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Kritik: Biedermann und die Brandstifter, Planetenparty Prinzip / Franz von Strolchen
Text: Lydia Bißmann - 13.03.2026
Franz von Strolchen (Theater im Lend) und das Planetenparty Prinzip haben sich mit der Produktion „Biedermann und die Brandstifter. Eine Heimsuchung“, einen Theaterklassiker, der nach wie vor durch Schärfe und Unbequemlichkeit besticht, zur Brust genommen und in eine ungewöhnliche Aufführungsform gegossen.

Biedermann und die Brandstifter mit Nora Köhler, Moritz Ostanek, Marlen Weingartmann (Fotocredit: Edi Haberl)
Elegante Choreografie aus dem Nichts
Marlen Weingartmann übernimmt als Feuerwehrfrau die Kontrolle und spart nicht mit Anweisungen oder Anekdoten auf dem Weg. Die Schauspielerin, die Teil der Theaterfabrik Weiz ist und regelmäßig beim Kollektiv Planetenparty Prinzip mitwirkt, hat alle Hände voll zu tun. Neben dem Hausmädchen Anna, die im Stück als eine der wenigen mit einem Rest klarem Verstand hervorsticht, übernimmt sie neben der Rolle des warnenden Chors noch einiges mehr. Es sind immer neue Orte, die im Laufe der Produktion bespielt werden; das gesamte Team kennt sie vor dem Spiel so gut wie gar nicht. Annas Aufgabe als Biedermann-Hausmädchen ist auch jene, die Besucher:innen vor Ort zu koordinieren und wichtige Anweisungen zu geben, die dem Spielverlauf dienen. Sie tut das mit einer eleganten Leichtigkeit, als ob sie nie etwas anderes gemacht hätte, als sich um genau diesen Haushalt zu kümmern. Patzen würde vielleicht gar nicht auffallen, das tut Marlene Weingartmann nicht. Es sieht alles federleicht und selbstverständlich aus bei ihr, man fühlt sich nicht viel anders.

Biedermann und die Brandstifter wird immer in anderen Privatwohnungen gespielt. (Fotocredit: Edi Haberl)
Böses Funkeln und ein Spezialhandtuch
Der Biedermann-Plot, der textlich vom Regisseur mit einigen zeitgenössischen Adaptionen versehen wurde, ist schnell erzählt: Kleinbürger Biedermann kann gut über Brandstifter maulen, wenn er im Wirtshaus sitzt oder die Zeitung liest – klopfen die Bösewichte an seine eigene Haustür, wird er schnell ganz kleinlaut. Sein mangelndes Selbstvertrauen und sein eingeschränktes Denkvermögen bringen ihn dazu, den Zündlern im eigenen Haus noch die Streichhölzer zu überreichen. Moritz Ostanek füllt die Rolle des Ex-Ringers und Ex-Knackis Schmitz mit jeder Zelle seines Körpers aus. Die Core-Values des Planetenparty-Prinzips – Authentizität und sehr viel eigener Charakter in den Rollen – beherrscht er aus dem Effeff. Souverän mampft er sich durch den Kühlschrank der Biedermanns, spart nicht mit wortreichem Schmalz und Bröseln und gewinnt die Herzen der Zuseher:innen gänzlich für sich, als er nur mit einem Handtuch um die Hüften die Pflegeprodukte aus dem Biedermannschen Badezimmer feiert. Ungewohnt an ihm sind ein böses Glitzern in den Augen und ein Hauch von latenter Aggressivität in seiner Körpersprache. Diese neue Facette ist erfrischend, steht ihm ausgezeichnet und zeigt die Bandbreite seines spielerischen Könnens.

Moriz Ostanek als brandstifter Schmitz. (Fotocredit: Edi Haberl)
Texttattoos und andere Wahrheiten
Nora Köhler verleiht der Figur des höflichen Bösewichts mit dem amikalen Sprachduktus und den besten Manieren, Wilhelm Eisenring, einen neuen Drive. Völlig entspannt und gelassen bittet sie ihren unfreiwilligen Gastgeber, doch die Zündschnur zu halten, damit sie sie messen kann. Geschmeidig präsentiert sie ihm ihre temporären Tattoos auf Armen und Beinen, die – so wie Handtücher, Transparente oder Servietten – als Texthilfe dienen. Sie braucht kein diabolisches Augenfunkeln, keine Drohgesten. Es sind die paar Mikrosekunden mehr, die sie sich nimmt, bevor sie antwortet, die zenartige Ruhe, die sie ausstrahlt, wenn sie Biedermann ganz nebenbei erklärt, dass die Wahrheit doch immer die beste von allen Tarnungen ist. Weil sie niemand glaubt.

Nora Köhler als Wilhelm Eisenring. (Fotocredit: Edi Haberl)
Theatererfahrung mit Fun-Faktor

Nora Köhler. (Fotocredit: Edi Haberl)
Biedermann und die Brandstifter. Eine Heimsuchung

Nora Köhler, Moritz Ostanek. (Fotocredit: Edi Haberl)
