Gegen die Geschlechterungleichheit mit Virginia Woolf

Kritik: A Room of One’s Own, Theater Quadrat / Zweite Liga für Kunst und Kultur

Text: Robert Goessl - 27.04.2026

Rubrik: Theater
„A Room of One’s Own” vom Theater Quadrat und der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Vera Hagemann (Fotocredit: Nicolas Galiani)

Was ist der Raum zu seiner Zeit und kann daraus ein Frei-Raum mit einer Frei-Zeit werden? Beides zu haben, ist nach wie vor für Frauen nicht selbstverständlich. In „A Room of One’s Own“ erhob Virginia Woolf bereits 1929 ihre Stimme zu einem Manifest des weiblichen Schreibens.

Das Theater Quadrat und die Zweite Liga für Kunst und Kultur nehmen sich dieses Textes und weiterer Essays von Virginia Woolf an, die traurigerweise noch viel Aktualität besitzt. Entsprechend liegt die Hauptrolle an Vera Hagemann, die in die Figur der Virginia Woolf und ihrer Alter Egos schlüpft, umgeben von zwei alten weißen Männern (Werner Halbedl und Alexander Kropsch), die sich in ihrem Selbstverständnis als überlegen empfindend immer wieder einmischen, um einfach mal auf lässige Weise ein paar sture Fakten von sich zu geben, ohne sich in die tatsächliche Situation einzufühlen. Es ist eben ihr Daseinszweck, um jeden Preis Präsenz zu zeigen, um ihre Wichtigkeit und ihren Status vor aller Welt zu bestätigen – auch wenn es manchmal noch so lächerlich wirkt. Es ist, als ob Mann etwas glaubt zu begreifen, das er nicht begriffen hat, oder vielleicht sogar gar nicht erst begreifen will – und es wird mit viel gehobener Selbstironie gespielt.
„A Room of One’s Own” vom Theater Quadrat und der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Werner Halbedl und Alexander Kropsch (Fotocredit: Nicolas Galani)

Das Fiktionale als Hebel für die Suche nach der Wahrheit

Doch die Macht auf der Bühne gehört Vera Hagemann, die den Raum für sich erobert und in unterschiedliche Figuren von Virginia Woolf schlüpft, sei es Mary Beton, Mary Seton oder Mary Carmichael. Es ist, als ob eine Frau sich eine neue Identität erschaffen muss, um mit dieser in einer Geschichte in die Welt treten zu können, weil in der Realität der Raum sich nur fiktional zu öffnen scheint – als Hebel, um dann dort doch als Frau andocken zu können. Oder als einzigen Weg, sich in einer patriarchalischen Realität Raum zu erobern, auf dass die Idee auf der Suche nach der Wahrheit hilft. So tastet sich der Text voran als fiktive Recherche in der fiktiven University of Oxbridge, auf der Suche nach der Wahrheit über „Frauen und Literatur“. Und dafür braucht es auch fast nichts auf der nahezu leeren Bühne, denn für das wahre Bühnenbild sorgen die Sounds von Zlata Zhidkova, die von einem Podest aus den Raum befüllen, mit Stimmungen der Spannung, der Angst und der Unsicherheit, um die hinter dem Text liegende Gefühlswelt durch Hörbarkeit spürbar zu machen.
„A Room of One’s Own” vom Theater Quadrat und der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Vera Hagemann und Zlata Zhidkova (Fotocredit: Nicolas Galani)

Eine universitäre Männergesellschaft

Mit viel Zynismus wird die Literatur der Männer über Frauen untersucht, was durch Virginia Woolfs exzellente Formulierungen zu einer Untersuchung von Männern wird. So ist von „Herren ganz ohne Abschluss, deren einzige Qualifikation darin zu bestehen schien, dass sie keine Frauen waren.“ die Rede und von der Wut, die in der aggressiven Abwertung von Frauen in den von Männern geschriebenen Texten steckt. Doch woher kommt diese Wut? Um im Kampf unter Männern bestehen zu können, braucht es das „unbezahlbare Gut“ des Selbstbewusstseins, das sie nur dadurch erlangen konnten, indem sie Frauen jahrhundertelang als Zerrspiegel verwendet haben, „in denen die Gestalt des Mannes auf magische und erbauliche Weise in doppelter Lebensgröße erscheint.“
„A Room of One’s Own” vom Theater Quadrat und der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Vera Hagemann, Alexander Kropsch und Werner Halbedl (Fotocredit: Nicolas Galani)

