Warmherzige Inszenierung des Fantasy-Klassikers

Kritik: Die unendliche Geschichte, Next Liberty

Text: Lydia Bißmann - 26.09.2026

Rubrik: Theater
Lisa Rothhardt als Steinbeisserin, Christoph Steiner (Bastian Balthasar Bux) und Simone Leski (Rennschnecke) in Die unendliche Geschichte im Next Liberty. (Fotocredit: Stella)

Lisa Rothhardt als Steinbeisserin, Christoph Steiner (Bastian Balthasar Bux) und Simone Leski (Rennschnecke) in Die unendliche Geschichte im Next Liberty. (Fotocredit: Stella Kager)

Zum Saisonauftakt bringt das Next Liberty Michael Endes fantastische Rettung der Fantasiewelt auf die Bühne. Regie führt der Hausherr Michael Schilhan selbst. Das Ergebnis sind eineinhalb Stunden Traumreise mit liebenswerten Figuren, klugen Ausstattungslösungen und sehr, sehr viel Herz.

Die Story von Außenseiter Bastian, dem strahlenden Kinderhelden Atréju und dem Rest der Bande ist auch sehr fix mit der Wolfgang Petersen-Verfilmung verbunden, die vom Weihnachtsfest kaum wegzudenken ist. Nicht unbedingt eine einfache Vorlage. Dem Team des Next Liberty ist es aber gelungen, dem oft erzählten und nicht ganz unkomplizierten Stoff einen frischen und klaren Auftritt zu verleihen, der vom Teamgeist und der Beherztheit des Ensembles, gut durchdachten Details und einer offenherzigen Regie lebt.

Artax (Manfredi Siragusa) und Atréju (beherzt und authentisch: Christine Kiesler). (Fotocredit: Stella Kager)

Lichtgestalten der Fantasie auf der Bühne

Die Handlung um die Rettung der kindlichen Kaiserin, die durch das Schwinden der menschlichen Hingabe an die Fantasie und das Träumen in ihrer Existenz bedroht wird, steht in der Inszenierung im Next Liberty nicht im Vordergrund. Es ist vielmehr die Interpretation der einzelnen Charaktere aus dem wohlbekannten Stoff, die das Stück zum Strahlen bringt. Mittendrin Christina Kiesler, die einen Atréju hinlegt, mit dem man Pferde stehlen und auch sonst so einiges anstellen möchte. Man will von der ersten Minute an mit dem mutigen Jungen mit der pinken Haarpracht befreundet sein und mit ihm Abenteuer erleben. Kieslers Hingabe ist ansteckend. Geschickt entfernt sie alle Ressentiments gegenüber der leicht nervigen Filmfigur Atréju und verleiht ihr einen warmen, menschlichen und differenzierten Anstrich, den sie braucht, um aus der Rolle eine glaubwürdige, dreidimensionale Erscheinung zu machen. Bastian Balthasar Bux (Christoph Steiner) benötigt diese Sozialkontakte dringend und darf erst am Ende mit seinen Fähigkeiten glänzen. Dazwischen meistert Christoph Steiner seine etwas undankbare und anstrengende Rolle als Leseratte am Bühnenrand mehr als bravourös. Atréjus herrliches Pferd Artax (Manfredi Siragusa), das leider im Sumpf der Traurigkeit versinken muss, spricht hier mit Akzent, was ihm noch mehr Eleganz, Würde und Anmut verleiht. Die Handpuppe mit den weißen Bändern lässt das wundervolle Tier nicht nur überirdisch schön, sondern auch sehr vital erscheinen.

Simone Leski als Glücksdrache Fuchur (Fotocredit: Stella Kager)

Mit Herz und Puschel-Wuschel-Schwanz

Simone Leski spielt die eleganteste Rennschnecke aller Zeiten und darf dann auch in die Rolle des Glücksdrachen Fuchur schlüpfen. Leskis Fuchur bricht mit der etwas altväterlich-konservativen Interpretation des filmischen Drachen. Ihre Version ist ein quietschvergnügtes, optimistisches Ulkwesen, das sich um das Gestern nicht schert und sich selbst und alle anderen mit Vertrauen, Zuversicht und Spaß erfüllt. Ein Puschel-Wuschel-Schwanz, Glitzerschuppen und ein charmanter Schnurrbart unterstützen diesen Auftritt. (Bühne und Kostüme: Alexia Redl.) Das ist unumstritten zeitgenössisch und artgerecht. Daneben gibt es noch einen verwegenen Werwolf mit Justin-Bieber-Frisur (Helmut Pucher) und ein herzallerliebstes Irrlicht, dessen Darstellerin (Lilian Heeb) auch die kindliche Kaiserin mimt, die hinter ihrem Schnürlvorhang atemberaubend majestätisch eingeführt wird. Geschickt und angemessen wird die uralte Morla, die Schildkröte mit Commitment-Problemen, als Mischung aus Person (Lisa Rohthard) und Projektion dargestellt, die sich leichtfüßig der Filmvorlage bedient und ihr so eine ganz besondere Note verleiht. Ein wenig unheimlich, dafür umso beeindruckender ist die Darstellung der giftigen Ygramul, die von mehreren Personen als Spinne verkörpert wird. Gespielt wird zeitweise auch jenseits der Bühne. Schlichte, aber effektive Interventionen, wie tausende Lichtflecken im Zuschauerraum, beweisen, dass das Publikum im Next Liberty nicht von Fantasiemangel betroffen ist und also keine Gefahr besteht. Die Musik von Komponist und Sounddesigner Reinhold Kogler, die die Inszenierung sanft und aufmerksam begleitet, unterstreicht Spannung, wo sie sein muss aber sorgt sonst für eine freundlich-kuschelige Atmosphäre. Daher muss man sich auch nicht allzu sehr vor der Giftspinne fürchten!

Helmut Pucher als Gmork, Werwolf der finstenis (Fotocredit: Stella Kager)

Niemand ist gut allein

Die unendliche Geschichte im Next Liberty ist eine fein ziselierte, warme und weltoffen angelegte Inszenierung, die neben der klugen Ausstattung und den gelungenen Kostümideen vor allem vom Miteinander des Ensembles lebt. Der Held Atréju trägt das ikonische Zeichen von Fantasia, den schützenden Glanz um den Hals. Tatsächlich glänzen hier alle und lenken das Licht auf sich und alle nebenstehenden. Das ist schön, warm, belebend und unglaublich empfehlenswert!

Die uralte Morla ( Lisa Rothhardt) und Christina Kiesler als Atréju. (Fotocredit: Stella Kager)

Lilian Heeb als kindliche Kaiserin (Fotocredit: Stella Kager)