Ulrike Arnold inszeniert Ionesco mit leichter Hand.

Kritik: Die Nashörner, Schauspielhaus Graz

Text: Sigrun Karre - 22.10.2026

Rubrik: Theater

Sebastian Schindegger, Thomas Kramer, Franz Solar, Otiti Engelhardt, Oliver Chomik (c) Lex Karelly

Menschen werden zu Nashörnern, Anpassung wird zur Epidemie: Ulrike Arnolds Inszenierung von Eugène Ionescos Klassiker am Schauspielhaus Graz sorgt mit lakonischem Witz und grandiosem Ensemble für treffsichere Déjà-vu-Momente.

Würstelstand, Nagelstudio, Kleintierpraxis: Die Welt ist eingerichtet und ausgewiesen, der Mensch kommt darin irgendwie zurecht. Oder auch nicht. In Ulrike Arnolds Inszenierung von Eugène Ionescos „Die Nashörner“ am Schauspielhaus Graz lässt sich das Unbehagen an dieser Gesellschaft bereits an den Körpern ablesen, bevor die Verwandlung beginnt. Wie diese Menschen stehen, gehen, einander ausweichen und sich behaupten, erzählt von einer Gesellschaft, die angestrengt eine Normalität aufrechterhält, die nicht existiert. Für das Unheil, das sich in ihr ausbreitet, bleibt wenig Aufmerksamkeit. Behringer hat es mit dem Zurechtkommen besonders schwer. Sebastian Schindegger spielt ihn als einen, dem die Selbstverständlichkeit des eigenen Daseins abgeht. Ans Leben, an sich selbst kann er sich nicht gewöhnen. Gewöhnt hat er sich stattdessen an ein, zwei, drei Bier, um nach dem Arbeitstag abzuschalten. Faszinierend, wie Schindegger diesen alltäglichen "Verlierertypen" verkörpert, als wäre ihm die Rolle ins schlaffe Fleisch und Blut übergegangen. Jede Körperspannung scheint ihm zu fehlen.

Sarah Sophia Meyer, Franz Solar, Sebastian Schindegger, Oliver Chomik, Anna Klimovitskaya (c) Lex Karelly

Absurdes Kreisen

Behringers Freund Hans hingegen ist angespannt, als käme er gerade vom Trimm-dich-Pfad. Er kommt auf dem E-Roller vorbei und weiß es besser. Thomas Kramer stattet dessen vermeintliche Sorge mit einer gehörigen Portion Selbstgerechtigkeit aus. Wer sein Leben im Griff hat, darf anderen schließlich erklären, wie es geht. Das Gespräch kreist, die Sätze greifen ineinander und laufen ins Leere. Arnold vertraut auf die Sogwirkung dieser Sprache, auf ihre Echos und gedanklichen Kurzschlüsse. Besonders in den Gruppenszenen der ersten Hälfte entwickelt das Ensemble eine präzise ausbalancierte Eigendynamik: Die Szenen haben Tempo, ohne zu hetzen, und eine spielerische Leichtigkeit, die das Zusammenspiel so komisch wie anregend macht. Gespräche überlagern sich, Behauptungen verselbstständigen sich, und aus der Anstrengung, etwas logisch zu erklären, wächst zuverlässig der Unsinn. Otiti Engelhardt als Logikerin und Oliver Chomik als ihr Gesprächspartner treiben die Frage, was vier Pfoten hat und deshalb eine Katze sein muss, mit köstlicher Ernsthaftigkeit voran. Absurdes Theater im besten Sinne also. Grandios ist dabei, wie das Ensemble bei aller Präzision den Eindruck bewahrt, dieser ganze Unsinn entstehe gerade erst zwischen den Figuren.

