Barocke Klangpracht in der Oper Graz
Kritik: Jean-Philippe Rameau: Castor et Pollux
Text: Martin Exner - 14.04.2026
Wenn es um die Aufführungen von Werken aus der Frühzeit der Oper bis hin zum Barock geht, gehen klassische Opernhäuser nicht selten ein gewisses Risiko ein: Manchmal ist kein glaubwürdiges Notenmaterial vorhanden, dann wieder muss seitens der musikalischen Leitung kräftig eingegriffen werden, um die Werke überhaupt aufführbar zu machen, oft wollen moderne Regiekonzepte so gar nicht zu den alten Meisterwerken passen, und dann gibt es häufig auch noch die Originalklang-Fans, die ihre Nasen rümpfen, wenn sich moderne Opernorchester über die Alte Musik hermachen.

Alex Vazquez Gala, Laura Sophie Heise, Sieglinde Feldhofer, Sébastian Monti. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)
Klangliche Eleganz
Schon zur Entstehungszeit dieser Oper, 1737 (in Graz wird die überarbeitete Fassung von 1754 gespielt), war Rameau ein viel diskutierter, bisweilen (vor allem von Fans seines Konkurrenten Lully) angefeindeter Komponist, dem vorgeworfen wurde, die französische Oper zu zerstören – und tatsächlich, seine vom Rezitativstil geprägte Komponierweise war weniger pathetisch als jene seiner Mitstreiter, dafür in großen Bögen angelegt, komplex und vor allem im Orchester brillanter. Das kann schnell einmal spröde wirken, in guten Aufführungen wird man aber mit großen Melodienbögen, unerwarteten Harmonien und virtuosem Gesang belohnt. Um das zu realisieren hat man sich in Graz den ausgewiesenen Alte-Musik-Spezialisten Bernhard Forck als Dirigenten geholt, und das zahlt sich aus: Seine musikalische Leitung geht weit über das viel zitierte historisch Informierte hinaus, er lässt die Streicher mit Barockbögen spielen, reduziert die Bläser, ohne dass Klangfarben verloren gehen, er nimmt das Continuo (glänzend an den Cembali Anna Kiskachi und Lucie Krajčirovičová, sowie Réka Nagy an der Gambe) zurück, ohne dass das Fundament abhandenkommt, er kostet die Rameau‘schen Bögen aus ohne zu übertreiben und betont lustvoll die harmonischen Wendungen des französischen Meisters. Die konzentriert klangschön aufspielenden Grazer Philharmoniker im hochgelegten Orchestergraben folgen ihm uneingeschränkt, die virtuosen Passagen in den Streichern und vor allem Holzbläsern gelingen, die Musik flirrt und funkelt, ohne dass die klangliche Eleganz verloren geht.

Ekaterina Solunya, Laura Sophie Heise, Alex Vazquez Gala, Chor der Oper Graz. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)
Ausgeklügelte Besetzung
Im Zentrum der Tragödie aus der antiken Mythologie, die Bruderliebe, Treue und Selbstlosigkeit verhandelt, stehen das ungleiche (da einer sterblich, einer unsterblich) Brüderpaar Castor und Pollux und das ebenso ungleiche Schwesternpaar Télaïre und Phébé. Die Grazer Oper hat hier vier Sänger:innen gefunden, deren Stimmcharaktere perfekt zu den Rollen passen und diese Unterschiedlichkeit gut hörbar machen: dem hohen Tenor (tatsächlich ein Haute-Contre) des Sébastian Monti als Castor steht der kernige Bariton von Nikita Ivasechko als Pollux gegenüber, dem hellen Sopran von Sieglinde Feldhofer als Télaïre der pastöse und zu Ausbrüchen fähige Mezzo von Sofia Vinnik als Phébé. Angesichts der Tatsache, dass der Stimmton in Frankreich zu Entstehungszeit einen Ganzton tiefer war als heute üblich, liegen die Partien sehr hoch, doch die vier meistern sie Großteils mit Bravour. Aber auch die kleineren Rollen sind glänzend besetzt: Daeho Kim als Jupiter, der als Deus ex machina für ein mildes Ende sorgt, Franz Gürtelschmied als Mercure und Athléte, Will Frost als Grand Préte und Marlin Miller als Un Spartiade überzeugen genauso wie Jianwei Liu, der als Ombre Heureuse mit hellem, bestens zu dieser Musik passenden Tenor aufwartet. Besonders zu erwähnen auch Ekaterina Solunja mit klarem, gut geführtem Sopran als Une Suivante d’Hébé, die sich auch glänzend in das Ballett einfügt. Der Chor der Grazer Oper findet allmählich in das Werk und erfüllt vor allem auch die darstellerischen Zusatzaufgaben formidabel.

Laura Sophie Heise, Alex Vazquez Gala, Sieglinde Feldhofer, Sébastian Monti, Chor der Oper Graz. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)
Emotion und Hingabe im Tanz
Womit wir bei der szenischen Umsetzung wären: Regisseurin Nanine Linning kommt vom Ballett, ihre Inszenierungen sind choreografisch und oftmals von ständiger Bewegung geprägt – auch hier in Graz, und das Konzept geht eindrucksvoll auf: Die Bewegungen der Solistinnen und Solisten verstärken deren inneren Gefühlswelten, die Szene ist tatsächlich fast permanent im Fluss, die Übergänge der einzelnen Szenen passieren geschmeidig, der Chor erfüllt seine Aufgabe als Kommentator auch in der Bewegung. Verstärkt oder gespiegelt wird das durch ein formidables Quartett aus je zwei Tänzerinnen und Tänzer: Ann-Kathrin Adam, Laura Sophie Heise, Filippo Cosso und Alex Vazquez Gala gestalten das nie aufdringlich, aber voll Emotion und Hingabe.

Sieglinde Feldhofer, Chor der Oper Graz. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)
Abstrakte Eleganz im Auftritt
Ein völliges Gegenstück zu barockem Prunk ist hier die Bühne vom Künstlerkollektiv Van Veen & Mus (zurückhaltend ausgeleuchtet von Sebastian Alphons), das mit wenigen Bühnenelementen, dafür aber mit umso mehr Video-Effekten arbeitet, was in der Zusammenschau mit den abstrakten, aber eleganten Kostümen von Irina Shaposhnikova in diesem Fall durchaus Sinn ergibt und zudem die Zeitlosigkeit der Thematik betont. Zum großen Hörvergnügen gesellt sich diesmal auch ein ästhetisches Seherlebnis.
Das Wagnis Barockoper ist hier also gelungen, belohnt wurden die Ausführenden bei der Premiere mit viel Jubel, und das sehr zurecht. Und als leidenschaftlicher Barock-Fan kann der Verfasser dieser Rezension nur so viel sagen: Diesen Rameau sollte man sich anschauen und anhören!

Sofia Vinnik, Chor der Oper Graz. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)
