Eine Bucket List der letzten Dinge vor dem Untergang – und wenig Hoffnung

Kritik: Jugend ohne Gott, Theaterfabrik Weiz

Text: Robert Goessl - 24.04.2026

Rubrik: Theater
„Jugend ohne Gott“ von der Theaterfabrik Weiz im Weizer Volkshaus

Fotocredit: Clemens Nestroy

Der Titel der Stückentwicklung mit sechs Jugendlichen ist auf den ersten Blick irreführend, da man dabei sofort an den Roman von Ödön von Horváth denkt, der in den 30er Jahren spielt und die zunehmenden Repressionen samt Verrohung der Jugend in Zeiten des Nationalsozialismus aus Sicht eines Lehrers beschreibt. Denn wir befinden uns in dieser Inszenierung im Hier und Jetzt, und es sind die Jugendlichen selbst, die den Zustand der Gesellschaft beschreiben – zumindest das hat sich weiterentwickelt, aber sonst scheint sehr viel zum Alten zurückzukehren - und so kommen sie zu einem endgültigen Entschluss.

Es beginnt mit den Stimmen der Schauspieler:innen aus dem Off und es geht um geplatzte Träume und unerfüllte Erwartungen. Jeder der Akteur:innen berichtet von seinen verlorenen Hoffnungen und dem verschwundenen Glauben an das Gute im Menschen und damit an die Zukunft. Aller Einsatz war umsonst, und der Eifer, die Welt zum Positiven zu verändern, ist einer Perspektivlosigkeit gewichen. Die Enttäuschung über die Gesellschaft und die Politik ist groß, ebenso wie die Frustration, in einer Welt, in der Fakten nichts mehr wert sind und sogar der Glaube an Liebe verschwunden ist. Als die sechs Akteur:innen auf die ansonsten leere Bühne vor das Publikum treten, wird gemeinsam aus dem Aufgabe-Manifest der letzten Generation zitiert und der Klassiker „Bella Ciao“ gesungen. Die Gruppe gibt die anderen Menschen auf, aber auch ein wenig sich selbst. Was noch bleibt, am Rande des gefühlten Abgrunds, ist, die letzten Tage der Menschheit auf dem Planeten zu genießen.
„Jugend ohne Gott“ von der Theaterfabrik Weiz im Weizer Volkshaus

Fotocredit: Clemens Nestroy

Die Bucket List der kleinen Dinge

Man gibt einander zwei Minuten Zeit, zwei Dinge zu finden, die man noch unbedingt machen möchte – jeder schreibt seine kurze Bucket List von diesen Wünschen, die recht einfach im Weizer Volkshaus zu erfüllen sind. Nicht alle schaffen es unter dem Zeitdruck, und so bleiben zwei Jokerpunkte. Es sind Kleinigkeiten, wie ein gemeinsames Zelten, wobei es sich gut trifft, dass ein paar Zelte hinter der Bühne vorrätig sind. Während des Aufbaus und so mancher Gespräche kommt man von einem Punkt der Listen zum nächsten: einander zu sagen, wie gern man einander hat, aber auch Dinge, die man einander ehrlich immer schon sagen wollte – jeder darf sich dabei einbringen, wenn es darum geht, von jemandem huckepack genommen zu werden oder einen Spaziergang zu machen. In das anfänglich Selbstverständliche (und souverän gespielte) Miteinander mischt sich zunehmend etwas Feindseligkeit – ein wenig scheint zunehmend die Harmonie zu leiden, nachdem es kein gemeinsames Ziel mehr gibt. Man merkt der jungen Truppe an, dass sie unter diesen neuen Umständen mehr und mehr wieder zu Individuen werden, die sich gegeneinander durchsetzen müssen. Da ist dann auch noch die Neugier, im Tagebuch eines anderen zu lesen und damit die Intimsphäre zu verletzen, die auch für Konfliktstoff sorgt.
„Jugend ohne Gott“ von der Theaterfabrik Weiz im Weizer Volkshaus

Fotocredit: Clemens Nestroy

Von unbemerktem Verlust und aufkeimender Hoffnung

Von einer Taufe (sehr gelungen im eleganten Plastikkübel mit etwas zu langer Tauchphase) über Karaoke (Weizer Insider wissen über den besonderen Wert des Songs „Killing in the Name of“ von Rage Against the Machine als Hymne der alternativen Szene der 90er Jahre Bescheid) werden die Punkte ineinander übergehend abgearbeitet bis hin zum Nehmen von Drogen. Auf die kurzfristige Ekstase samt Abtanzen – auch das ist natürlich ein Punkt auf der Bucket List – folgt die Ernüchterung auf den Kater. Unbemerkt ist da jemand verloren gegangen, und es dauert ein wenig, bis man aus den Zelten wieder herausgekrochen ist und sich wieder gesammelt hat. Man merkt als Gruppe, dass man mehr als einen aus ihrer Mitte verloren hat, und besinnt sich in einer gemeinsamen Fantasie. Ein gestyltes Erscheinen der Verlorenen samt leckerem Wackelpudding (Aufstylen und gutes Essen waren auch Punkte der Bucket List) führt zum Jokerpunkt einer Reise auf neuen Planeten im Weizer Volkshaus. Man steigt in sein Zelt und losgeht der Flug in eine andere neue Welt …
„Jugend ohne Gott“ von der Theaterfabrik Weiz im Weizer Volkshaus

Fotocredit: Clemens Nestroy

Die Suche nach einem Leben abseits des Alltags in den Kleinigektien des Alltags

Die sechs jungen Schauspieler:innen Sebastian Haberecker, Lucy Hartmann, Leonhard Reisner, Daryna Tsyhichko, Jona Wicher und Maya Wild zeigen in diesem Projekt der Theaterfabrik in ihrer erfrischenden und unbekümmerten Performance eine wunderbare Dynamik. In einer Zeit, in der sich die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und der politische Diskurs massiv verändern und der Blick in die Zukunft für junge Menschen wenig Hoffnung verspricht, gibt diese Inszenierung von Angelika Schallerl und David Valentek einen Raum zum Entfalten, sich selbst und mögliche Geschichten auszuprobieren, mit dem Ergebnis, dass die Hoffnung wohl zuletzt stirbt. Auch wenn von Ödön von Horváths Vorbild nur die Anrede mit dem ersten Buchstaben des Nachnamens bleibt, so bleibt am Ende das Gefühl, dass die Idee, sich von der gottgleichen kapitalistischen Leistungsgesellschaft zu verabschieden, zumindest ein guter Ansatz zu sein scheint – vorausgesetzt, wir finden einen neuen Planeten.
„Jugend ohne Gott“ von der Theaterfabrik Weiz im Weizer Volkshaus

Fotocredit: Clemens Nestroy

„Jugend ohne Gott“ von der Theaterfabrik Weiz im Weizer Volkshaus

Regie: Angelika Schallerl, David Valentek Darsteller:innen: Sebastian Haberecker, Lucy Hartmann, Leonhard Reisner, Daryna Tsyhichko, Jona Wicher, Maya Wild
„Jugend ohne Gott“ von der Theaterfabrik Weiz im Weizer Volkshaus

Fotocredit: Clemens Nestroy