Die Macht der Sprache und die Ohnmacht der Völker

Kritik: ФielföلkaŠtát (äh, vielvölkastaat, oder was?), Schauspielhaus

Text: Robert Goessl - 05.10.2026

Rubrik: Theater
„ФielföلkaŠtát (äh, vielvölkastaat, oder was?)“ von Ewe Benbenek im Schauraum des Schauspielhauses

Bence Béres und Júlia Mentes hinten, Sophia Löffler, Miriam Maertens und Tim Breyvogel Mitte und Maximilian Thienen vorn (Fotocredit Lex Karelly)

Obwohl es scheint, dass wir uns doch in den letzten 70 Jahren mit dem vereinten Europa gedanklich etwas angefreundet haben, wirkt es, als würde diese reale Utopie (man denke an die weiteren 70 Jahre davor) wieder zerbrechen. Insbesondere die Trennung zwischen Ost und West scheint mehr und mehr wieder aufzutauchen. Entsprechend befasst sich Ewe Benbeneks Textfläche mit vielen Rückgriffen auf die Österreich-Ungarische Doppelmonarchie mit diesem Thema und so sind an dieser mehrsprachigen Produktion auch drei Theater beteiligt: neben dem Grazer Schauspielhaus auch das Wiener Schauspielhaus und das aus Budapest stammende Katona József Theater. Es tummeln sich also Bence Béres und Júlia Mentes (Katona József Theater Budapest), Tim Breyvogel und Miriam Maertens (Schauspielhaus Graz) und Sophia Löffler und Maximilian Thienen (Schauspielhaus Wien) auf der Bühne.

Das gemischte, spielfreudige Ensemble strahlt sofort Dynamik aus auf einer Bühne, die von drei großen Rollen mit Bändern gesäumt ist, und heißt das Publikum gleich einmal willkommen, um aber auch gleich darauf zu erwähnen, dass ihr Versuch einer Annäherung an den Vielvölkerstaat so manche Erwartungen enttäuschen könnte. Doch das Kaleidoskop zwischen Ländern, Sprachen, Vorurteilen und verlorenen und wieder aufkeimenden Hoffnungen läuft anders und beginnt gleich einmal am Anfang 1867 mit „á“ wie „Ausgleich“, auch wenn der „Anschluss“ sich kurz davor, ausgerollt vom Bühnenhintergrund, davor schwindelt – gewisse Dinge drängen sich in Österreich eben in den Vordergrund, obwohl sie gerne hintergründig und manchmal sogar vielschichtig betrachtet werden.
„ФielföلkaŠtát (äh, vielvölkastaat, oder was?)“ von Ewe Benbenek im Schauraum des Schauspielhauses

Tim Breyvogel, Maximilian Thienen, Sophia Löffler, Bence Béres, Júlia Mentes und Miriam Maertens (Fotocredit Lex Karelly)

Eine Reise in den „wilden Osten“

Tatsächlich dreht es sich hier um die Sprache oder vielmehr um die Sprachen in der Doppelmonarchie und deren Geschichte, als lose Handlung einer durch das ehemalige Habsburgerreich Reisenden mit migrantischem Hintergrund (Sophia Löffler) verbunden, mit ebenso losen kurzen Begegnungen und einem Vater (Tim Breyvogel) der sich um sie sorgt, weil sie sich bei ihm aus Wien, Prag, Bratislava oder Budapest und nicht aus Paris oder London meldet. Mal trifft sie in einer Bahnhofshalle auf Sauftouristen, mal in einem Theater auf einen netten Fremden treffend – Missverständnisse inklusive. Die Wurzeln – wo sind sie? Und die Heimat – was ist das? Und die fremde Sprache der Nachbarn – wer kann sie? Es scheint, als sei da etwas doch nicht so ganz zusammengewachsen, verborgen in wirtschaftlichen Realitäten. Die Autorin Ewe Benbenek, die als deutsche Dramatikerin in Polen geboren ist, wird selbst damit genügend Erfahrungen gemacht haben, die sie in ihren Text einfließen lässt.
„ФielföلkaŠtát (äh, vielvölkastaat, oder was?)“ von Ewe Benbenek im Schauraum des Schauspielhauses

Das Ensemble tanzt sich durch die Sprachen (Fotocredit Lex Karelly)