Die Frau als „ein Wurm mit Adlerschwingen, eine Sphärengestalt in Küchenschürze“

Es braucht auch nicht viel Licht, und wenn, dann nur ein fokussiertes, um zu entdecken, warum Frauen kaum selbst Literatur schaffen konnten. Virginia Woolf war bewusst, privilegiert zu sein, durch eine Erbschaft finanzielle Unabhängigkeit erreicht zu haben und in einer Zeit zu leben, in der Frauen zumindest theoretisch fast schon Männern gleichgestellt waren, fernab jeglicher gesellschaftlicher und wirtschaftlicher Realität. Im Gegensatz zur realen Rolle, ohne Chance auf Bildung, ohne finanzielle Mittel, weitestgehend unsichtbar in der Geschichte, gibt es sie doch als literarische Figuren, als Männerfantasien „im Taumel der Dichtung – wo sie allen möglichen umherfließenden Geistern und aufzuckenden Kräften als Gefäß dient“. Der eindringliche und konzentrierte Vortrag, der gesellschaftliche und alltägliche Grausamkeiten auflistet, samt Täter-Opfer-Umkehr, lässt so manchmal das Blut gefrieren. Das Scheitern der fiktiven Schwester Judith von William Shakespeare an der patriarchalischen Realität des 17. Jahrhunderts ist nur ein berühmtes Beispiel, doch gilt es mit den Alter Egos gemeinsam den Kampf im 20. Jahrhundert aufzunehmen, in ihrem Namen zu schreiben, als Frau zu schreiben, über Frauen zu schreiben, und sei es aus der Verzweiflung heraus, doch immer wieder an eine gläserne Decke zu stoßen. „All diese in pechschwarzer Dunkelheit verborgenen Leben gilt es zu dokumentieren. Sie alle musst du mit der Fackel fest in der Hand erforschen.“
„A Room of One’s Own” vom Theater Quadrat und der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Vera Hagemann (Fotocredit: Nicolas Galani)

Ein Theater als dramatische Lecture-Performance, getragen von Virginia Woolf und Vera Hagemann

Die Inszenierung ermöglicht das Eintauchen in einen Text, und in den Raum, den sich der Text nimmt, der so wie das Podest mit Vera Hagemann und Zlata Zhidkova immer näher an das Publikum heranrückt. Es ist zugleich ein wilder Ritt und eine kluge, scharfzüngige und raffinierte Analyse, die am Ende Hoffnung gibt, aber auch fordert. Der weise Satz: „Vielleicht kann ein rein männliches, sozusagen männlich-maskulines Hirn ebensowenig kreativ sein wie ein rein weibliches, sozusagen weiblich-feminines.“ könnte am Ende stehen, denn sowohl Poesie wie auch das Leben brauchen eine Mutter und einen Vater. Die Überwindung dieser Trennung ist eine Anstrengung, die sich lohnt, und so spricht Virginia Woolf ihren Geschlechtsgenossinnen und vermutlich nicht nur diesen Mut zu, fordert aber auch Durchhaltevermögen und einen langen Atem, um eine gerechtere Welt, in der alle Geschlechter die gleichen Möglichkeiten haben, zu erschaffen: „Aber Sie beschreiten nun eine neue Phase Ihrer sehr langen, sehr mühsamen und in pechschwarzer Dunkelheit liegenden Karriere. […] Doch ich bleibe dabei, dass sie erscheinen wird, wenn wir für sie arbeiten, und diese Arbeit, selbst in Armut und pechschwarzer Dunkelheit, die Mühe wert ist.“
„A Room of One’s Own” vom Theater Quadrat und der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Zlata Zhidkova und Vera Hagemann (Fotocredit: Nicolas Galani)

„A Room of One’s Own” vom Theater Quadrat und der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Darsteller:innen: Vera Hagemann, Zlata Zhidkova, Werner Halbedl, Alexander Kropsch Klangdesign u. Musik: Zlata Zhidkova Bühne u. Ausstattung: If Nickl Technik: Peter Spall Konzept u. Textfassung: Vera Hagemann, Alexander Kropsch Inszenierung: kollektiv Öffentlichkeitsarbeit: Andreas Stangl Termine: 25.04. (Sa), 28.04. (Di), 29.04. (Mi), 30.04. (Do), 06.05. (Mi), 07.05. (Do), 09.05. (Sa), 12.05. (Di), 23.05. (Mi) jeweils 19:00 im THEATERHAUS Graz Kaiser-Franz-Josef-Kai 50 8010 Graz Kartenlink
„A Room of One’s Own” vom Theater Quadrat und der Zweiten Liga für Kunst und Kultur im Theaterhaus

Fotocredit: kuma