Wenn Mütter ihre Kinder töten
Kritik: Atalanta steigt auf, Theater Kaendace / klagenfurter ensemble
Text: Robert Goessl - 24.04.2026
Rubrik: Theater
Der feministische Text von Kateřina Černá beschäftigt sich mit dem Mord am eigenen Kind sowie mit dem nachfolgenden Suizid – gemeinhin als erweiterter Suizid bezeichnet. In dieser Koproduktion zwischen dem klagenfurter ensemble und dem Theater Kaendace geht es um das Nachspüren einer kaum vorstellbaren Gefühlslage, ohne von Schuld zu sprechen, aber auch ohne zu beschönigen.
Am Anfang stehen die leere Schaukel als Videoprojektion und Sonja Kreibich allein in der Badewanne, umgeben von Wänden in einer scheinbaren Wohnung. Und es ist dieses „allein“, das Alleingelassenwerden, das Übrigbleiben als Frau, verlassen vom Mann, aber auch von der Gesellschaft, das sich als Thema durch die Inszenierung zieht. Konkrete Fälle aus dem Off werden verwoben mit antiken Mythen, in denen die Frau als Opfer zurückbleibt, ihrem Schicksal samt Kind überlassen, um dann zur Täterin zu werden, und damit auch Schuld auf sich zu laden – und zwar die ultimative Schuld. Denn was könnte furchtbarer sein als eine Mutter, die ihr eigenes Kind in der Badewanne ertränkt? Doch wo beginnt die Schuld?

Sonja Kreibich (Fotocedit: Günter Jagoutz)
„Wo ist die Crew?“
Der Übergang von den Stimmen aus dem Off auf die Bühne samt Rollenwechsel, vom Wasser in der Wanne auf das große Meer, lässt die Realität auf den ersten Blick entschwinden und antike Mythen auf den zweiten Blick zu einer ewigen unbequemen, patriarchalischen Wahrheit werden. Sonja Kreibich und Sissi Noé finden sich als Atalanta und Kind als symbolische Figuren, die mehr als sich selbst sind, auf einem sinkenden Schiff wieder. Den Stürmen ausgeliefert, von Atlas, der das Himmelsgewölbe stützt, verlassen, gestrandet auf einer Insel und dem Untergang geweiht, bleibt nur das Erzählen, das Sprechen, um das Unaussprechliche doch fassbar zu machen – etwas, das den meisten Frauen in ihrer ausweglosen Situation nicht zur Verfügung steht.

Sissi Noé und Sonja Kreibich (Fotocedit: Günter Jagoutz)
Die Heldin wird ausgestoßen und zur Frau degradiert
Die einstige Heldin Atalanta, von ihrem Vater ausgesetzt, weil er einen Sohn wollte, und einzige Frau unter den Argonauten, die Kämpferin und Jägerin und das Symbol der weiblichen Stärke, wurde zurückgelassen, weil sie nicht mehr gebraucht wurde oder im Zweifel in einer Männerwelt als Gefahr angesehen wird. Sie wird nun zum Symbol einer tief sitzenden patriarchalen und gesellschaftlichen Verantwortungslosigkeit, verbunden mit der Selbstverständlichkeit, sie habe mit der Situation zurechtzukommen, mit ihren Naturinstinkten als Mutter unabhängig von den Umständen, auch um der wahren Natur der Wirtschaft samt Gender-Pay-Gap Genüge zu tun.

Sonja Kreibich und Sissi Noé (Fotocedit: Günter Jagoutz)
Alle Geschichten sind unterschiedlich, aber haben fast gleich begonnen
Neben den mystischen Vorbildern in der Antike tauchen auch Schatten der Realität auf, wie der Schatten eines Mannes, den eine Mutter in ihrer verzweifelten sozialen Lage beginnt zu sehen, von dem sie, ihre Kinder und sich selbst bedroht fühlt. Da ist auch eine Mutter, die Angst vor ihrem Mann und Vater ihrer Kinder hat, der von nichts weiß und der nichts mitbekommen haben soll von den erneuten Schwangerschaften, nachdem er keine Kinder mehr wollte. Sein sexuell verfügbarer „Besitz“ und Untertan mit Störenfried(en), der nie etwas anders gelernt hat, als sich unterzuordnen, und in eine einsame Welt flüchtet, zwischen Depression bis hin zur Psychose, wird in dieser ihrer Welt allein gelassen.

