Jugendjahre einer Ikone im Kino

Kritik: Bruno – Der junge Kreisky (2026)

Text: Lydia Bißmann - 05.10.2026

Rubrik: Film und Kino
Kritik: Bruno – Der junge Kreisky (2026)

Nils Arztmann überzeugt als junger Kreisky im gleichnamigen Film von Harald Sicheritz. (Fotocredit: DOR FILM/Petro Domenigg)

Harald Sicheritz hat sich mit 'Bruno – Der junge Kreisky' (2026) am Politikheiligtum der Nation bedient und einen frischen, amüsanten und warmherzigen Film daraus gemacht. Das liegt an der sattelfesten Regie, der profunden historischen Verarbeitung, aber nicht zuletzt auch an einem gelungenen Cast.

Der verstorbene Altkanzler Bruno Kreisky ist eine Figur, die man getrost als heilige Kuh der österreichischen Politik bezeichnen kann. Eloquenz, rhetorisches Geschick und Mut zu Entscheidungen prägen die Erzählung von der persona gratissima, selbst Irrtümer wusste er geschickt für sich zu nutzen. Harald Sicheritz ist trittsicher im Bereich der österreichischen Seele. Kaum jemand hat sie mit so viel Verve, Feingefühl, Humor und familiärer Liebe bemüht wie der Filmemacher und studierte Politikwissenschafter – in Filmen oder Serien wie 'Muttertag', 'Kaisermühlenblues', 'Hinterholz 8' oder auch dem Biopic 'Clara Immerwahr'. Für 'Bruno – Der junge Kreisky' (2026), produziert von Dor Film, bildet er die Vorkriegsjahre zwischen 1935 und 1939 ab, in denen der aus bürgerlichem Hause stammende Maturant, gespielt von Nils Arztmann ('Vienna Blood', 2022; 'Corsage', 2022), seine Bestimmung findet. Keine leichte Aufgabe für den jungen Darsteller, gibt es doch keine bewegten Bilder aus der Zeit Bruno Kreiskys während des Ständestaates und des Nationalsozialismus. Sein adoleszenter Kreisky ist beherzt, etwas ungestüm, lebensfroh und irgendwie noch nicht so ganz ausgewachsen. Federleicht nimmt die jugendliche Figur durch ihn Gestalt an und übernimmt das Ruder der Fantasie. Man kann sie sich vorher kaum vorstellen, so festgefahren sind die Bilder im Kopf vom SPÖ-Kanzler mit Wohlstandsbauch, Wollanzug und altväterlichen Gesten.
Kritik: Bruno – Der junge Kreisky (2026)

Maya Unger als Adele. (Fotocredit: DOR FILM/Petro Domenigg)

Fresher Cast mit Benefits

An seiner Seite Adele Holzer, eine Sozi-Frau aus gutem Hause, die zwar nicht vorgaukeln muss, sie gehe in die Tanzschule, um an SPÖ-Treffen teilzunehmen, trotzdem aber nicht so recht in die Arbeiterschaft der Fraktion Wieden passt. Die Aktivistin und Künstlerin wird von Maja Unger dargestellt, die der Rolle einen klugen, sinnlich-verträumten, aber trotzdem pragmatischen Turn gibt. Mehr Gefährtin als Geliebte, beißt die vor Lebensfreude nur so strotzende Figur oft mehr ab, als sie schlucken kann, und vereint gekonnt Enthusiasmus mit Schusseligkeit. Soi Schüssler ist die verschmähte Genossin, die ebenfalls mit sehr viel Klarsicht punktet, zum Schluss aber mit einer Wendung leben muss, die eigentlich nicht zur schön gezeichneten Kunstfigur Sissi Nesvadba passt. Wenig an ihrer Figur, die zum Thema Bürgerkrieg 1934 sehr viel Tiefgründiges von sich gibt und auch sonst keine Stereotype bedient, deutet auf eine Liaison mit einem Nazi aus rein taktischen Gründen hin.
Kritik: Bruno – Der junge Kreisky (2026)

Der Bürgersohn Bruno Kreisky verdient sich den Respekt der Genossen. (Fotocredit: DOR FILM/Petro Domenigg)

Glitzernde Nebenfiguren

Großes Kino ist die Besetzung der Nebenrollen, die nur so strotzt von Publikumslieblingen, die in oft recht originelle Rollen schlüpfen dürfen. Adele Neuhauser gibt die Merch-Verkäuferin, Proschat Madani die Würstelfrau, Gerhard Liebmann einen zynischen Polizeibeamten und Thomas Stipsits jenen Nazi, der in austrofaschistischer Haft mit dem Dissidenten Kreisky die Zelle teilt. Fast etwas zu eloquent für die schwierigen Zeiten ist auch Marie-Theres Futterknecht als Irene Kreisky, die der Wandlung ihres Sohnes, der trotzdem alles darf, mit besorgten, aber großbürgerlich-toughen Augen zusieht. Jürgen Maurer als Papa Kreisky punktet ebenfalls als etwas weltfremdes Familienoberhaupt des Clans. Wie kleine Sterne leuchten sie dem Hauptdarsteller den Weg, obwohl dieser ihn hervorragend selbst finden würde. Dieses Familientreffen der österreichischen Film-Haute-Volée ist rührend, warmherzig und passt auszeichnend zur historisch sensiblen Erzählung, die natürlich mit dem bekannten Humor der Sicheritz-Filme nicht spart. Verantwortlich dafür sind unter anderem die Historikerin Helene Maimann und der Kabarettschreiber Fritz Schindlecker, die am Drehbuch mitgeschrieben haben.
Kritik: Bruno – Der junge Kreisky (2026)

Soi Schüssler, Nils Arztmann. (Fotocredit: DOR FILM/Petro Domenigg)

Authentizität statt Ausstattung

Harald Sicheritz und seinem Team ist es gelungen, ein dunkles Kapitel der österreichischen Geschichte zu skizzieren, in dem es sehr viel Persönlichkeit, aber genauso viele Grautöne gibt. Die Präsenz der Spielenden und die fröhlich-dezente Erotik, wie sie etwa durch die FKK-Badeszenen oder Szenen im Stundenhotel entsteht, lockert diese Düsterheit auf, was nicht unpassend ist – schließlich geht es um sehr junge Menschen. Und man weiß ja, dass der Protagonist Folter, Flucht und Fremde überlebt, zurückkommt und Gratis-Schulbücher, den Mutter-Kind-Pass und die 40-Stunden-Woche einführen wird. Trotz schmalem Budget sind Ausstattung und Kostüme ein Film für sich. Authentisch, aber nicht zu aufdringlich, tanzen Kleider, Schuhe, Möbel und unglaublich schöne Architektur am Auge der Zuseher vorüber. Raffiniert, aber dezent ist das Spiel mit Hell und Dunkel, mit Grind und Glitter. Spiel und Handlung werden so ohne orgiastische Ausstattungsorgien gebührend begleitet. Bei gewissen Szenen allerdings fragt man sich dann doch, ob die Fahrt jetzt in ein Jungscharlager oder ins KZ geht – so groß ist die Unbeschwertheit der Protagonisten. Erleichternd unemotional, aber auf Dauer vielleicht etwas redundant, ist auch der Soundtrack, der ein ansonsten sehr eingängiges Lied, 'Die Arbeiter von Wien', in allen erdenklichen Varianten ertönen lässt. Das sind allerdings nur sehr kleine Schnitzer in einem insgesamt gelungenen und adäquat unterhaltsamen Kinofilm, der gekonnt und leichtfüßig Generationen vereint und große Lust auf Geschichte macht.