Heimat- und Herkunftskonflikt im Schauspielhaus Graz

Kritik: Kafana Beisl Culture Clash

Text: Karoline Pilich - 10.05.2026

Rubrik: Theater
Kafana Beisl Culture Clash

Keine außergewöhnliche Szene in der Kafana, in der es noch viel skurriler zugehen kann. (Fotocredit: Lex Karelly)

Sandy Lopičić gilt als Wegbereiter des Balkan-Jazz und der modernen Balkan-Musik in Österreich und hat sich vor allem in Graz eine große Anhängerschaft erspielt. Am Schauspielhaus Graz war er bereits mehrfach als Musiker, Regisseur und Schauspieler zu erleben. Mit seiner eigenen Familiengeschichte als Gastarbeiterkind ist „Kafana Beisl Culture Clash“ auch biografisch nah an Themen wie Heimat, Identität und Zugehörigkeit.

Kafana Beisl Culture Clash erzählt die Geschichte einer Familie aus dem Balkan, die eine Kafana – ein Balkan-Beisl in Graz im Jahr 1975 bewirtschaftet. Als die Kafana wegen des Baus einer Autobahn abgerissen werden soll, müssen Ideen her, um sie zu retten. Die Lösung liegt in der Gründung eines Kulturvereins, zu welchem das Beisl sich im Laufe des Stücks zu verwandeln versucht. Die recht einfach und gut verständlich gehaltene Handlung lässt Raum für den umso stärker demonstrierten Konflikt, den Culture Clash, der entsteht, wenn man sich zwischen zwei Kulturen hin- und hergerissen fühlt. So kämpft vor allem die Mutter der Familie, Jana (resolut-beherzt: Anke Stedingk), mit ihrer Herkunft und den kulturellen Unterschieden zu ihrem Ich, das in Graz lebt und arbeitet.

Anica und Milli

Die Wirtshaustochter Anica (Luiza Monteiro) und ihre Freundin/Partnerin Milli (Luisa Schwab). (Fotocredit: Lex Karelly)

Deutsch ist wie Lego

Auch die Sprachbarrieren und andere kommunikative Komplikationen werden in dieser Musical-Komödie persifliert: So wird man zu Beginn des Stücks mit der Aufschrift „Nach einer waren Geschichte“ begrüßt. Auf die Frage „Wer soll ich bedienen?“ lautet die Antwort nur „Wen!“. Deutsch und die B/K/S-Sprachen stehen vor allem in Bezug auf die Fälle im Vergleich zueinander. „Bei Deutsch hilft nicht einmal das absolute Gehör“ ist sich die Kafana-Crew einig, die an diesem Abend besonders auf die universelle Sprache der Musik setzt. Sprachliche Schwierigkeiten stellen ohnehin ausschließlich auf der Bühne ein Problem dar, für den Zuschauer bleibt durch die Hilfe von Übertiteln alles verständlich.

Konzert bei Kafana Beisl Culture Clash

Das Konzert der „Werkskantinenband Puchwerk Ost“. (Fotocredit: Lex Karelly)

Hotel Makedonia im Klub 27

Die Kafana, die sich nicht ohne Ironie Klub 27 nennt, sieht ziemlich genau so aus, wie man sich ein halbherzig geführtes Wirtshaus 1975 vorstellen würde. Das Bühnenbild wirkt wie ein gewollt bemühtes, trotzdem lieblos eingerichtetes Beisl. Die überfüllten Aschenbecher, ein „kaputer“ Spielautomat und die eher mickrig ausgestattete Bar erzeugen das passende Flair und versetzen das Publikum um Jahrzehnte zurück. Details wie der immer wiederkehrende Stromausfall und das Fake-Zigarettenrauchen bereichern das musikalische Theater mit einem Zwinkern.

Als die Entscheidung fällt und die Familie und Freunde beschließen, Klub 27 in einen Kulturverein zu verwandeln, muss eine Band her, um das Kulturerbe zu bewahren. Organisiert wird sie vom ausgeflippten, ständig rauchenden Džemo (herrlich exaltiert: Tim Breyvogel), finanziert von einer Art gutem Geist (Franz Solar), der auf den Spuren von Schriftststeller Ivo Andrić wandelt - und den die Unterbühne wie direkt in die Szene teleportiert Dargestellt von deeLinde, Raphael Meinhart, Miloš Milojević und Sašenko Prolić, die auch sonst als Musikerinnen und Musiker tätig sind, bringen die Vier als „Werkskantinenband Puchwerk Ost“ frischen Wind in das Beisl. Neben traditionellen Liedern aus dem Balkan kommen auch I Want To Break Free von Queen und der balkansisierte Eagles-Ohrwurm Hotel „Makedonia“ auf die Bühne. Mit einem augenzwinkernden Anachronismus wird hier kurzerhand Musikgeschichte umgeschrieben, als hätte sich die Popgeschichte einfach ein paar Jahre vorgedrängelt. 

Im zweiten Teil des Stücks, als es musikalisch erst richtig zur Sache geht,verwandelt sich auch die Kafana: Aus dem schummrigen Beisl wird eine farbenfrohe Wirtshausbühne, die zwischen Orient und Okzident in neuem, buntem Glanz erstrahlt uns vibriert.

Werkskantinenband Puchwerk-Ost

70-er Jahre Balkan-Rock mit deeLinde, Raphael Meinhart, Miloš Milojević und Sašenko Prolić. (Fotocredit: Lex Karelly)

Ausgeflippte Tanzeinlagen und der Professor

Von heruntergekommen bis fetzig. Die Kostüme bei Kafana Beisl Culture Clash unterstreichen passend das zeitliche Setting und die Rollen des Ensembles und der Band. Was zudem hervorsticht, ist die stimmsichere Interpretation verschiedener Lieder auf B/K/S-Sprachen von allen 13 Akteur:innen auf der Bühne. Vielleicht ist für Natives ein Unterschied zu hören, für Laien wirken sowohl Aussprache als auch Intonation authentisch. Alle Charaktere begeistern früher oder später durch Tanz- und Gesangseinlagen und zeigen so persönliche Vielfalt. So die sonst steife Anwältin Martha (Sarah Sophia Meyer) und ihr verkorkster Ehemann Stanko (Željko Marović). Auch der Generationenkonflikt kommt nicht zu kurz, für den die Tochter (Luiza Monteiro) von Jana und Bane (Sebastian Schindegger) mit ihrem Mut zur Selbstbestimmung sorgt. Ihre Familie entgegnet ihr angesichts der damaligen Zeit mit Toleranz und Respekt. Einen besonders schrägen Auftritt liefert Regisseur Sandy Lopičić selbst: In der Rolle des „Professors“, sorgt er durch unverständliches Gemurmel im La Linea-Stil und eine sympathische Extra-Prise Selbstironie für Lacher.

Der Professor

Sandy Lopičić als Professor in seinem Stück Kafana Beisl Culture Clash. (Fotocredit: Lex Karelly)

Zwischen Rock, Selbstgebranntem und Familiendrama

Die balkanmusikalische Komödie begeistert durch kreative Details und bringt einem das ständig aktuelle Thema der Heimat und Herkunft näher. „Heimat ist nicht nur ein Ort, sondern ein Gefühl, das man in sich trägt“, heißt es auch in der Kafana. Zusätzlich lässt sich das Ensemble auch einen sarkastischen Kommentar über die aktuelle Lage der Kulturförderungen in der Steiermark nicht nehmen. Kafana Beisl Culture Clash entzückt nicht zuletzt durch 70-er Jahre Balkan-Rock mit Herz und einem realitätsnahen Familiendrama.