Ein analoges Spiel über die Mechanismen der Ausbeutung
Kritik: Das Enshittification Game, Planetenparty Prinzip
Text: Robert Goessl - 28.09.2026
Rubrik: Theater
Man stelle sich eine Online-Plattform analog vor – mit einem simplen Spiel. Es steht der Spaß und der Zeitvertreib mit etwas Unterhaltung im Vordergrund. Wobei in dieser Inszenierung dem Spaß eine etwas andere und damit eine etwas konkretere Bedeutung zukommt.
Und es beginnt auch sofort – es gilt, keine Zeit zu verlieren, um Teil der Community zu werden. Direkt beim Eintritt erhält man einen Benutzernamen, den man im Übrigen nur zum Schein selbst wählen darf, ein Vorgeschmack darauf, dass vieles an diesem Abend nicht so ist, wie es scheint. Danach gibt es eine Befragung über Vorlieben, und entsprechend diesen Karten und Jetons – die den Namen „Spaß“ tragen. Es wirkt unschuldig, wenn man Hunde mag, oder gerne einen Whirlpool hätte. Die Karten, die es für jedes Motiv in drei Farben gibt, sind selbst von Susi Possnitz sehr liebevoll gestaltet, und zeigen in den Motiven so manche Ironie.

Fotocredit: Planetenparty Prinzip
Es beginnt ein entspanntes Spiel in einer angenehmen Atmosphäre
Wenn man dann den Theaterraum betritt, darf man sich einen Platz an einem Spieltisch aussuchen und man hat in dem detailreich von Andrea Meschik gestalteten Ambiente etwas das Gefühl, an einem Roulettetisch in einem Casino zu sitzen – wobei man hier stehen muss. Dafür wird im Übrigen dann später auch eine Abhilfe präsentiert. Die Regeln sind hier jedoch anders als im Casino: Der Clou ist, dass auf jeder Karte auch ein Wert ist, und das Spiel besteht dann darin, diese zu legen und dabei einen höheren Wert als hinter verschieden farbigen Masken etwas monströs wirkenden drei Dealer:innen Magdalena Hanetseder, Marita Landgrebe und David Valentek zu erreichen. Das wird mit weiteren höherwertigen Karten belohnt, und auch mit zusätzlichen Jetons – also mit mehr „Spaß“. Schnell lernt man, dass die Vorlieben gar nichts mehr zählen, sondern nur noch der Wert der Karten. Mit ein paar Sonderregeln und „Glück“ kann man weitere Karten und „Spaß“-Jetons erhalten. Und wenn einem das Glück verlässt, gibt es auch Alternativen.

Fotocredit: Planetenparty Prinzip
Die Möglichkeiten, dem Glück etwas nachzuhelfen
An Slot-Machinen kann man Glück und andere Karten eintauschen, und man kann sich auch von (niederwertigen) Karten trennen, was jedoch „Spass“ kostet. Und das Angebot wird laufend erweitert: Im Shop, betreut von Alexander Benke und Moritz Ostanek, die auch für Regie und Konzept verantwortlich sind, kann man Sessel, Snacks und Beutel für die Jetons erstehen, indem man seine Telefonnummer, Adresse oder Ähnliches verrät – was dann auf spezielle Karten kommt, anonymisiert mit den Benutzernamen, die dann auch in Umlauf gebracht werden. Mitunter gibt es dabei auch so manchen besonderen Vorteil zu erstehen. Und so beginnen fast alle, auch angeregt durch kurze Werbeunterbrechungen der Dealer:innen, Daten von sich herzugeben.

