Anti-Kriegs-Spektakel zur Saisoneröffnung
Kritik: Bertha von Suttner – Die Waffen nieder!, Schauspielhaus Graz
Text: Lydia Bißmann - 28.09.2026
Rubrik: Theater
Mit der Grande Dame des Pazifismus, Bertha von Suttner, und der Bühnenadaption von Sandra Strunz’ Megaroman „Die Waffen nieder!“ eröffnet das Schauspielhaus Graz seine neue Saison. Zum ersten Mal in Österreich wird der pazifistische Klassiker und Sloganspender auf einer Bühne gezeigt.
Knapp zwei Drittel weibliche Autor:innen weist das Programm des Schauspielhauses Graz überschlagsmäßig auf, und so wundert es auch nicht, dass sich Intendantin Andrea Vilter für das Hauptwerk der 1000-Schilling-Frau, Bertha von Suttner entschieden hat. Für die Regie hat sie Regisseurin Sandra Strunz engagiert, die gemeinsam mit Dramaturgin Anna-Sophia Güther aus dem recht umfangreichen Liebesroman ein Antikriegsstück für die Bühne gestaltet hat.

Marielle Layher, Anna Rausch (Fotocredit: Lex Karelly)
Intrinsische Intimität als Glanzleistung
Hauptfigur Martha (Marielle Layher) ist wie Bertha von Suttner selbst Gräfin, gehört also zu einer Schicht, die den Krieg eigentlich als Daseinsberechtigung benötigt. Deswegen finden ihre zuerst kriegskritischen und dann pazifistischen Überlegungen wenig Anklang in ihrem Umfeld. Weder ihre Schwester Marie (Annette Holzmann) noch ihr Cousin (Dominik Puhl) oder ihr Hausarzt Luis Schwab finden am gegenseitigen Töten etwas Schlimmes. Im Gegenteil: Ihr Vater, der pensionierte General Graf Althaus (Anna Rausch), träumt von nichts anderem als vergangenen und künftigen Schlachten und lässt das auch in die Erziehung seines Enkels Rudolf einfließen, wobei er auch vor der Marterung von Hunden nicht zurückschreckt. Seine Tochter verliert beide Ehemänner an den Krieg und arbeitet sich sukzessive und unbeirrbar gedanklich in Richtung Zweifel an dem absurden Spektakel vor. Zart und robust zugleich wird sie von einer unglaublich beherzten Marielle Layher gespielt, die zärtliche Gesten, Intimität, philosophische Überlegungen, Aktivismus und zuletzt Resignation vollmundig, überzeugt und ohne jegliche Abkürzungen oder Schummelei auf die Bühne bringt.

Ensemble (Fotocredit: Lex Karelly)
Groteske Nabelschau des Adels
Ein weiteres Glanzlicht in der Produktion ist Anna Rausch, deren Performance vergessen lässt, dass es sich bei ihr um eine junge Frau handelt. Der bornierte, minderbemittelt wirkende Genera, der mit Kriegsverletzung und Stehsätzen über die Bühne stelzt, blüht bei ihr zu einer Witzfigur auf, die einem zugleich Gänsehaut beschert und die Lachmuskeln bemüht. Annette Holzmann bedient das absurde Fach einmal mehr treffsicher und ohne einen Anflug von Mühe. Sie hält ihrem Vater die Stange, zupft sinnlos aus Kleidung Verbandsmaterial und redet sich auf Wahrscheinlichkeiten aus, wenn es um das Überleben der Bekannten und Verwandten im Krieg geht. Ebenso nonchalant und sattelfest in ihrer Komik turnt Luisa Schwab als sensibler Sohn Rudolf, der zwischen patriarchalen Zwängen und Mutterliebe hin- und hergerissen ist, im Hintergrund an der schlicht-effektiven, sparsamen Ausstattung (Bühne & Kostüme: Sabine Kohlstedt) herum. Das Spiel mit Identitäten und Geschlechtern kommt in dieser Inszenierung sehr organisch daher und spielt inmitten der absurden Wortwechsel und Denkrichtungen wenig Rolle. Ziemlich amüsant sind die Gespräche zwischen Martha und ihrer Freundin Lori (Rainer Süssmilch als spontaner Einspringer). Sie hat selbst Brüder an der Front, kennt aber keine Furcht und hört in dem fast slapstickartigen Dialog nur das, was sie eben hören möchte. Ein Humor-Klassiker, der immer geht und hier noch mit einer schaurig-schönen Gruseligkeit aufgeladen wird.

Enselmble bei: Die Waffen nieder! (Fotocredit: Lex Karelly)
Pazifismus zwischen Zumutung und Leistungssport
Nach einem sensationellen Aufzug und erstem Drittel, in dem Kostüme, Text, Performance und Musik fast zu einem schräg-schaurig-klugen Gesamtkunstwerk verschmelzen, beginnt die Inszenierung leider ein wenig auf der Stelle zu treten. Die leisen Gesten, die lapidar hingeworfenen Bemerkungen zum Morden am Schlachtfeld und die Sorge um die eigenen Liebsten. (Martha ist keine Aktivistin, ihr Pazifismus entspringt nicht der Solidarität mit dem Fußvolk, das dem Feind serviert wird, sondern ihrem eigenen Schicksal), die redundanten Schwurbeleien um Gott und Staat und Feind sind es eigentlich, die einem den Schauer über den Rücken laufen lassen und weniger das inszenierte Chaos. Vor allem auch deshalb, wenn man daran denkt, welche noch viel, viel schlimmeren Dinge nach 1889, die Industrialisierung des Krieges und die Exaltiertheit des Nationalismus seitdem mit sich gebracht haben. Dieser wundervoll berührende Dreh geht zum Ende hin ein wenig verloren. Die blutige Lache, in der das Ensemble zu Ende hin versinkt oder sich zumindest eine Blasenentzündung holt, mutet hier irgendwie etwas deplatziert an und kann ihre Wirkung nicht angemessen entfalten, obwohl das Bild von Menschen in blutbefleckten Hochzeitskleidern zugegeben sehr stark ist.
Angewandter Pazifismus ist eine Disziplin, die wahnsinnig viel Übung braucht und selbst bei regelmäßigem Training unglaublich schwer auszuüben ist. Diese Botschaft ist von der Bühne des Schauspielhauses herab angekommen, und wird von den Zuseher:innen mit partiellen Standing Ovations honoriert.
Termine zu „Die Waffen nieder!“ im Schauspielhaus Graz auf KUMA.at
