Flucht, Exil und Zensur am Beispiel von Bertolt Brecht

Kritik: Four Walls and a Roof, Lina Majdalanie und Rabih Mroué

Text: Robert Goessl - 19.10.2026

Rubrik: Theater
„Four Walls and a Roof“ von Lina Majdalanie und Rabih Mroué im Rahmen des steirischen herbsts in der Helmut List Halle

Lina Majdalanie und Rabih Mroué (Fotocredit steirischer herbst / Daniel Kindler)

1947 wurde Bertolt Brecht im Exil in den USA vom HUAC, dem „Komitee für unamerikanische Umtriebe“, vor dem amerikanischen Kongress verhört. Im Wesentlichen ging es darum, ihm eine Mitgliedschaft in der Kommunistischen Partei nachzuweisen. Dabei war er einer von 19 Männern und der einzige ohne amerikanische Staatsbürgerschaft, die vorgeladen wurden aus Angst vor einer kommunistischen Unterwanderung Hollywoods. Die Methoden, die dabei angewandt wurden, glichen eher einem Standgericht und nachdem die Mitgliedschaft in der kommunistischen Partei von der amerikanischen Verfassung her nicht verboten war, ging es hauptsächlich darum, den Ruf der 19 Männer zu ruinieren.

Lina Majdalanie und Rabih Mroué beginnen ihre Lecture Performance mit einer Art Reenactment des Auftritts von Bertolt Brecht vor diesem Ausschuss, wobei nur die Fragen an ihn vorgetragen werden und nicht seine Antworten. Rabih Mroué steigert sich dabei, an einem kleinen Schreibtisch voller Unterlagen sitzend, beachtlich hinein, sodass eine gespenstische Atmosphäre entsteht, als ob das Publikum das eigentliche Ziel der Fragen wäre. Brecht hatte auch eine Erklärung vorbereitet, die er verlesen wollte, doch die Form der Befragung ließ nur Ja- oder Nein-Antworten zu. In dieser Erklärung wollte er seine Angst vor der zunehmenden Zensur bei der künstlerischen Arbeit in den Vereinigten Staaten ausdrücken: „Wir sind hierhergekommen, weil dieses Land von einer mächtigen Flut der Reaktion überschwemmt wird, die jeden freien Gedanken und jede freie Äußerung zu unterdrücken droht.“
„Four Walls and a Roof“ von Lina Majdalanie und Rabih Mroué im Rahmen des steirischen herbsts in der Helmut List Halle

Rabih Mroué (Fotocredit steirischer herbst / Daniel Kindler)

Ein tiefergehendes Reenactment

Diesen Auftritt vor dem Ausschuss in eine Performance zu gießen, ist alles andere als abwegig, denn der gut vorbereitete Brecht bot dort mit seiner exzellenten Rhetorik und in holprigem Englisch eine Art Theaterszene, mit dem Wissen, bereits ein Ticket nach Paris für den nächsten Tag in der Tasche zu haben. Er ist auch der Ausgangspunkt für die beiden aus dem Libanon stammenden und mittlerweile in Berlin lebenden Protagonist:innen, sich mit Flucht, Exil und Zensur an seinem Beispiel zu beschäftigen, denn auch sie waren gezwungen, den Libanon unter zunehmendem Druck zu verlassen.
„Four Walls and a Roof“ von Lina Majdalanie und Rabih Mroué im Rahmen des steirischen herbsts in der Helmut List Halle

Henrik Kairies am Klavier und Lina Majdalanie (Fotocredit steirischer herbst / Daniel Kindler)

Die Beugung des Rechts von rechts

Es wird in weiterer Folge Brechts Geschichte, beginnend mit der Flucht aus Deutschland 1933, erzählt, immer wieder unterbrochen von Liedern. Von Hanns Eisler vertonte Brecht-Gedichte, werden am Klavier gespielt und gesungen von Henrik Kairies, darunter die „Ballade vom Wasserrad“, die „Ballade vom Wasserrad“ und „Lied von der Unzulänglichkeit menschlichen Strebens“. Dabei wird auch beschrieben, wie es den anderen 18 Männern erging, die sich als amerikanische Staatsbürger auf ihre verfassungsmäßigen Rechte beriefen und Antworten verweigerten, worauf sie wegen „Missachtung des Kongresses“ zu Gefängnis- und Geldstrafen verurteilt wurden, was ein de facto Berufsverbot zur Folge hatte. Brecht nannte das eine „kalte Hinrichtung“ – denn infolge der Aktivitäten des Ausschusses entstanden schwarze Listen mit Namen, die von den Hollywood-Studios nicht mehr angestellt wurden.