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Das Spiel mit den Regeln auf der Kippe
Dabei gibt es überall Regeln, an die man sich halten soll, was auch betont wird, mit dem Argument, dass es darum geht, dass jeder in der Community seinen „Spaß“ hat. Es geht sogar so weit, dass man durch richtiges Legen der Kartenfarbe, angepasst an die Maskenfarbe, Freundschaft mit einem der Dealer:innen gewinnen kann, wobei man wieder neue hohe Karten und Spaß-Jetons erhält. Mit der Steigerung der Komplexität nimmt auch die Hektik zu, und man spürt auch, dass so manche aus dem Publikum besonderen Ehrgeiz entwickeln, auch weil man durch eine Erweiterung der Regeln nun nicht mehr gegen die Dealer:innen, sondern gegeneinander spielen kann. So verlieren auch die Regeln an Wert, weil zunehmend alle auf ihren eigenen Vorteil aus sind. Das Ganze steuert dann auf ein ekstatisches Finale mit dem totalen Kontrollverlust des Publikums zu, bei dem die „Freundschaften“, also die Dealer:innen mit den von den „Freund:innen“ gesammelten Karten und dem erworbenen Spaß, gegeneinander antreten.

Fotocredit: Planetenparty Prinzip
Das Konzept der „Enshittification“
Den theoretischen Hintergrund zum Spiel liefert der kanadisch-britische Autor Cory Doctorow, der den Begriff für den Verfallsprozess digitaler Plattformen in drei Phasen geprägt hat: In einer ersten Phase richten sich Plattformen konsequent nach den Bedürfnissen ihrer Nutzer:innen, um möglichst viele Menschen zu gewinnen und langfristig an sich zu binden. Sobald diese Bindung stark genug ist, verschiebt sich der Fokus: zur Optimierung für Unternehmen und Werbekund:innen. In einer dritten Phase werden schließlich beide Seiten – Nutzer:innen wie Unternehmen – zugunsten der Plattform und ihrer Investor:innen ausgebeutet – und das Ganze konzentriert auf zweieinhalb Stunden im Theaterhaus. Man kann nur hoffen, dass Meta, Google und Co. die Performance nicht näher unter die Lupe nehmen, um diesen Prozess für sich weiter zu optimieren.

Fotocredit: kuma
Das Produkt ist nicht die Vorstellung, sondern das Publikum
Der Anspruch, ein interaktives Spiel mit einer Performance zu verbinden, ist hoch. Es soll einerseits komplex sein und andererseits einfach genug, damit das Publikum schnell die Regeln erfassen kann – was auch gelingt, aber dennoch wirkt viel vorhersehbar, und die einzelnen Vorstellungen sind sehr stark abhängig von der überbordenden oder mangelnden Publikumsbeteiligung und so mal mehr und mal weniger Dynamik entwickeln. Dennoch funktioniert diese analoge Umsetzung von digitalen Codes, auch weil die drei Dealer:innen das System mit hoher Konzentration und großem Einsatz am Laufen halten. So manche(r) lässt sich mitreißen und es beginnt ein Handel untereinander, um die Karte mit den eigenen persönlichen Daten zu bekommen, oder es wird versucht, den Menschen mit dem Benutzernamen auf einer Karte zu finden, um diese bei ihm für bessere Karten mit höheren Werten einzutauschen. Dass am Ende im Shop neben den in Umlauf gebrachten Adressen, Telefonnummern, Sozialversicherungsnummern und PINs aller Art auch ein Schuh und ein Handy befinden, lässt tief blicken. Und da man mit dem Gewinnen eigentlich gar nichts mehr zu tun hat, bleibt die Gewissheit zurück, zweieinhalb Stunden seines Lebens mit etwas Zeitvertreib totgeschlagen und dabei sich selbst verkauft zu haben.

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„Das Enshittification Game” vom Planetenparty Prinzip im Theaterhaus
Regie: Alexander Benke
Konzept: Alexander Benke, Moritz Ostanek
Performance: Magdalena Hanetseder, Marita Landgrebe, David Valentek
Bühne und Kostüm: Andrea Meschik
Illustration und Grafik: Susi Possnitz
Produktionsleitung: Sarah Mueller
Musik und Programmierung: Christof Ressi
Dramaturgie: David Wimmer-Wallbrecher