Sarah Sophia Meyer, Sebastian Schindegger (c) Lex Karelly

Flucht ins Detail

Dann läuft ein Nashorn durch die Stadt. Und dann noch eines. Oder war es dasselbe? Die Tiere nehmen als müllsackschwarze "Fatboys" Gestalt an. Ihre unförmige, zunächst beinahe harmlose Erscheinung hat etwas irritierend Banales. Gegen die Wände geschlagen, entfalten die Säcke jedoch eine klatschende, bedrohliche Wucht. Handys werden gezückt, Fotos gemacht, Einzelheiten erörtert. Nur Behringer bleibt vorläufig unbeeindruckt. Dass hier etwas grundsätzlich aus den Fugen gerät, geht im Reden darüber beinahe unter. Man verliert sich in pseudoakademisch aufgeblasenen Nebensächlichkeiten. Ob das Tier ein oder zwei Hörner hat, lässt sich immerhin eingehend erörtern. Darin liegt ein bekanntes psychisches Phänomen: Je weniger eine unablässig fortschreitende Welt noch zu fassen ist, desto mehr Halt versprechen Nebenschauplätze oder das überschaubare Detail. Franz Solar spielt zunächst einen liebenswert schrulligen, verlorenen alten Mann, dessen Welt sich um seine Katze dreht – bis zu deren tragischer Begegnung mit einem Nashorn. Behringer hat an der Imbissstube einen Mister-Bean-Moment, der allerdings weniger komisch wirkt als beunruhigend in seiner unmissverständlichen Metaphorik: Er zapft sich ein Getränk, doch es hört nicht auf zu fließen. „Hallo … Hilfe … Da läuft was“: In diesem hilflosen Benennen liegt etwas Seherisches. Etwas ist in Bewegung geraten, das sich nicht mehr aufhalten lässt. Einer der unheimlichsten Momente des Abends. Als Herr Wisser führt Solar in der Büroszene dann vor, wie problemlos sich Gewissheiten austauschen lassen. Erst wird die Gefahr geleugnet und die Glaubwürdigkeit der Presse angezweifelt – die heutigen Schlagworte dazu drängen sich auf - dann kippt die Abwehr in eine handfeste Verschwörungserzählung. Gewusst hat man es selbstverständlich immer schon. Dazu die lakonische Bemerkung, Nashörner habe es noch nie gegeben, außer in Geschichtsbüchern. So beiläufig-verschmitzt im Ton, so beklemmend in dem, was sie zu erkennen gibt. Smartphones, Laptops, ein E-Roller und ein Essenslieferdienst genügen als beiläufige Links zur Gegenwart. Die Regie muss Ionescos Parabel nicht mit Aktualitätsbeweisen überladen. Sie widersteht auch der Versuchung, die "stampfende Herde" zum hochdramatischen Spektakel auszubauen, und hält den Blick auf die Menschen gerichtet: auf ihre Ausflüchte und Eitelkeiten, ihren Selbstbetrug und ihre Sehnsucht, dazuzugehören.

Thomas Kramer, Otiti Engelhardt, Sebastian Schindegger, Anna Klimovitskaya, Sarah Sophia Meyer (c) Lex Karelly

Homebase ohne Kuschelfaktor

Franziska Bornkamms Bühne gibt dieser Gesellschaft eine nüchterne, auf Funktionalität ausgerichtete Lebens- und Arbeitswelt, die die karge, unbehauste Atmosphäre des klassischen absurden Theaters ausstrahlt. Vom öffentlichen Raum führt der Weg über das Büro in die privaten Behausungen, erst zu Hans, schließlich in Behringers winzige Garçonnière. Selbst das Wandbild dort eröffnet keinen Ausblick in eine idyllische Gegenwelt: Es zeigt eine Straße. Ein lakonisches Zwinkern, das verrät, wie viel Detailverliebtheit in dieser auf den ersten Blick so reduzierten Ausstattung steckt. Der Rückzug ins Private führt nicht zu mehr Sicherheit, sondern – ganz plakativ – bloß tiefer in die Enge. Das Mikroappartement lässt sich dabei als einer von vielen kleinen Hinweisen auf eine Gegenwart lesen, in der es für viele enger wird. Während sich die Schauplätze verengen, gewinnt die Rhinozeritis sichtlich an Volumen. Was draußen als merkwürdiger Zwischenfall beginnt, rückt Behringer immer näher. Auch Florian Rynkowskis Musik bewegt sich fein austariert zwischen spielerisch leichten Akzenten und sich verdichtender Dramatik.

Anna Klimovitskaya, Sarah Sophia Meyer, Sebastian Schindegger (c) Lex Karelly

Der Preis der dicken Haut

Körperbetonte Einlagen wie Otiti Engelhardts entzückend-absurdes Ausdrucksballett lockern das textlastige Geschehen auf. Zugleich gibt die Inszenierung ihrem exzellenten Ensemble Raum, Figuren bis in die kleinste Bewegung und Körperhaltung auszuarbeiten. Bei aller Überzeichnung entstehen Déjà-vu-Momente am laufenden Band. So sind wir halt. Aus der Distanz, die das absurde Theater zu diesen Menscheleien schafft, lässt sich diese unbequeme Erkenntnis mit Humor nehmen. Wie rasch das Spielerische ins Beklemmende kippt, zeigt sich besonders bei Behringers Besuch bei Hans. Thomas Kramers konditionsstarke Verwandlung wird zu einem der Höhepunkte des Abends. Der Mann, der eben noch wusste, wie man richtig lebt, hält den Humanismus plötzlich für überholt. Man müsse schließlich mit der Zeit gehen. Die körperliche Veränderung und die Verschiebung seiner Maßstäbe greifen ineinander. Die Rhinozeritis erscheint als vielschichtige Metapher für aktuelle gesellschaftliche Dynamiken, so auch als verstörendes Fortschrittsversprechen: Das Menschliche wird zur überholten Lebensform. Hans’ Absage an den Humanismus erhält vor dem Hintergrund technischer Selbstüberwindungsfantasien eine neue Schärfe. Wer Mensch bleibt, hat womöglich nur den Anschluss verpasst. Für Behringer keimt in seiner Liebe zur Bürokollegin Daisy (Sarah Sophia Meyer) kurz, aber heftig die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben jenseits der Herde auf. Doch auch sie erliegt schließlich deren Sog. Dass ausgerechnet er als einziger Mensch zurückbleibt, ist konsequent: Der gesellschaftliche Außenseiter, dem das Zurechtkommen von Anfang an so schwerfällt, widersteht auch der letzten, radikalsten Form der Anpassung.