Rabih Mroué und Lina Majdalanie (Fotocredit steirischer herbst / Daniel Kindler)

Zwei Fotos, die einander fast gleichen

Lina Majdalanie und Rabih Mroué stellen zwei Fotos von Bertolt Brecht einander gegenüber: eines vor seiner Flucht aus Deutschland 1933 und eines von 1947 vor seiner Rückkehr nach Europa. Beide zeigen ihn an seinem Arbeitstisch im Profil an seinem Arbeitstisch rauchend. Sie sind beschriftet mit „Die Kisten sind gepackt“ und „Die Koffer sind gepackt“. Sie reflektieren über die Verluste, die man bei einer Flucht erleidet, über die Gedanken, die man sich dabei macht, wenn die Heimat plötzlich keine mehr ist und man keinem Staat mehr angehört, denn Heimat ist mehr als vier Wände mit einem Dach darüber. Die Zitate von Karl Marx „Die Geschichte wiederholt sich immer zweimal – das erste Mal als Tragödie, das zweite Mal als Farce“ und von Julian Barnes „Die Geschichte wiederholt sich immer zweimal – das erste Mal als Farce, das zweite Mal als Tragödie.“ werden gegenübergestellt und in die Gegenwart übertragen: Wenn man Trump in seiner ersten Präsidentschaft als Clown wahrnahm, hat man die Gefahr, die von seiner zweiten ausging, verkannt? Was mit ein paar Wahnsinnigen beginnt, die am Anfang zwar radikal, aber dilettantisch erscheinen, kann sich in einer Welt, in der unterschätzt wird, wie dünn die Decke der Zivilisation ist, in eine Katastrophe ausarten, oder wie es Walter Benjamin ausdrückt: „Wo eine Kette von Begebenheiten vor uns erscheint, da sieht er eine einzige Katastrophe, die unablässig Trümmer auf Trümmer häuft und sie ihm vor die Füße schleudert.“
„Four Walls and a Roof“ von Lina Majdalanie und Rabih Mroué im Rahmen des steirischen herbsts in der Helmut List Halle

Lina Majdalanie und Rabih Mroué vor den Namen der Gecancelten (Fotocredit steirischer herbst / Daniel Kindler)

Die Landung im Hier und Jetzt

Wenn der Druck von allen Seiten steigt, wenn es nur noch schwarz oder weiß gibt, was kann man noch in einer Performance zeigen, was darf man noch sagen? Wie nahe ist heutzutage ein de facto künstlerisches Berufsverbot? Der Versuchung der Selbstzensur, um weiterarbeiten oder nun noch überleben zu können, begegnen die beiden Protagonist:innen mit Schweigen. Ein humorvoller, aber auch gespenstischer Moment der Stille, der die Absurdität widerspiegelt, sein Denken ausschalten zu können, und der gebrochen wird mit dem Aufblasen und dem Platzen eines Luftballons bis hin zu einem Albtraum des Verfolgtwerdens, der weder räumlich noch zeitlich eingeordnet werden kann, denn es ist immer und überall möglich.
„Four Walls and a Roof“ von Lina Majdalanie und Rabih Mroué im Rahmen des steirischen herbsts in der Helmut List Halle

Rabih Mroué und Lina Majdalanie (Fotocredit Christophe Berlet)

Die liberale Demokratie unter Druck und die gesellschaftliche Einschränkung der Meinungsfreiheit

Lina Majdalanie und Rabih Mroué beurteilen nicht, sie beschreiben, sie zeichnen nach, wie dünn die Decke der Zivilisation ist, und wie leicht die freie Meinungsäußerung unter gesellschaftlichen Druck gerät, wie es auch aktuell der Fall ist, als würden sie einen diplomatischen Weg suchen, denn, auch wenn es nicht explizit genannt wird, spielen sie auf das Minenfeld zwischen Antisemitismus und Gaza an, und die Schwierigkeit, eine differenzierte Meinung ausdrücken zu können, wenn der Druck von allen Seiten nur Ja- oder Nein-Antworten ermöglicht. Damit hinterfragt ihre Performance zurecht den Zustand unserer liberalen Demokratie, oder vielmehr den unserer Gesellschaft, in Bezug auf das, was wir an Meinungen zulassen oder inwieweit wir bereit sind, anderen zuzuhören.

„Four Walls and a Roof“ von Lina Majdalanie und Rabih Mroué im Rahmen des steirischen herbsts in der Helmut-List-Halle

Regie und Performance: Lina Majdalanie und Rabih Mroué Text: Lina Majdalanie und Rabih Mroué mit Auszügen aus Texten von Bertolt Brecht Pianist, Komponist und Sänger: Henrik Kairies Dramaturgie: Sandra Noeth Lichtdesign und technische Leitung: Thomas Köppel