Spektakel zwischen Himmel und Hölle

Kritik: Hector Berlioz‘ La Damnation de Faust, Oper Graz

Text: Martin Exner - 29.09.2026

Rubrik: Musik
Kritik: Hector Berlioz‘ La Damnation de Faust, Oper Graz

Nikita Ivasechko und Chor der Oper Graz. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)

Die Grazer Oper eröffnet die neue Spielzeit mit einem spektakulären Werk: Hector Berlioz‘ La Damnation de Faust – vom Komponisten selbst als Légende dramatique bezeichnet ist das Stück weder Oper, noch Oratorium, auch nicht symphonische Dichtung mit Gesang, und hat doch von alldem etwas.

Berlioz und sein Co-Autor Almire Gandonnière orientierten sich zwar personell an Goethes Faust I, der allerdings hier nur eine Orientierungshilfe darstellt: einige wohlbekannte Szenen daraus finden sich wieder, andere haben nur entfernten Bezug zum deutschen Klassiker. Auch die Figuren sind anders gezeichnet, Faust ist hier kein Gelehrter, sondern eher ein zerrissenes, ständig verzweifeltet nach Halt und Sinn suchendes Genie, Méphistophélès nicht nur ein Verführer, sondern eine Figur, sie sich ihrer Macht bewusst ist und diese auch gnadenlos einsetzt, Marguerite nicht die Unschuld vom Lande, sondern eine durchaus selbstbewusste und lebenserfahrene Frau. Dass die himmlische Verklärung ihr gilt und Faust in die Hölle fährt, macht Berlioz‘ bewussten Bruch mit Goethes Werk umso deutlicher.
Kritik: Hector Berlioz‘ La Damnation de Faust, Oper Graz

Anna Brull und Nikita Ivasechko. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)

Musikalische Brillanz und optische Reizüberflutung

Dazu hat Berlioz eine außergewöhnliche Musik komponiert: Ein großes, reichhaltig besetztes Orchester, das einen Höllenritt kräftig musikalisch zu untermalen vermag, sich aber in vielen Szenen auch drastisch zurücknimmt und solistische Brillanz verlangt. Allen Hauptfiguren sind eigene Orchestergruppen zugeordnet, die von Berlioz ersonnene idée fixe kann hier fast als Vorgänger der Leitmotivik Wagners angesehen werden. Die Grazer Philharmoniker unter der präzisen und umsichtigen Leitung vom ersten Kapellmeister Johannes Braun realisieren das konzentriert und wunderbar klangschön. Das Orchester sitzt in dieser Produktion nicht im Orchestergraben, der überbaut wurde und als Spielfläche dient, es wurde in den Bühnenhintergrund verfrachtet, weshalb auch so manches schöne musikalische Detail nur mit besonderer Konzentration herauszuhören ist, dennoch glitzert und funkelt es aus dem Orchester, die solistischen Einwürfe sitzen, und auch die Kommunikation mit den Solistinnen und Solisten, die sich hier ja im Rücken des Dirigenten befinden, funktioniert Großteils einwandfrei. Das überträgt sich auch auf die Sängerschaft: Pavel Petrov ist ein formidabler Faust, dem vor allem das Verzweifelte der Figur liegt, die er mit intensivem Spiel und einer durchwegs schönen, mit reichlich Schmelz versehenen und bis in die voix mixte flexiblen Tenorstimme ideal verkörpert. Nikita Ivascheko gibt spielfreudig und auch mit einiger Ironie einen Méphistophélès, der mal als Hippie, dann als Drag-Queen und schließlich als klassisches Teufelchen daherkommt und dafür einen kernigen Bariton und große Textverständlichkeit zur Verfügung hat. Die Marguerite ist hier eine – vielleicht schon etwas in die Jahre gekommene – Sängerin an einem Revue-Theater, sicherlich auch mehr Projektionsfläche für Fausts Verlangen, als reale Figur. Anna Brull spielt sie melancholisch und singt sie beeindruckend mit bis in die Höhen und alle Tiefen beachtlich ebenmäßigem Mezzo – der große Ruhepunkt der Oper, ihre Romanze „D‘amour l‘ardent Flamme“ (leider gestört durch permanente Bühnenumbauten) gerät zu einem Höhepunkt.
Kritik: Hector Berlioz‘ La Damnation de Faust, Oper Graz

Pavel Petrov, Nikita Ivasechko, Chor und Statisterie der Oper Graz. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)

Viel hilft auch viel

Womit wir bei der szenischen Umsetzung sind, bei der man allgemein nach dem Motto „Viel hilft auch viel“ vorgegangen zu sein scheint. Beklagt man im dünnen Programmzettel, dass aus Einsparungsmaßnahmen bei den Printprodukten kein ausführliches Programmheft mehr zur Verfügung stehe (man kann es sich über einen QR-Code aufs Handy holen, eine Maßnahme, die immerhin aus Umweltgründen zu begrüßen ist), wird zum Schlussapplaus ein Leading-Team in Fußballmanschafts-Größe auf die Bühne geholt. Regisseur Lorenzo Fiorioni bietet alles auf, was ein Opernhaus zu leisten vermag, da gibt es ein kunterbuntes, jedoch sehr schnell wandelbares Bühnenbild mit mehreren Projektionsflächen, auf der Live-Bilder aus der Szenerie und voraufgezeichnete Einschübe zu sehen sind, von Beginn an faucht und knallt es (Fausts Studierstube ist hier ein dampfendes Labor), Ballett im Tutu kommt ebenso zum Einsatz wie eine Heerschar von Choristinnen und Choristen – der Chor der Oper Graz (unterstützt durch den Philharmonia Chor Wien) und die (von Andrea Fournier wie immer bestens vorbereitete) Singschul‘ der Oper Graz sind schauspielerisch ganz schön gefordert und singen dazu überaus präzise und klangschön. Das ist optisch sicherlich beeindruckend, überdeckt aber viel zu oft die Musik und ist auch nur in wenigen Szenen wirklich sinnstiftend, am ehesten noch gegen Ende, wenn die Höllenfahrt gleich das gesamte Orchester (der Statisterie) in die Hölle des Orchestergrabens mitnimmt und als Zombies wieder auffahren lässt – ein gelungener Gag, aber einer von leider zu vielen. So hinterlässt diese Aufführung einen gemischten Eindruck: Sicherlich wird das Bühnenspektakel viele erfreuen, wirklich beeindrucken kann hier aber die hervorragende musikalische Umsetzung, alleine deretwegen ein Besuch der Aufführung dieses ohnehin sehr selten gespielten Werkes empfohlen werden kann.
Kritik: Hector Berlioz‘ La Damnation de Faust, Oper Graz

Nikita Ivasechko, Chor, Statisterie der Oper Graz. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)

Kritik: Hector Berlioz‘ La Damnation de Faust, Oper Graz

Nikita Ivasechko, Anna Brull, Chor und Statisterie der Oper Graz. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)