Ein Versuch, die gute alte Zeit als Operette zu beschwören

Auf der Suche nach dem Gemeinsamen findet man klarerweise die Operette als die große gemeinsame österreichisch-ungarische Kunstform mit dem Schein des Unpolitischen samt Verklärung mit der „Csárdásfürstin“ und „Gräfin Mariza“, in denen die Kronländer durchlässig und gleichberechtigt erscheinen, auch wenn in Ungarn aus der Csárdásfürstin eine Csárdáskönigin wird – es gibt eben auch trennende Gemeinsamkeiten –, gesungen wie gesprochen. So wird auf der Bühne fast schon um die Wette gesungen und herumgewirbelt in Ungarisch (mit Übertiteln) und Deutsch, doch trügt der Schein, denn die namenlose Z-Person fügt sich nicht in das bunte Gewirr aus Menschen aller Kornländer ein. So richtig entsteht dabei kein stimmiges und vor allem harmonisches Bild der Doppelmonarchie. Dabei war ja genaugenommen der Operettenkomponist Emmerich oder vielmehr Imre Kálmán jüdischer Herkunft – was gottseindank im Text nicht erwähnt wird, um der Verwirrung etwas Einhalt zu gebieten. Dafür gibt es eine geheimnisvolle Begegnung mit der polnisch-jüdischen Autorin Debora Vogel in der Bibliothek von Lemberg.
„ФielföلkaŠtát (äh, vielvölkastaat, oder was?)“ von Ewe Benbenek im Schauraum des Schauspielhauses

Das Ensemble zeigt seine Operetten-Energie (Fotocredit Lex Karelly)

Die scheinbare und die tatsächliche Hierarchie der Sprachen und der Völker: „Words don't come easy“

Es folgt eine Geschichtsstunde über das österreichisch-ungarische Parlament, die die Vision der harmonischen Gleichberechtigung der Völker als pure Nostalgie entlarvt. Der Versuch, dort auch Tschechisch als Amtssprache zu etablieren, scheitert am deutschnationalen Widerstand des Volkes. Andererseits wurden Ikonen, wie die Tschechin Amalie Ryba als Amalie Seidel, eine Symbolfigur der österreichischen Sozialdemokratie, gerne eingedeutscht. Da kann man dann schon einen Buchstaben ausrollen oder vielmehr einen Laut und wie er sich als Buchstabe in den Sprachen dargestellt wurde: „sch“ „s“ „ш“ „š“ „sz“ „ش“ – ein „sch“ quer über die Bühne, das immer gleich klingt, vom Deutschen über das Kyrillische bis zum Bosnischen – vielfältig war die damalige Donaumonarchie und sie klingt mitunter in Graz auch in einem alten slowenischen Lied, das nicht vergessen wurde, noch nach.
„ФielföلkaŠtát (äh, vielvölkastaat, oder was?)“ von Ewe Benbenek im Schauraum des Schauspielhauses

Die Sprachen des Vielvölkerstaats werden auf die Bühne gerollt (Fotocredit Lex Karelly)

Die Hierarchie der Völker und der Sprachen – Narrative einst und jetzt

Die Regisseurin Marie Bues aus dem Wiener Schauspielhaus lässt den Text geschehen, sie lässt die Sprachen sprechen, die Gedanken in den Raum laufen und erzeugt so einen Abend, der sich zwar nicht konkret festmachen lässt, aber in dem ein starkes Gefühl vermittelt wird und in dem unsichtbare und sichtbare Grenzen rasant abgesteckt und überwunden werden. Es braucht dazu nicht viel auf der Bühne, gestaltet von Indra Nauck, außer einer wenig anschaulichen Darstellung von Sprache, die ein wenig herumhängt oder auf dem Boden liegt, und einem Ensemble, das sich spielerisch und teils auch enthusiastisch einem komplexen Thema nähert, und damit bei den Zuschauer:innen eigene Assoziationen ermöglicht bei einer Geschichte, die am Anfang neuer Narrative stehen könnte. Auch steht am Ende die Hoffnung: Zwar muss man kurz durch David Hasselhoffs „I’m looking for Freedom“, das den Aufbruch beim Mauerfall 1989 begleitet hat, von dem immer weniger übrigzubleiben schien, doch Viktor Orbáns Wahlniederlage, mit der Ewe Benbeneks Text endet, lässt ein wenig von der Aufbruchsstimmung zurückkommen.

„ФielföلkaŠtát (äh, vielvölkastaat, oder was?)“ von Ewe Benbenek im Schauraum des Schauspielhauses

Ins Ungarische übersetzt von Lídia Nádori Darsteller:innen: Bence Béres, Júlia Mentes (Katona József Theater Budapest) Tim Breyvogel, Miriam Maertens (Schauspielhaus Graz) Sophia Löffler, Maximilian Thienen (Schauspielhaus Wien) Regie: Marie Bues (Schauspielhaus Wien) Bühne & Kostüme: Indra Nauck Musik: Raphaela Andrade Cordova Choreografie: Marta Navaridas Dramaturgie: Martina Grohmann, Ármin Szabó-Székely, Male Günther