Eine drastische feministische Revue mit toxischer Rollenspielen, Tänzen und Liedern

Kritik: Dreschen. Ein Brauchtum, Rabtaldirndln

Text: Robert Goessl - 02.10.2026

Rubrik: Theater
„Dreschen. Ein Brauchtum“ von den Rabtaldirndln im Hoftheater Hainersdorf

Barbara Carli, Rosa Degen-Faschinger und Gudrun Maier beim Hochzeitshaus (Fotocredit: steirischer herbst/Johanna Lamprecht)

Willkommen im zum Theaterraum umgestalteten Stadl des Hoftheaters Hainersdorf, der seit 10 Jahren ländliche Heimstätte der Rabtaldirndln ist, bei einem „bunten“ Abend, der der Aufarbeitung der Tradition der Misogynie gewidmet ist. Es wird gesungen, getanzt und gespielt, wobei Barbara Carli, Bea Dermond, Rosa Degen-Faschinger und Gudrun Maier immer wieder in unterschiedliche Frauen- und Männerrollen schlüpfen. Die Bühne (Leonie Bramberger) besteht nur aus einem schlichten Podest, und in deren Hintergrund hängen anschaulich präsentiert drei Dreschflegel.

Gleich zu Anfang wird klar, dass hier keine unterschwelligen Botschaften präsentiert werden – die Rabtaldirndln nehmen den direkten Weg und stellen das Unverschämte konsequent dar. Es regiert der Zynismus, vor allem wenn die demonstrativ auf der Bühne verbreitete lockere Stimmung beim Singen eines Lieds mit Gitarrenbegleitung dem dessen Text entgegenwirkt: „Mei Voda ist Drescher und Drescher bin i. mei Voda drischt ‘n Howan und die Weiber drisch i.“
„Dreschen. Ein Brauchtum“ von den Rabtaldirndln im Hoftheater Hainersdorf

Bea Dermond, Barbara Carli, Rosa Degen-Faschinger und Gudrun Maier (Fotocredit: steirischer herbst/Johanna Lamprecht)

Die Schenkelklopfer im Alltag

Die bewusste Grenzüberschreitung wird mit Witzen fortgesetzt, die in die Kategorie „Altherrenwitze“ fallen, die jede(r) sicher nicht nur schon gehört hat, sondern die auch ständig in der Öffentlichkeit auftauchen, und die das Rollenbild einer patriarchalischen Gesellschaft widerspiegeln – ohne Tiefgang, aber mit umso mehr Tiefpunkten. Sie werden fast schon Konversation in aller Selbstverständlichkeit mit inszenierten Zwischenrufen präsentiert. Ich möchte an dieser Stelle keinen davon zitieren. Es reicht, ins nächste Wirtshaus zu gehen, um diese in ihrem natürlichen Lebensraum zu erleben, was auch die rhetorische Frage aufbringt: Werden diese als Grenzüberschreitung nur wahrgenommen, wenn sie auf der Bühne stattfinden, und sind ansonsten im Alltag Teil der Normalität?

Der Volkstanz als Square-Dresch-Tanz

Der folgende Tanz folgt einer strengen Choreografie, bei der den Dreschflegeln eine zentrale Rolle zukommt. Dabei wird so manches Gewohnte dekonstruiert und neu zusammengesetzt wie ein Hochzeitshaus aus den schlagenden Teilen. Doch es geht zu „Macarena“ auch ausgelassen zu, auch wenn es langsam beginnt, um sich immer weiter zu steigern – bis es aus den Fugen gerät mit Schlagen um sich und auch auf sich. – irgendwo steckt da immer die Gewalt als Wurzel in den Tanzchoreografien oder ist das nur ein Wehren gegen den Volkstanz als Abbildung der Hierarchie der Geschlechterrollen? Eines Brauchtums, das Männern die einfache Möglichkeit zu körperlicher Nähe und Berührungen aus Tradition ermöglicht? Denn: „Das Führen ist beim Volkstanz eine rein männliche Aufgabe. Folgen muss die Frau.“

Der Pick-Up Artist am Lande

Die Klinge wird zunehmend feiner und der Zynismus weicht immer mehr der Realität: So wird eine kleine Geschichte, erzählt und gespielt, die von der Macht des Autos, dem redlichen Bemühen um laufende kleine Grenzüberschreitungen und unverfrorenem Selbstbewusstsein handelt. Zielorientiert und mit strategischer Vorgangsweise führt der Weg von der Einladung zu einem Getränk über die Hand am Oberschenkel bis zum fast schon Stalking zum Körper der Frau. Dass sie namenlos ist, ist kein Zufall. Auch wird kein echter Gedanke an sie verschwendet, weil sie nur ein Objekt ist in seiner Gedankenwelt, und er scheint auch genau zu wissen, dass kein Widerspruch zu erwarten ist, sei es aus Angst oder weil ihr beigebracht wurde, dass sich das so gehört, und wenn: Was soll schon passieren? Vor allem, wenn alles, was für die Frau passiert, in gönnerhafter Manier dargeboten wird.
„Dreschen. Ein Brauchtum“ von den Rabtaldirndln im Hoftheater Hainersdorf

