Gruppendynamik und Weltschmerz am Schrotthaufen

Kritik: Etienne Béchard – Romeo und Julia, Oper Graz

Text: Lydia Bißmann - 19.10.2026

Rubrik: Tanz
Kritik: Romeo und Julia, Ballett Oper Graz

Gionata Sargentini als Romeo und Kirsty Clarke als Julia (Fotocredit: Werner Kmetitsch)

Auf einem Haufen Schrott und Sperrmüll parkt der französische Choreograf Étienne Béchard die wohl bekannteste Liebesgeschichte der westlichen Welt. Feinfühlig und bildgewaltig entfernt das Ballett Graz sorgsam jede Art von Romantik aus der Story und bietet ein Spektakel, das perfekt in die krisengeschüttelte Gegenwart passt, aber dennoch Hoffnung schenkt.

William Shakespeares Romeo und Julia ist nicht unbedingt nur eine Liebesgeschichte, sondern auch eine Geschichte von Sturheit, Starrheit und nicht zuletzt Dummheit. Warum die Capulets mit den Montagues verfeindet sind, weiß niemand mehr so genau, und es interessiert auch nicht. In der Inszenierung an der Oper Graz wird die Geschichte zur Musik von Sergej Prokofjew aus den 1930er-Jahren auf die Trägheit des Herzens und vererbte Stereotypen reduziert. Auf einer Art Arche aus Schrott, Rost, Wellblech und Lumpen findet die berühmte Balkonszene statt, die nur noch wenig Romantik, dafür aber umso mehr Akrobatik aufweist. Das dystopische Setting erinnert an die Coolness der 1980er-Jahre, an ‘Mad Max’ und ‘Blade Runner’: eine Gesellschaft, die in der Illusionslosigkeit und im Müllchaos gestrandet ist. Die imposanten Gruppentänze lassen Gedanken an Bernsteins West Side Story aufkommen, auch ein wenig ‘Corpse Bride’ von Tim Burton mischt sich optisch hinein. Bei den Liebesszenen wird die Orchestermusik ausgesetzt und durch bekannte Lovesongs wie etwa ‘The Look of Love’ aus der Konserve ersetzt. Dieser bewusste Bruch irritiert und unterstreicht die Profanität des individuellen Glücksverlangens in einer zerrütteten Welt. Trotzdem ist es ein wenig schade um den sinnlich-mächtigen Flow, den die Grazer Philharmoniker unter der Leitung von Marius Burkert bei dieser Aufführung erzeugen.

Laura Heise, Gionata Sargentini und Hannes Lüttringhaus. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)

Gruppenperformance als Core Value

Es ist nicht der Individualismus, der hier zählt, sondern das Kollektiv. Das Ballettensemble Graz verschmilzt in den Kampfszenen zu einer Einheit und strahlt Stärke, Vitalität und Aggression aus, was sehr berührend ist. Kraft und Emotion entstehen aus den synchron getakteten Bewegungen. Beim Betrachten entstehen gemischte Gefühle, da es sich um Hass und Kampf handelt, der Tanz aber einfach herrlich und mitreißend ist. Rot kämpft gegen Blau, und was elegant und spielerisch aussieht, endet dann eben tödlich. Komplizierte Kostüme (Isabel Toccafondi), die nicht nur die Teams markieren, sondern denen am Ende noch eine ganz spezielle Aufgabe zukommt, werden mit Masken garniert, die die Starrheit und Sturheit der verfeindeten Familien noch verstärken. Doch darunter tragen die Tänzer hautfarbene Trikots, die am Ende eine eigene Symbolik bekommen. Wie Maden an einem verwesenden Körper sehen die Künstler darin aus, wenn sie am Ort des Doppelsuizids herumkrabbeln. Die Auflösung und Hoffnung liegen aber auch genau in den inkarnatfarbenen Kostümen, die zum Schluss Einheit und eben jenes Fünkchen Hoffnung vermitteln, das sinnlose Tode manchmal mit sich bringen.

Gionata Sargentini als Romeo und Kirsty Clarke als Julia. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)

Standing Ovations für Hingabe und Leidenschaft

Eine spinnenartige Schamanin (Savanna Haberland), die mit Doppelmaske und sehr viel überschwelliger Erotik den unausweichlichen Tod ankündigt, ist eines der Highlights der zweiten Hälfte, in der sich die meiste Tragik abspielt. Wie die Geschichte ausgehen wird, weiß man ohnehin. Schlimm ist es dennoch. Herrliche, standbildartige Körperkonstruktionen des Ensembles trösten darüber hinweg. Wie ein Chiaroscuro-Gemälde aus dem Barock wirken die Tänzer teilweise, wenn sie sich um das Todeswrack arrangieren. Dirigent Markus Burghart und die Grazer Philharmoniker spielen jeden Ton des teils sehr expressiven Stücks mit der angemessenen Leidenschaft, Verve und Gefasstheit, die die dramatischen Szenen auf der Bühne brauchen. Diese Begeisterung ist ansteckend. Es gibt großen Applaus und Standing Ovations vom Publikum zum Schluss dafür.

Savanna Haberland als Schamanin. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)

Kirsty Clarke und Gionata Sargentini und Ensemble Ballett Graz. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)

Tommaso Bracci als Mercutio und Ensemble Ballett Graz. (Fotocredit: Werner Kmetitsch)