Valère Novarinas Sprachfeuerwerk als zauberhaftes tiefes Eintauchen in die menschliche Existenz mit aller Leichtigkeit

Kritik: Die Rede an die Tiere, Navaridas & Deutinger

Text: Robert Goessl - 10.10.2026

Rubrik: Theater
„Die Rede an die Tiere“ nach dem Text von Valère Novarina von Navaridas & Deutinger im Theaterhaus

Alex Deutinger mit Scheibtruhe (Fotocredit Kati Göttfried)

Valère Novarinas dramatisches Werk zeichnet sich durch einen performativen Umgang mit Sprache aus. Für ihn sind die Wörter Material, das er zu einem Werk formt, sich konsequent an seinen spontanen Gedanken entlangarbeitend. Nahe der surrealistischen Traumlogik entstehen so Texte, die sich einem logischen Verständnis entziehen, aber genau dadurch ein tiefes Eindringen in die menschliche Art des Denkens ohne Nachzudenken erlauben. Als gelernter Österreicher lassen sich damit Assoziationen zur Wiener Gruppe herstellen. Und als gelernter Theaterzuseher ist man sicher, dass Peter Brook mit dem Setting der Inszenierung eine große Freude gehabt hätte.

Marta Navaridas und Alex Deutingers lassen mit Valère Novarinas Form der Sprache einen leeren Raum erblühen. Und dazu braucht es nichts, als eine Scheibtruhe, die Alex Deutinger in seiner Soloperformance mit sich führt. Sie dient als Stütze, Sitzutensil, Tanzpartnerin oder auch als Instrument und funktioniert auch großartig zum Verstecken. Die Choreografie lässt diesen Gegenstand immer wieder zu etwas Zauberhaftem werden, zu einer Art magischem Objekt, das, ebenso wie die Sprache fern der eigentlichen Funktion, Neues hervorbringt, und damit die Poesie von etwas ständig Entstehendem verkörpert.

Ein Mann mit einer Scheibtruhe auf der sonst leeren Bühne

Alexander Deutinger, der bei dieser Soloperformance in einer Art Marosenanzug gekleidet und vom Kopf bis über die Schultern weiß geschminkt ist, gibt als eine Art Clown Naivität vor in seinem Sprechen und in seinem spielerischen Handeln mit der Scheibtruhe. Er wirkt wie ein Kind, das zwischen den Sätzen Weisheit offenbart und damit auf den Grund des menschlichen Denkens zurückführt. Die Sprache schreibt sich im Raum fest und hallt nach, die Sätze fügen sich nicht immer, aber die kämpfen auch nicht gegeneinander. Es ist eine Reise ohne Ziel, aber mit einem Weg, der immer wieder neu entsteht, bei der die Sätze aufeinander in einer unschlüssigen Harmlosigkeit folgen, in der das ewige Hinterfragen des Daseins steckt: „In Bocksdorf fing ich bereits an, den Geschmack am Menschen zu verlieren.“ „In Hörsching war’s, wo ich Großen zweiten ersten Preis in terrestrischer Wirrsal errang.“
„Die Rede an die Tiere“ nach dem Text von Valère Novarina von Navaridas & Deutinger im Theaterhaus

Alex Deutinger (Fotocredit Kati Göttfried)

Brüche und Poesie: ein ständiger Versuch

Es entstehen wunderbare Bilder auf der Bühne, in denen sich das Malen mit Sprache mit den Bewegungen und den Interaktionen von Alex Deutinger mit der Scheibtruhe verbinden. Alex Deutingers konsequente Art, dabei immer auf das Publikum zuzugehen, und es dabei direkt anzusprechen, macht den poetischen Weltenraum des Texts konkret erfahrbar und man spürt, dass hier jemand einen Weg durch seine Gedanken sucht, in der Schreibtruhe sitzend, durch die Weltenwelt der Sprache treibend. Es ist ein ständiger Versuch, bei dem man schon einmal zu Boden fallen kann, aber man steht immer wieder auf, und beginnt von neuem, und wenn es einmal scheint, als würde man sich so verirrt haben, dass es nicht mehr weitergeht, dann steht im Text selbst wortwörtlich der rettende Szenenwechsel. Auch wenn Alexander Deutinger und die von ihm ausgesprochenen Gedanken nie stillstehen, so scheint doch der Wunsch nach einem Ende auch allgegewärtig: „Und ich flehte meinen Kopf an, er möge aufhören, sich mit Denken abzuplagen.“
„Die Rede an die Tiere“ nach dem Text von Valère Novarina von Navaridas & Deutinger im Theaterhaus

