Eine Bühne für die Niemands
Kritik: Eichberger und Niemand: Psycho
Text: Lydia Bißmann - 13.10.2026
Rubrik: Kleinkunst
Psychische Probleme sind aktuell in Mode. Barbara Eichberger macht daraus Kabarett: Ihr zweites Programm trägt den Titel „Psycho“ und brachte ihr beim Grazer Kleinkunstvogel 2026 im Theatercafé den Publikumspreis ein.
Die Themen sind neu, die Tools bewährt, der Name Programm. Das „Niemand“ im Künstlerinnennamen Eichberger und Niemand bezieht sich auf jene Personen, die man gefühlt aus dem Alltag kennt. „Gemeindebau“ hieß das Debütprogramm der Nachwuchskabarettistin, und auch in „Psycho“ geben sich unterschiedliche Ausformungen der menschlichen Natur die Klinke in die Hand. Was nach Reizwort klingt, ist tatsächlich ein menschenfreundliches Programm, bei dem man sich manchmal heimlich vergewissern muss, dass wirklich nur eine Person auf der Bühne steht. Barbara Eichberger ist eines von vielen schillernden Nachwuchstalenten, die sich derzeit auf den Comedy- und Kabarettbühnen tummeln und dem Genre einen neuen Stempel aufdrücken. Was zunächst nach Kabarett der 90er-Jahre klingt, ist erstaunlich zeitgenössisch, fresh und gut konstruiert.

Vanessa Michelle wirkt wie eine Narrenfigur, entsprungen aus einem Tarot-Spiel für Proletarier. (Fotocredit: maria Altmann)
Influencer-Intelligenz mit Benefits
Als Rahmenhandlung dient eine Talkshow, moderiert von Vanessa Michelle, die laut ihrer Erfinderin die Weisheit „mit der Gabel“ gegessen hat. Ein wenig erinnert die Figur mit dem pinken Plüsch-Tagebuch an die Kindergärtnerin von Nadja Maleh in „Zuckergoscherl“, nur dass man beim Lachen weniger schlechtes Gewissen haben muss. Vanessa Michelle hat die Strategie, jedes ihr unbekannte Wort herzuleiten und mit einer Bedeutung aufzuladen, die für sie Sinn ergibt und gänzlich neue Aspekte eröffnet. Daraus entstehen Irritationen über ein Fußball-Länderspiel („Komisch, ich dachte, England wäre aus der EM ausgetreten …“), Kebab-Pyramiden („… es hat gar nicht nach Fleisch gerochen“) im Ägyptenurlaub oder den Respekt vor dem diversen Ansatz im „Old-inclusive-Paket“ ebenda. Ihre Reiseeindrücke hat sie in jenem pinken Tagebuch festgehalten, aus dem sie vorträgt. Schon beim Datum muss man so lachen, dass es schwerfällt, dem Rest zu folgen.

Eichberger und Niemand punktet mit Parodien von Alltagscharakteren. (Fotocredit: Maria Altmann)
Paint-Brush und Gangster-Rap
Mit ihren Influencer-Fingern stupst Vanessa Michelle in die schwärenden Wunden, die der Blick auf die Social-Media-Bubble mit sich bringt. Selten wurde der Mangel an Inhalt und echter Emotion – eigentlich ein recht häufiges Thema im Comedy– so absurd-anarchistisch vorgeführt wie hier. Die Gäste werden mit PowerPoint-Animationen angekündigt und obwohl diese meist nur aus einem Wort bestehen – Obsession, Phobie, Illusion oder Toxizität –, sieht man der Gastgeberin die Anstrengung an, wenn sie versucht, ihre eigenen Paintbrush-artigen Kreationen zu entziffern. Wie durch Zauberhand verändern sich Stimme, Körperhaltung und Timbre der Künstlerin innerhalb von Sekundenbruchteilen. Rapid-Fan und Gemüseproduzent Herbert, der Himbeeren grün isst und den Lavendel wegen seiner Farbe am liebsten abfackeln würde, stakst mit Fußballerbeinen über die Bühne. Warm und sanft wedelt Madame Juno die schlechten Energien aus dem Raum, bevor sie aus Uno-Karten die Zukunft liest: „Plus Vier? Ganz einfach, du wirst vier Kilo zunehmen dieses Jahr …“ Musikalisch beeindruckend ist die Rap-Einlage von Gangster-Rapper Bogo (G steht für Gangster und O für Oida …), der über die Tücken der Pfandrückgabe reimt und damit einen astreinen Ohrwurm hinlegt. Ein hübscher Verweis auf die 90er-Jahre ist auch das permanente Dropping von Markennamen. Anders als in der neoliberalen Hochblüte nennt Eichberger und Niemand allerdings keine coolen Sportklamottenmarken, sondern Institutionen des Alltags wie Hofer, Action, Billa oder Fressnapf.
Zettelwirtschaft als Ansporn
Schlicht, aber effektiv ist die Methode, das sonst mundfaule Grazer Kabarettpublikum zur Interaktion zu bewegen. Die Zuschauer:innen werden aufgefordert, auf kleinen Zetteln Fragen an die Talkshow-Gäste zu formulieren. Der Grat zwischen Philosophie und Beschimpfung ist schmal, der Trick genial, fürchten muss man sich aber nicht. Mit Improvisation weiß Eichberger und Niemand, die sich als Person selbst sehr zurückhaltend gibt, bestens umzugehen und bearbeitet dabei gekonnt die Grenzen zwischen Comedy und Kabarett. „Psycho“ ist ein gut gestricktes Programm, das Menschen nicht vorführt und nie in Respektlosigkeit abdriftet, zugleich aber einiges an Denksport bietet und den Humorbogen souverän dirigiert. Unbedingt hingehen und anschauen. Es lohnt sich auch, einen Blick auf den Instagram-Kanal von Eichberger und Niemand zu werfen, um ihre Figuren und Figürchen besser kennenzulernen.