Sonja Kreibich und Sissi Noé (Fotocedit: Günter Jagoutz)
Die Frau ist eben fürs Soziale zuständig
So unterschiedlich die geschilderten Geschichten sind, vom Mittelalter bis jetzt, sie beginnen im besten Fall mit einem seetauglichen Schiff samt Crew und im schlimmsten Fall mit Vergewaltigung und Folter und enden vor Gericht, meist nicht, weil die Mutter ihre Kinder gehasst hat oder Rache nehmen wollte, sondern weil sie von der Gesellschaft isoliert in einer für sie aussichtslosen Welt gefangen war. So drastisch das klingt, die Art und Weise, wie diese Situationen auf der Bühne erzählt werden und ineinander übergehen, auch mit dem Versuch, die jeweiligen Mütter in einer mythologischen Welt zu spiegeln, mitunter in einer Welt, wie sie sich für die Betroffenen anfühlen könnte, wirkt trotz der fantasievollen und emotional fordernden Textfläche sachlich. Frau kommt immer wieder zur Ruhe, als würden sie sich auch gelegentlich in einen scheinbaren Zufall fügen, wer von den beiden Schauspielerinnen nun welche Rolle annimmt.

Sonja Kreibich und Sissi Noé (Fotocedit: Günter Jagoutz)
Vom Hinaufsteigen ins Bodenlose
Die von Katrin Eingang gestaltete Bühne mit verschiebbaren Wänden formt nicht nur die Räume für diese Welten zwischen antikem Mythos und knallharter Realität, das fragmentarische Andeuten von Wirklichkeiten, lässt diese ineinander fließen. Es sind die Momente, die am einprägsamsten sind, wenn eine Treppe ins Nichts führt, ohne Dach und Boden, die sowohl einen Fall ins Bodenlose als auch ein Schweben nach oben und nach unten verkörpert, und so den Gedanken den Raum geben, weitergedacht zu werden – über den Abgrund hinaus. Ebenso angepasst wie unpassend, aber auch rotzig wirken Musik und Sound von Grilli Pollheimer, die immer wieder die Kontrapunkte der Inszenierung zwischen stürmischem Meer und rettendem Ufer aufzeigen. Doch nichts ist einfach in dieser Welt, wenn das Verständnis auf die Probe gestellt wird, wenn die letzten überlieferten Zeilen der wohl berühmtesten Kindesmörderin Magda Goebbels zitiert werden.

Sissi Noé und Sonja Kreibich zwischen den Wänden (Fotocedit: Günter Jagoutz)
Von rauen, unbändigen Gewässern durch ruhiges Fahrwasser zum sicheren Hafen
Das Ende hat einen Anfang, der gemeinhin ignoriert wird. Denn am Ende steht einfach nur ein Monster. Dass von Anfang an strukturelle, psychische und physische Gewalt ständig dabei war, wird dabei leicht vergessen. Es ist die Kunst des klugen und konzentrierten Textes von Kateřina Černá und der einfühlsamen und bedachten Regie von Anja M. Wohlfahrt, diese auch sichtbar zu machen, ohne Fakten zu verschleiern, und Erklärungen und Lösungsmöglichkeiten aufzuzeigen, statt zu verdammen. Das überlegte, manchmal ausgelassene und manchmal zurückhaltende Spiel von Sonja Kreibich und Sissi Noé verleiht der Inszenierung einerseits große Eindringlichkeit, bietet aber andererseits auch die Möglichkeit zur Distanz. Es gilt, der Sprachlosigkeit etwas entgegenzusetzen, gesellschaftliche Verantwortung zu fordern, statt sich zwischen Bedauern und Schuldzuweisungen zu empören. Wobei es dazu keiner großen Mittel bedarf:
Mittlerweile weiß man, dass nur ein paar mehr Hausbesuche einer Hebamme die Kindstötung massiv einschränken würden. Schon damit verschiebt sich ein wenig die Achse der Welt – es muss nicht Atlas das Himmelsgewölbe mit aller Macht stützen. Und genau deswegen stellt dieser sehenswerte, aber auch herausfordernde Abend Fragen an uns alle, aber vor allem an die männliche Hälfte der Menschheit:
„Wo ist die verdammte Crew? Wo ist das Dorf, das es braucht, um ein Kind zu erziehen?“

Sonja Kreibich und Sissi Noé (Fotocedit: Günter Jagoutz)
„Atalanta steigt auf“ von Kateřina Černá im ARTist´s (Theater Kaendace)
Darstellerinnen: Sonja Kreibich, Sissi Noé
Text: Kateřina Černá
Regie: Anja M. Wohlfahrt
Bühne & Kostüm: Kathrin Eingang
Musik: Grilli Pollheimer
Licht- und Tondesign: Lorenz Meiler, Konrad Überbacher
Regieassistenz: Kerstin Haslauer
Dramaturgie: Alexander Mitterer
Produktionsleitung: Susanna Buchacher
Termine:
06.05. (Mi), 08.05. (Fr), 09.05. (Sa), 12.05. (Di), 13.05. (Mi), 15.05. (Fr), 16.05. (Sa) 19.05. (Di), 20.05. (Mi) jeweils 20 Uhr
im ARTist’s (Schützgasse 16, 8020 Graz)
Kartenreservierung per Mail unter karten@theaterkaendace.at

Sonja Kreibich (Fotocedit: Günter Jagoutz)