Der Mann Bea Dermond mit SEINER Frau Rosa Degen-Faschinger (Fotocredit: steirischer herbst/Johanna Lamprecht)

Mann weiß, wo SEIN Platz ist

Es ist die größte Sehnsucht des Mannes, ins perfekte Haus heimzukommen und alle SEINE von ihm erarbeiteten Besitztümer vereint zu erleben: Haus im Grünen, großes Auto und schöne Frau samt Kind. So wird die Szene einer Ehe präsentiert, die endgültig in die Toxizität führt. Da sind die Freundinnen die störenden Elemente in seiner Ego-Show – jede Party, die in SEINEM Haus stattfindet, ist SEINE Party, bei der er der Mittelpunkt ist und seine Frau als Trophäe zur Schau stellen kann. Es ist eine sehr unangenehme Darstellung mit enormem Fremdschäm-Potenzial, bei der zunächst die Frau und die Freundinnen nach kurzem Wehren klein beigeben, aber nach dem „Versöhnungssex“ der Ego-Shooter der anderen Art zunehmend aneckt, weil er meint, es sei nun einfach wieder alles in bester Ordnung und es gehe nun auch wieder weiter wie bisher, inklusive des Austauschs von Nacktfotos der Ehefrauen unter Freunden und Kollegen – man zeigt halt gerne seinen Besitz und seine Trophäen zum Angeben her. Doch am Ende steht das alleinige Ausgehen und Abtanzen mit den Freundinnen.
„Dreschen. Ein Brauchtum“ von den Rabtaldirndln im Hoftheater Hainersdorf

Bea Dermond (Fotocredit: steirischer herbst/Johanna Lamprecht)

Universum Männer als Naturdokumentation: Die Präsentation des Opfers

Die folgende Szene als mögliche Folge des vorigen widerständigen Verhaltens ist eine der stärksten und eindringlichsten der Inszenierung: Das Tanzen endet mit der gewaltsamen Zerstörung von Geschirr in einer symbolischen Küche, die hinter der Bühnenwand aufgeht. Auf den Gewaltexzess kehrt Ruhe ein, eine gespenstische Ruhe. Es wird auf einem Holztisch der weibliche Körper präsentiert, und langsam mit Blut, blauen Flecken und Scherben „geschmückt“. All das passiert in absoluter Gefasstheit, währenddessen im Ton einer Dokumentation Gewalt- und Femizid-Geschichten von den Protagonist:innen erzählt werden. Es gibt keine Schreie und keinerlei Aufregung – es ist wie die Darstellung des Selbstverständlichen, als würde man von natürlichem Verhalten von Raubtieren in der freien Wildbahn berichten, während es die passenden Bilder dazu zu sehen gibt. Es fließen die Gedanken hinein und das Blut heraus.
„Dreschen. Ein Brauchtum“ von den Rabtaldirndln im Hoftheater Hainersdorf

Gudrun Maier, Rosa Degen-Faschinger und Barbara Carli im Vordergrund, Bea Dermond im HIntergrund (Fotocredit: steirischer herbst/Johanna Lamprecht)

„Ich wünsch mir für meine Tochter einen besseren Mann als ich einer bin.“

Das Ambiente der detaillierten und fein choreografierten Inszenierung von Ed. Hauswirth wird zwar konstant, auch durch die allgegenwärtigen Dreschflegel, aufgeladen, die wie eine immer sichtbare latente Bedrohung über allem schweben, aber es gibt keine Schreie. Dort, wo die Gewalt sichtbar wird, wird konzentriert erzählt. Und dort, wo mit Zynismus begonnen wird, wird dieser von der Wirklichkeit eingeholt und der Witz verkommt zur Realität, unaufgeregt und gefasst. Er kehrt auf absurde Weise zurück mit einem Lachen der anderen Art. Beim Anti-Gewalttraining wird Männern gelehrt, „wenn es sich aufstaut“, zu versuchen, künstlich zu lächeln. Es wirkt zwar langsamer als das echte, kann aber dabei helfen, dass der Mann dann doch nicht zuschlägt. Und wenn er dann weg ist, erreicht am Schluss das Lächeln auch die weibliche Seite, in einem normalen Leben – erlöst und allein, aber nicht einsam, und ohne Angst: „Ich wache einfach auf. Und nichts tut weh. Der ganze Körper ist so gut und entspannt, aber auch so fit und alles, was ich tun mag, kann ich tun.“

„Dreschen. Ein Brauchtum“ von den Rabtaldirndln im Hoftheater Hainersdorf

Konzept und Umsetzung: Die Rabtaldirndln und Ed. Hauswirth Regie: Ed. Hauswirth Schauspiel: Barbara Carli, Bea Dermond, Rosa Degen-Faschinger, Gudrun Maier Bühne/Ausstattung: Leonie Bramberger Künstlerische Mitarbeit: Eva Weiler Technik: Armin Sauseng Musik/Komposition: Peter Aßlaber Produktionsleitung: Rosa Degen-Faschinger