: Josephine Renelt Fabian | Ein Kind | Herr Bitter: Martin Fournier Urbanek: Felix Heuser Harald: Klemens Lendl Norbert: Wolfgang Vincenz Wizlsperger Klavier | Celesta: Benny Omerzell Resonator-Gitarre | Cigar-Box-Gitarre: Christian Neuschmid Akustische Gitarre | Singende Säge | Gesang: David Müller Violine | Gesang: Klemens Lendl Baritonhorn | Gesang: Wolfgang Vincenz Wizlsperger

Team, Folge 5:

Musikalische Einstudierung: Lukas Kranzelbinder Inszenierung: Alexander Charim Bühne, Kostüme & Video: Ivan Bazak Licht: Daniel Weiss Dramaturgie: Katharina John Chor: Stefan Birnhuber Franz Schlicht: Tino Hillebrand Ministerialrat Kerninger | Der Hirsch: Mathias Lodd Sabine Teufel | Astrid Schauer | Ein Maskierter: Raphaela Möst Dr. Schauer | Dr. Bitter: Josephine Renelt Fabian: Martin Fournier Tulp: Felix Heuser Harald: Klemens Lendl Norbert: Wolfgang Vincenz Wizlsperger Klavier | Keyboard | Effekte: Benny Omerzell E-Gitarre | E-Bass: Christian Neuschmid Akustische Gitarre | Singende Säge | Gesang: David Müller Violine | Gesang: Klemens Lendl Baritonhorn | Gesang: Wolfgang Vincenz Wizlsperger