Mit Glitzer, Kasatschok und Nostalgie zur Kunst des Loslassens

Kritik: Der Kirschgarten, Theaterfabrik Weiz

Text: Robert Goessl - 14.05.2026

Rubrik: Theater
„Der Kirschgarten“ von der Theaterfabrik Weiz nach Anton Tschechow im Volkshaus Weiz

Fotocredit Clemens Nestroy

Frei nach Anton Tschechow erzählen Bea Dermond und Clemens Zabini für Menschen ab 12 Jahren mit einem jungen Ensemble voller Energie die Geschichte eines Untergangs mit Hang zur Nostalgie. Dabei werden von der klassischen Geschichte aus Russland anfangs des letzten Jahrhunderts Bezüge zum Erwachsenwerden und zum Übernehmen von Verantwortung hergestellt. Im Volkshaus Weiz blickt das Publikum dazu auf der Bühne sitzend in die leeren Weiten des Saals, geschmückt mit ein paar Kirschblüten als Symbole für den Kirschgarten und das weitläufige abgewirtschaftete Landgut.

In Kasatschok-Manier und unter lauter Musik, die wirkt, als käme sie von der Kultband Russkaja, betritt das glitzernde Ensemble die Bühne und muss sich gleich einmal verausgaben. Auch wenn eine Geschichte aus der Vergangenheit erzählt wird: Heutzutage wird einem nichts mehr geschenkt, und so muss man sich eben bis zur Erschöpfung anstrengen. Nachdem Caroline Friedrich, Nina Haberecker, Jo Hammer, Lena Kraxner, Silas Schallerl-DeNenoble, Rosa Schinagl, Samuel Schoberlechner, Gustaf Zabini und Mathilde Zabini etwas Ruhe auf der Bühne gefunden haben, beginnen sie, etwas von sich selbst zu erzählen und auch über die Rolle(n), die sie heute spielen. Dabei darf der alte, schwerhörige und vergessliche Firs sich mehrfach als Running Gag beweisen. Auch wird sicherheitshalber gleich das Thema des Tschechow-Klassikers ausgebreitet.
„Der Kirschgarten“ von der Theaterfabrik Weiz nach Anton Tschechow im Volkshaus Weiz

Fotocredit Clemens Nestroy

Positive Vergangenheitsoptimierung auf dem Prüfstand

Und dabei auch analysiert, weil man sich die Frage stellt: „War früher wirklich alles besser?“ Am Beispiel der stolzen Gutsbesitzerin Ranjewskaja, die sich von ihrem Landgut in Russland nach Paris abgesetzt hat und deswegen pleite ist, und ihrer Sehnsucht danach, weil sie damit schöne Erinnerungen, vor allem an den Kirschgarten, der längst keine Früchte mehr trägt, verbindet, finden auch die jungen Darsteller:innen Dinge aus ihrer Kindheit, an die sie sich gerne zurückerinnern – an eine Zeit ohne Englisch-Tests und andere Herausforderungen – voller Momente der Geborgenheit. Doch bleibt eben nichts ewig und so manches Unangenehme aus der Vergangenheit verschwindet hinter einem sentimentalen Schleier. Denn die Möglichkeit, Neues zu entdecken und in die Welt hinauszugehen und vorauszublicken, ist doch das wahre Leben.
„Der Kirschgarten“ von der Theaterfabrik Weiz nach Anton Tschechow im Volkshaus Weiz

Fotocredit Clemens Nestroy

Moderierte Akte in den Weiten des Saals

So handelt man sich durch die vier Akte, immer moderiert von einer oder einem anderen der Akteur:innen. Mehrfach begibt man sich von der Bühne hinab in den fast leeren großen Saal, um sich dort an die kindliche Vergangenheit im Kirschgarten zu erinnern, wie zum Beispiel an das Kirschkernweitspucken. So lässt sich Tschechows Geschichte wiederholt mit den eigenen Geschichten der Darsteller:innen verweben. Doch bleibt die Zeit nicht stehen. Dafür muss ein Schauspieler als Telegrafenmast als Symbol für die neue Zeit herhalten, der von dieser Zweitrolle alles andere als begeistert ist. Man erinnert sich aber auch, dass es in der „guten alten Zeit“ auch noch Leibeigenschaft gab, womit Menschen im Besitz anderer Menschen waren. Die neue Zeit brachte also auch soziale Entwicklungen mit sich, aber auch die Segnungen und Flüche des Kapitalismus.
„Der Kirschgarten“ von der Theaterfabrik Weiz nach Anton Tschechow im Volkshaus Weiz

Fotocredit Clemens Nestroy

Partyfeeling zwischen Betrinken und Ertrinken mit 7–8 Brainrot

Ein letztes Mal wird die „gute alte Zeit“ in einem allerletzten Ball heraufbeschworen, bei dem schon feststeht, dass der reiche Aufsteiger Lopachin das verschuldete Gut übernehmen und den Kirschgarten zugunsten einer Feriensiedlung fällen wird. Dabei erweisen sich die jungen Darsteller:innen als sehr kreativ, lebendig und wandlungsfähig. Es werden aber allerlei Liebschaften sichtbar, man himmelt einander an, enttäuscht einander, Hoffnungen und Träume werden von der Realität eingeholt, auch weil hinter dem Verlassen des Guts durch seine Besitzerin ein Trauma eines Todesfalls eines ertrunkenen Kindes aufgrund ihrer Unaufmerksamkeit steckt. Mittendrin befindet sich der Student und begehrte Junggeselle Trofimow, der die kapitalistischen Umtriebe voraussieht und Gerechtigkeit und gleichen Besitz für alle fordert, aber seinen Reden keine Taten folgen lässt, und damit als romantischer, naiver Träumer abgetan wird. So bleibt trotz der kurzfristig erschaffenen vergnüglichen Scheinwelt am Ende nichts anderes übrig, als das Gut zu verlassen.
„Der Kirschgarten“ von der Theaterfabrik Weiz nach Anton Tschechow im Volkshaus Weiz

Fotocredit Clemens Nestroy

Das Faktotum einer vergangenen Zeit bleibt einsam zurück

Wenn am Ende der alte Firs als einziger verlassen von allen zurückbleibt, weil er so eng mit dem Gut und vor allem mit seiner Eigenschaft als Diener und Untertan verbunden ist, zeigt sich die Nüchternheit der neuen Verhältnisse. Wer sich an Dinge klammert und nicht vermag loszulassen, bleibt am Ende allein zurück. Erwachsenwerden ist kein Zuckerschlecken, doch wer meint, dass früher alles besser war, vergisst die traurigen Momente der Vergangenheit und verpasst die Möglichkeit, in Zukunft alles ein wenig besser zu machen. In diesem Sinne wird in dieser gut verdichtenden und auf den Punkt gebrachten Inszenierung von Bea Dermond und Clemens Zabini die Geschichte von Tschechow aus dem letzten Jahrhundert zu einer Metapher dafür, sich der Realität der Veränderung zu stellen und mitzumachen, anstatt sich zurückzuziehen und nur zuzuschauen.

„Der Kirschgarten“ von der Theaterfabrik Weiz nach Anton Tschechow im Volkshaus Weiz

Vorgeschlagen für Menschen ab 12 Jahren Regie:Bea Dermond, Clemens Zabini Ton, Licht, Musik: Clemens Zabini Darsteller:innen: Caroline Friedrich, Nina Haberecker, Jo Hammer, Lena Kraxner, Silas Schallerl-DeNenoble, Rosa Schinagl, Samuel Schoberlechner, Gustaf Zabini, Mathilde Zabini