Alex Deutinger hält die Scheibtruhe mit beiden Händen (Fotocredit Kati Göttfried)

Ein Spiel mit dem Kindlichen und dem Erwachsenwerden in einer von Gott bestimmten Welt

Das Spielerische in der Inszenierung wird in zwei besonderen Momenten auf die Spitze getrieben: Alex Deutinger bastelt aus der Scheibtruhe, einem Stock und einer Saite einen Ein-Saiten-Bass, worauf ein kurzes, launiges Kinderlied folgt. Es ist ein Austoben, ein Ausprobieren und ein Ausflug in eine kindliche Fantasie, in der aus einfachen Dingen Wunderbares entstehen kann. Die Last des Erwachsenwerdens und die Hinterfragung eines Gottes, der die Menschen allein gelassen hat, schwebt später als eine beleuchtete Discokugel von der sonst dunklen Bühne. Alex Deutinger diese in die Hände nimmt und leicht zu drehen beginnt, als hätte er die Welt in seinen Händen. In diesem magischen Moment, ist es, als ob Alex Deutinger das Publikum steuert, weil sich durch die Reflexionen der Kugel an den Wänden der Raum zu drehen scheint. Raum und Sprache werden eins mit Fokus auf die Leere, die dazwischen liegt, als Abbild dessen, was uns antreibt, und uns im Denken scheitern lässt beim Versuch, neue Gedankenwelten zu erobern, und dabei immer wieder im Nichts zu landen, bis man das Weiße im Auge der Sprache sieht. „Kein Mensch geboren ist zum Sein gemacht, sondern lediglich zum Aufenthalt in sein Ideenloch.“
„Die Rede an die Tiere“ nach dem Text von Valère Novarina von Navaridas & Deutinger im Theaterhaus

Alex Deutinger hält die Welt in beiden Händen (Fotocredit Kati Göttfried)

Eine Reise ohne Ziel als Reise der Reise oder vielmehr der Sprache wegen

Valère Novarina fängt dort an, wo Ludwig Wittgenstein das Gas ausgeht, und die zauberhafte Performance, die tief in die menschliche Existenz eindringt, aber das mit einer unerhörten Leichtigkeit, setzt dort fort: eine Erklärung für Sprache konsequent nicht zu fordern, sondern als deren Faktotum zu agieren. Die Präsenz, die Alexander Deutinger dabei 70 Minuten lang auf der sonst bis auf die Scheibtuhe leeren Bühne zeigt, beeindruckt nicht nur, es macht richtig Freude, mit ihm auf diese Entdeckungsreise zu gehen, und man wird während des Zuschauens neugierig auf das, was als Nächstes kommt. Und am Ende hat man das Gefühl, nicht nur einem Spiel mit der Sprache beigewohnt zu haben, sondern einer Rebellion gegen die empfundene Sinnlosigkeit des Lebens in der Welt der „Zellteilungsfortpflanzviecher“ und „Menschreproduziermachinen“, wofür es nichts anderes gebraucht hat als die Sprache selbst und eine Scheibtruhe: „Nichts ist ohne Sprache. Alle Dinge schweigen. Wenn alle Dinge ohne Stimme schweigen, dann als Erwiderung, dass sie bereuen, noch da zu sein. Was wär die Welt sich selbst gewesen: eine Art zweckloses Grab.“
„Die Rede an die Tiere“ nach dem Text von Valère Novarina von Navaridas & Deutinger im Theaterhaus

Alex Deutinger (Fotocredit Kati Göttfried)

„Die Rede an die Tiere“ nach dem Text von Valère Novarina von Navaridas & Deutinger im Theaterhaus

Konzept, Choreografie und Regie: Marta Navaridas, Alex Deutinger Darsteller: Alex Deutinger Sound: Marta Navaridas Licht: Christina Bergner Ausstattung: Yuliia Makarenko Textarbeit, Sprechcoaching: Rudi Widerhofer Termine: 08.10. (Do), 09.10. (Fr), 10.10. (Sa) jeweils 19:00